Südlich vom Schloss befindet sich mit der evangelischen Stadtkirche in Göppingen, die größte Renaissancekirche der evangelischen Gläubigen im deutschprachigen Raum. Sie ist eines der Wahrzeichen der Stadt Göppingen.

Wir fahren mal kurz übern Berg, das war unser heutiges Tagesvorhaben. Wenn wir von ‚übern Berg‘ sprechen, dann meinen wir damit – es geht am Hohenstaufen, einem der Drei-Kaiserberge, vorbei nach Göppingen im Nachbarkreis von Schwäbisch Gmünd. Göppingen war bis zu meinem selbstgewählten Bildungsauftrag „Heimatkunde“ für mich ziemlich uninteressant was Sehenswürdigkeiten betrifft. Warum? Das könnt ihr bei meinem Rundgang durch Göppingen erfahren.

Aber so aufgedrückte Stempel habe ich im Rahmen meiner Exkursionen durch meine Heimat bereis mehrfach überarbeitet. Ellwangen, mit sehr vielen Kirchen, war so eine Stadt, bei der ich ganz gehörig meine Meinung dazu geändert habe. Auch da gab es einige Schätzchen zu entdecken, z.B. auf Schloss ob Ellwangen und in dem kleinen Kapellchen in Schrezheim. Auf Göppingen wurde ich neugieriger durch meine Stauferspuren, die eben auch in die Stauferstadt Göppingen führen. Vor allem in die Oberhofenkirche, die vor der Stadtkirche schon von uns besucht wurde. Und wenn wir denn schonmal in Göppingen sind, nehmen wir den Rest auch gleich mit – so war mein Denken. Also auf zur

Besichtigung der evangelischen Stadtkirche in Göppingen

der man von außen eigentlich nur durch den Kirchturm ansieht, dass hier eine Kirche steht. Bei der ganzen Besichtigung verstärkte sich dieser Eindruck noch – es ist keine Kirche, wie man sie als Kirche gewohnt ist und erwarten würde. Deshalb gibt es gleich die

Außenansicht von der evangelischen Stadtkirche Göppingen

Kein Chor, und dem äußeren Erscheinungsbild eher einem normalen Haus ähnlich – das war von den Bürgern der Stadt so gewünscht. Es sollte nicht nur ein Gotteshaus werden, sondern auch ein weltlicher Bau sein.

Außenansicht evang. Stadtkirche Göppingen 0480
Außenansicht evang. Stadtkirche Göppingen 0270
Außenansicht evang. Stadtkirche Göppingen 0463

‚Frühe Vögel‘, so wie wir heute unterwegs waren, haben einmal Glück und einmal nicht? Bei der Oberhofenkirche hatten wir das Glück nach einem Gottesdienst in die, über die Wintermonate geschlossene, Kirche zu kommen. Und hier, vor der Stadtkirche …. eine verschlossene Türe. Dieses Los kennen wir ja bereits 🙂
Unser Glück war jedoch

die Eingangstüre an der Stadtkirche Göppingen

die mich hat lange davor verweilen lassen. Sooooo lange, bis der Mesner (beider Kirchen) angefahren kam „Tut mir leid, ich bin heute ein bisschen später dran. Ach, wir kennen uns doch?“ Jaaaa … von der Oberhofenkirche 🙂

Macht nichts, die kleine Wartezeit, die Eingangstüre hat mir inzwischen eine Geschichte erzählt. In einer Gestaltung, wie ich sie noch nie bei einer unserer Kirchenbesichtigungen so gesehen habe. Ab 1990 wurde an der Türgestaltung gearbeitet, die nicht, wie sonst so üblich eine Geschichte von Jesu erzählt. Nein, es ist zwar eine christliche Botschaft in den Darstellungen enthalten, aber in moderner zeitgemäßer Ausführung.
Auf der linken Seite beginnt das Leben mit der Geburt. Nachdenklich lässt die Symbolik der hastenden Menschen werden, die zunehmende Gleichgültigkeit untereinander. Jedes einzelne Feld mit einer strahlenden Christusfigur im Hintergrund, so, als wolle uns der Künstler sagen – er ist immer mitten unter uns, egal in welcher Stiuation.

Recht und Gerechtigkeit auf der rechten Türhälfte, die Diskussion unter den Konfessionen, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und geht achtsam mit unserem Planeten um.
Es lohnt sich, diese Türgestaltung näher zu betrachen und die Bildergeschichten auf sich wirken zu lassen. Früher ja weitverbreitet, um das lateinische Wort über Bilder greifbarer zu machen.

Auch der Rahmen der Türe verdient mehrere Blicke. Unser Leben, unsere Geschichte – verbunden mit der Symbolik der Kirche.
So findet man Dietrich Bonhoeffer als Symbolfigur des kirchlichen Widerstandes „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag ….“ genauso wie den Architekt der Kirche, Heinrich Schickhardt oder den Herzog von Württemberg.
Mich hat diese Gestaltung und die Symbolik zu den Geschichten fasziniert.

