Eine scheinbar normale, schlichte Kapelle steht am Ortsrand von Schrezheim bei Ellwangen. In ihrem Inneren birgt sie aber einen Fayencealtar, der eines der bedeutendsten Werke dieser Kunst darstellt.

An unserem ersten Erkundungstag in Ellwangen vor ein paar Tagen haben wir nicht alles geschafft, was an Sehenswertem auf meinem Zettel für Ellwangen stand. Sehr lange Zeit stand da Ellwangen ja überhaupt nicht drauf. Im Rahmen meines selbst auferlegten ‚Bildungsauftrags‘ „Heimatkunde“ wanderte die drittgrößte Stadt in meinem Landkreis Ostalbkreis aber dann doch auf diesen Zettel. Und das war auch gut so, denn es gibt in Ellwangen zum einen Kirchen über Kirchen – und zum anderen einen wirklich sehenswertes Schloss ob Ellwangen. Aber auch dem kleinen Innenstädtchen darf man gerne einen Rundgang schenken.

Jetzt war der zweite Teil unserer Erkundung von Ellwangen dran. Zum einen die Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg, zum anderen hat das Internet die kleine, von außen eher normal wirkende Kapelle in Schrezheim als wahres Schmuckstücken ausgeworfen. Da meine Geburtstagsfeier heute ein wirkliches Corona-Opfer geworden ist, nützten wir den herrlichen Tag und schwirrten mit Fridolin gen Ellwangen.

Zig-mal sind wir schon an der kleinen Kapelle vorbeigefahren, die man direkt von der Bundesstraße Richtung Ellwangen sieht. Aber jeder kleinen Kapelle einen Besuch abstatten? Hilfe, wir wären Jahre damit beschäftigt. Von Außen sieht man ihr tatsächlich nicht an was für ein Schätzchen sie ist. Also hieß es aufm Rückweg vom Schönenberg, Blinker setzen im Kreisverkehr und ab in den kleinen Teilort von Ellwangen.

Vielleicht werdet ihr jetzt genauso überrascht sein wie ich, wenn ich euch zur

Besichtigung der St.-Antonius-Kapelle in Schrezheim

mitnehme.

Und die beginnt mit

Geschichte des kleinen Örtchens Schrezheim

das bereits im 7. Jahrhundet als alamannische Siedlung bestand. Alles bereits um die Zeit, als die beiden Brüder einer Sage nach auf Ellwanger Grund einen Elch erlegten, dort eine kleine Kirche bauten und später das Kloster in Ellwangen. Der kleine Flecken Schrezheim, das erst 1140 als solches in Erwähnung trat, ging im 8.Jahrhundert in den Besitz des Klosters Ellwangen über. 1337 auch zur Stadt Ellwangen, und wie das gesamte Gebiet 1802 an das Königreich Württemberg.

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Dieser kleinen Kapelle wurde 1692 Leben eingehaucht – und damit beginnt

die Geschichte der Antoniuskapelle in Schrezheim

Der Bürger des Örtchens und ein Ziegeleibesitzer Namens Anton Friedrich Ziegler wollten nach einer überstandenen Krankheit diese kleine Kapelle stiften. Einfach so, ging das auch zu damaliger Zeit noch nicht. Es musste beim damaligen Fürstpropst eine Genehmigung eingeholt werden. Auch war eine Genehmigung erforderlich, dass man dort dann auch hl. Messen abhalten durfte. Beides wurde erlaubt, die Kapelle wurde gebaut und dann sogar im Mai 1729 durch den Erzbischof zu Ehren des hl. Antonius von Padua geweiht.

Leben kam in den kleinen Flecken, als 1752 der Enkel der Kapellenstifter eine kleine Fayencenmanufaktur in Schrezheim eröffnet hat. Nach der italienischen Stadt Faenza ist die kunsthandwerklich hergestellte Keramik benannt, die zu dieser Zeit nur an etwa 80 Orten in Deutschland hergestellt wurde. Das Werk mit einer weißen Glasur überzogen und meist blau oder auch mehrfarbig bemalt. Eine kleine Ausstellung über die Keramik gibt es im Schlossmuseum im Schloss ob Ellwangen zu bewundern. Eigentlich alles unspektakulär, auch der Bau der kleinen Kapelle, so wie es durch Stiftungen bei vielen Kapellen und Kirchen der Anfang ist, oder?