Bevor mich das nächste WOW im Inneren der Kirche überrollt hat,

ein bisschen Geschichte zur Stadtkirche in Göppingen

die, ich wiederhole mich da bei jeder Kirche, weit zurückgeht. Auch hier gibt es wohl mehrere kleine Vorgängerbauten. Erwähnt wurde 1348 eine Johanneskapelle. 1425 wurde sie nach einem Stadtbrand als Gotikbau wieder aufgebaut und war nach Einführung der Reformation 1534 die einzige evangelische Kirche innerhalb der Stadtmauern. Die Oberhofenkirche lag ja damals außerhalb den Stadtmauern und war durch das Stift zunächst noch katholisch geblieben.

Sind es bei einigen Kirchen die größeren und kleineren Wunder, die überliefert wurden – oder wurde der Strom der Wallfahrer zu groß und die Kirche musste vergrößert werden, so war es in Göppingen ein Wasser, welches für die neue Kirche verantworlich war. Es wurde so um 1404 in Göppingen eine Mineralquelle entdeckt, der Göppinger Sauerbrunnen. Dass dieses Wasser wohltuende Wirkungen hat, sprach sich wohl schnell herum. Auch Johannes Kepler weilte in Göppingen um seiner Gesundheit Gutes zu tun. Aber nicht nur er, auch der Herzog samt Hofstaat weilten im Schloss in Göppingen. Und je mehr Besucher kamen, desto kleiner wurde die Johanneskapelle. Die Stadt bat beim Herzog 1613 um den Bau einer größeren Kirche. Die Genehmigung wurde erteilt, aber mit der Auflage, dass sich auch die Stadt an den Kosten zu beteiligen hat.

Die Wahl eines Baumeisters fiel dem Herzog nicht schwer, Heinrich Schickhardt sollte es sein, der 1608 zum herzoglich-württembergischen Landbaumeister ernannt wurde und schon einige Aufträge vom Herzog erhalten hatte, so auch den Bau der Kirche St. Martin in Montbéliard in Burgund. Das war nicht von ungefähr, denn durch die Heirat 1397 von Graf Eberhard (der von Bad Urach) mit der Erbin von dieser Grafschaft Mömpelgard, war diese bis 1793 im Besitz der Württemberger. Vielleicht wollte Schickhardt es sich einfach machen, wer weiß? Jedenfalls nahm er sich diese Kirche als Vorbild für den Bau der neuen Stadtkirche. 1619 konnte der jüngere Bruder des Baumeisters die Einweihungspredigt halten. Er wirkte als Dekan in Göppingen. Ich bin ja immer wieder fasziniert von den ganzen ‚Verbandelungen‘. 🙂

Die Zeit der Kriegereien wurde massiv, trotzdem kam die Stadtkirche weitgehendst heil durch dieses Zeit. Wie ihr in meinem Bericht über Nördlingen nachlesen könnt, kam auch Göppingen 1634 unter österreichische Herrschaft und damit wurde (wie auch in anderen Orten) von den Bürgern verlangt, sich zum katholischen Glauben zu bekennen. Es gab da mit dem Augsburger Religionsfrieden ja die Regelung, dass der jeweilige Herrscher auch die Konfession seiner Bürger bestimmt. Österreich hatte eine katholische Regentin. Es ging rund in der Stadt, denn die Bürger wollten sich das partout nicht gefallen lassen. Erst 1648 wurde dem Spuk ein Ende gesetzt.

Ungewöhnlich für einen Kirchenbau war die Verwendung der Dachgeschosse. Man schlug nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe, vielleicht auch aus der Not der Finanzierung geschuldet? Der große Dachraum wurde nämlich für die Lagerung von Korn benützt, und bescherte so eine Einnahmequelle durch die Bürger. Dadurch ist erklärt, dass sich an der Nordfassade im oberen Teil eine Tür befindet. Schließlich musste man das Korn ja nach oben schaffen. Aber durch das Gewicht musste dann immer wieder die Decke erneuert werden.

Und noch eine Besonderheit kann die Stadtkirche aufweisen. Der Goldene Schnitt, also die Flächenaufteilung in den Proportionen von drei zu fünf Teilen, die sich nicht nur in der Anordnung der Eingangstüre auf der Nordseite zeigen, sondern sich in der Kirche fortsetzten. Es soll nicht viele Kirchen mit dieser Besonderheit geben, aber die Göppinger Stadtkirche ist die größte unter diesen Kirchen.