Warum ist dann diese kleine Kapelle so sehenswert?
Kommt mit ins

Innere der Antoniuskapelle in Schrezheim

dann wisst ihr es. Denn hier trügt der äußere schlichte Eindruck. Prunkvoll ist die Innenausstattung, die man nur durch ein barockes schmiedeisernes Gitter betrachten kann.

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Wunderschön, gell?
Der erste Detailblick von mir geht zum barocken

Hauptaltar in der St.-Antonius-Kapelle in Schrezheim

der dem Namenspatron der Kapelle gewidmet ist. Das Altarbild zeigt den hl. Antonius von Padua so wie er in der Regel mit seinen Attributen dargestellt wird.
Begrenzt wird der Hauptaltar im Chor von dem Hl. Andreas (links, erkennbar mit dem ‚Andreaskreuz‘) und rechts der Evangelist Johannes (erkennbar an der Schriftrolle mit der Feder).

Zum Leben des Hl. Antonius von Padua

um den sich bereits zu Lebzeiten viele Legenden rankten, ein bisschen mehr. Wann er genau geboren wurde, bleibt unbekannt. Man vermutet so irgendwann um 1195, als Sohn einer reichen Adelsfamilie. Nach Studium und Priestertum entschloss er sich, dem Franziskanerorden beizutreten und zog als Missionar nach Marokko. Eine Krankheit verschlug ihn nach Italien, wo er eine Zeitlang bei Assisi als Einsiedler lebte. 1221 lernte er Franz von Assisi kennen. Als er bei einer Versammlung von gut 3000 Ordensbrüdern durch seine außergewöhnliche Begabung zu Reden auffiel, wurde er beauftragt den kirchlichen Glauben zu predigen.

Eine seiner bekanntesten Legenen soll die Predigt am Ufer von Rimini sein, wo ihm kein Mensch zuhören wollte. Nur die Fische hätten die Köpfe aus dem Wasser gestreckt und ihm zugehört. Dieses Wunder hätte die ganze Stadt anschließend bekehrt. Ab 1227 war Antonius als Bußprediger in Oberitalien unterwegs. In Padua war seine Anhängerschaft soooo groß, dass sie in keine Kirche passte. Er predigte im Freien vor bis zu 30.000 Zuhörern. Es veränderte die Menschen in der Region.

Warum Antonius mit dem Jesuskind dargestellt wird, geht auf diese Legende zurück: Antonius war zu Gast bei einem Grafen, der sich Nachts nach seinem Befinden erkundigen wollte. Als er auf dessen Zimmer zuging, fiel aus der Kammer ein so heller Lichtsein, dass der Graf vermutete es brenne im Zimmer und riss erschrocken die Türe auf. Darin fand er einen lächelnden Antonius, der auf seinem Arm das strahlende Jesuskind hielt. Darüber durfte aber erst nach dem Tod Antonius berichtet werden, der 1231 in der Nähe von Padua verstarb. Auch nach seinem Tod nahmen die Wunder um ihn kein Ende. Elf Monate nach seinem Tod wurde er bereits heilig gesprochen.

Gäbe es eine Rangliste unter den Heiligen, dann stünde Antonius ganz oben als bekanntester und beliebtester Heilige der katholischen Kirche. Er überholte sogar seinen Ordensvater Franz v. Assisi. Kein Wunder, dass ihm viele Kirchen, Kapellen und Altäre gewidmet sind. Auch er steht unter den 30 Brückenheiligen auf der Karlsbrücke in Prag, wo ich ihn bei unserer Pragreise im Juni sehen konnte.

Der rechte Seitenaltar in der Antoniuskapelle in Schrezheim

birgt in einem kunstvollen Schrein die Reliquien des Hl. Antonius. Darüber das Altargemälde mit dem Hl. Josef mit dem Jesuskind an der Hand. Links von dem Reliquienschrein eine wunderschöne Pietà, die Darstellung Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Jesu.

Der linke Fayence-Altar in der St.-Antonius-Kapelle in Schrezheim

ist das Schmuckstückchen der Kapelle. Der Enkel des Stifters hatte die Idee, die ehemalige Ziegelei des Opas in eine Fayencemanufaktur um, und machte damit das Unternehmen samt Schrezheim weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Genau aus dieser Werkstatt stammt der feine Rokoko-Fayencealtar. Im Mittelpunkt eine Madonna, die einen Hussitensäbel im Kopf stecken hat. Man spricht diesem Altar zu, dass er einer der bedeutendsten Werke der gesamten deutschen Fayencekunst ist, und auch der Größte in Süddeutschland.

Warum eine Madonna mit gespaltenem Kopf? Das Original dieser Figur steht in der Wallfahrtskirche Hl. Blut im Bayerischen Wald, diese hier ist eine Nachbildung davon. Es wird berichtet, dass dieser Madonna in Hl. Blut ein Anhänger der Hussitenbewegung mit dem Säbel den Kopf gespaltet habe. Frisches Blut sei aus der Wunde geflossen, was die Bekehrung des Hussiten veranlasst haben soll. Und wie es so ist, aus einem Wunder entsteht eine Kirche, ein Kloster, viele Menschen verehren dieses Wunder – es wurde zum Wallfahrtsort. Da die Welt doch klein ist – der Bruder des Schrezheimer Fabrikbesitzers war Mönch im Kloster und hat ihm ein Abbild der Madonna geschenkt.

Wenn ihr übrigens mehr zur Hussitenbewegung lesen möchtet? In Prag durfte ich vor dem Denkmal von Jan Hus stehen, auf den die Hussitenbewegung zurück geht. Dort, wo sie ihren Ursprung nahm, kann man darüber auch in meinem Beitrag zur Bethlehemskapelle in der Altstadt von Prag nachlesen. Jan Hus ist dort eine Ausstellung gewidmet.

Also wenn ich eine kleine Kapelle stiften würde, dann wäre sie mit Sicherheit auch eine Gedenkstätte nach meinem Ableben. Genauso hat die Stifterfamilie damals auch gedacht, es liegt ja auch nahe. Deshalb ist

die St.-Antonius-Kapelle in Schrezheim die Grablege der Stifterfamilie

Das erste Stifterehepaar, Kinder und Schwiegerkinder haben verteilt in der Kapelle ihre Grabsteine. Da die Kapelle nur das Schmiedeisengitter betrachtet werden kann, ist nur eine Grabplatte sofort sichtbar. Es ist die von Johann Baptist Bux, der, der die Fayencefabrik gegründet hat und für den herrlichen Altar verantwortlich ist.

Unbedingt solltet ihr, auch wenn ihr euch vielleicht von außen etwas verrenken müsst, den

Deckenfresken in der Antoniuskapelle

noch einen Blick schenken. 1821 wurden die 12 Bilder in Medaillonform gemalt. Sie erzählen aus dem Leben des hl. Antonius von Padua. Das größte Bild in der Mitte zeigt ihn nach seinem Tod.

Ich habe anhand dieser wunderschönen Ausstattung der kleinen Kapelle lernen dürfen, dass man nicht immer vom Äußeren auf das Innere schließen kann/darf. Ist ja so wie bei uns Menschen auch.
Solche Kleinode wollen entdeckt werden. Vielleicht muss sich Fridolin darauf einstellen, dass wir ihn in Zukunft öfter mal in seiner Fahrt abbremsen?

Seid ihr in der Gegend, dann solltet ihr diesen Kilometer aus der Stadt nicht scheuen. Es gibt noch viele andere Kirchen, deren überraschendes Innere man nicht auf den ersten Blick erkennt. Ich hab euch hier noch weitere Tipps.

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So kommt ihr zur St.-Antonius-Kapelle in Schrezheim bei Ellwangen