Evang. Stadtkirche Göppingen 0280
Evang. Stadtkirche Göppingen 0283
Stadtkirche Göppingen 0471

Jetzt kommt mit zur Innenbesichtigung, und da erstmal die

gesamte Innenansicht der Stadtkirche Göppingen

Die hat aber nicht immer so ausgehen. Bis zum Umbau der Kirche 1772 war die Kirche die größte evangelische Querkirche im Renaissance-Stil in ganz Europa. Keine Säulen waren im Kirchenraum, die Kanzel war an der Ostwand, einen Chorraum gab es nicht. Um die Kanzel waren Bänke und die zentrale Predigerstelle war von drei Emporeseiten einsehbar. 20 Meter lichte Weite, Wahnsinn.

Bis die Kirche eben 1772 innen komplett umgebaut wurde und ein Aussehen im Barockstil bekam. Bevor wir uns den Umbau im Detail anschauen, schaut mal – die Kirche sieht doch auf den ersten Blick wirklich nicht aus wie eine Kirche, oder?

Innenansicht Evang. Stadtkirche Göppingen 0346
Innenansicht Evang. Stadtkirche Göppingen 0442
Innenansicht Evang. Stadtkirche Göppingen 0406

Wir kamen nach Öffnung der Kirche mit dem Mesmer noch in ein nettes Gespräch und er hat mir sicher mein Erstaunen über das Innere der Kirche angesehen. So erfuhren wir, dass der Kirchenraum nicht nur für Gottesdienste genutzt wird, sondern, so wie auch die Obergeschosse, für Veranstaltungen wie Konzerte oder ähnliches. Auch die Vesperkirche der Stadt findet hier reichlich Platz. Durch die Bestuhlung ist man flexibel. Er hat mich explizit auf die Anordnung der Kanzel, die ja vor dem Umbau an der langen Ostseite war, hingewiesen und fast schmunzelnd erwähnt, dass auch Parteien hier Versammlungen abgehalten hätten und es musste ja jeder einen guten Blick auf den Redner haben.

Diese Kirche mit einer Länge von über 40 Metern und über 24 Meter in die Höhe hat mich schon Staunen lassen. Die Ausstattung ist relativ übersichtlich, was ich in vielen evangelischen Kirchen wie z.B. in Bad Urach oder in Ellwangen anders erfahren habe. Aber diese Kirchenhalle beeindruckt mich auch mit dem, was sie zu bieten hat.

Der Altarbereich und die Kanzel in der evang. Stadtkirche Göppingen

ist schlicht, und doch wunderschön. Das Holzkreuz stammt aus etwa von 1750. Die Kanzel ist von ca. 1770 und zeigt die Skulptur des Guten Hirten mit dem verlorenen Schaf auf seinen Schultern, eine der ältesten Bezeichnungen und Darstellung für Jesus. Wie bei so vielen Kanzeln ziert die Unterseite des Schalldeckels die Taube, das Symbol für den Heiligen Geist.

Die Kirche wurde nach dem Umbau von 1772 durch den großen Stadtbrand verschont. Nicht verschont blieb sie aber vor weiteren Umbau- und Renovierungsmaßnahmen. 1910 bekam

die Decke in der Stadtkirche Göppingen

ein neues Aussehen im Jugendstil. Die prachtvollen Jugendstil-Leuchter untersützen die wunderschöne Decke. So wie in der Oberhofenkirche darf auch hier das herzogliche Wappen nicht fehlen. Wieder, diesmal in der Mitte die Hirschstangen als Symbol für die Württemberger. Die Fische, die ihr hier im Wappen seht, symbolisieren die Besitzungen in Mömpelgard in Burgund. Ihr wisst noch? Die Kirche dort hat der Baumeister sich zum Vorbild für den Bau in Göppingen genommen, ganz ohne Urheberrechtsverletzung. War ja sein eigener Bau 🙂

Ich habe bei unseren Kirchenbesuchen nicht oft erlebt, dass

die Empore in der Stadtkirche Göppingen

zur Begehung frei gegeben ist. Ja, eigentlich kann ich diese Kirchen an einer Hand abzählen: im Dom in Zeitz konnten wir nach oben den Bauer Käselieb suchen, in der Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg, weil die Dauerkrippe dort oben immer geöffnet ist, in der wunderschönen St. Nikolaus Kirche auf der Prager Kleinseite durfte man der herrlichen Deckenmalerei von einer Emporeseite aus näher kommen – ja, das wars dann aber auch schon. Und ganz viele Kirchen haben ja auch gar keine Empore.
Von vielen Säulen ringsum werden die drei Emporeseiten getragen. Als ich da so von oben nach unten geblickt habe, und mit viel Fantasie, kann man sich das Klangerlebnis

der Orgel in der evang. Stadtkirche in Göppingen

vorstellen, oder das von einem der Konzerte, die dort stattfinden.

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs der Stadtkirche war dort eine Ausstellung zu besichtigen. Auch ansonsten gibt es noch Weiteres in der Kirche zu entdecken. Euch aber alles hier zu präsentieren? Ne, ne, das dürft ihr dann schon selber suchen. Fakt ist, wenn ihr in Göppingen seid – oder sonst einen Ausflug in meine Heimat plant – schaut euch die Kirche von außen und innen an.

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