Auf dem kleinen Kirchenhügel nahe der Rems, aber etwas außerhalb des Stadtkerns, befindet sich die evangelische Michaelskirche in Waiblingen.

„Heimatkunde“ – so lautet immer noch mein selbstgewählter Auftrag, der mit der Absage unserer zweiten geplanten Reise nach Prag im September begann. Diese Aufgabe wird mich vermutlich auch noch die nächsten Wochen begleiten. Habt ihr euch schon einmal bewusst mit offenen Augen durch eure eigene Stadt begeben? Damit fing bei mir alles in dieser Challenge an, mein Schwäbisch Gmünd mit den Augen für Touristen. Wahnsinn was ich alles entdeckt habe, wo ich bisher achtlos daran vorbei gelaufen bin. Es wurde, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft – er zieht Kreise.

So zieht meine Intention, euch mein Ländle näher vorzustellen, auch immer größere Kreise. An diesem Tag ging es ins untere Remstal, nach Waiblingen. 10 km nordöstlich von der Landeshauptstadt des Ländles Baden-Württemberg, Stuttgart, ist sie seit 1962 große Kreisstadt. Als solche habe ich sie bislang in meinem Speicher gehabt. Ich durfte während meinen bisherigen Erkundungen die Lernerfahrung machen – leere diesen Speicher komplett! Denn oft sind es genau diese Städte, die einen Altstadtkern haben, den man in keinster Weise in einer Metropolregion Stuttgart erwarten würde.

Früh ging es an diesem Sonntag für Fridolin zur Sache. Wollt ihr ebenfalls Waiblingen erkunden, keine Sorge – Parkplätze gibt es genug in der Stadt. Wir haben Fridolin im Parkhaus Forum (gegenüber dem Landratsamt) abgestellt. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zur Michaelskirche außerhalb der Altstadt.

Kommt mit zu meinem Rundgang durch die Michaelskirche in Waiblingen

die nicht immer Michaelskirche hieß. Erst so seit 1950 hat sie diesen Namen. Ob der Erzengel Michael der Namenspatron ist? Keiner weiß es so genau. Dafür sind die Maße der Kirche, die man nun wirklich nicht übersehen kann, bekannt – 52 Meter Länge und 21 Meter Breite kann die Kirche aufweisen. Und genauso wie lang, geht es hoch hinaus, der Kirchturm geht auch 52 Meter in die Höhe, und ist nicht zu übersehen.

Die Michaelskirche von außen

schaut mal ….

Drei Portale führen in die Kirche.

Portal Michaelskirche Waiblingen 13
Portal Michaelskirche Waiblingen 20
Portal Michaelskirche Waiblingen 0872

Bevor wir die Michaelskirche von innen besichtigen –

ein bisschen zur Entstehungsgeschichte der Michaelskirche in Waiblingen

Treue Leser meines Reise- und Fotoblogs kennen es ja schon bereits. Ein bisschen Geschichte zum Objekt gehört zum Verständnis einfach dazu. Diese Geschichte geht weit zurück, so ähnlich weit wie es auch bei der Basilika St. Vitus in Ellwangen zurückgeht – bis ins 7. Jahrhundert. Auf dem Hügel, gut 10 – 15 Meter neben der Rems, stand hier bereits eine Vorgängerkirche. Wenn ihr die Altstadt von Waiblingen erkundet, dann seht ihr es, wenn ihr die Kirchbrücke überquert und wenige Schritte nach rechts abbiegt. Dort ist nämlich noch die alte Stadtmauer erhalten, und hinter dem Chor sieht man ebenfalls noch Reste der Stadtmauer, samt einem kleinen Ecktürmchen. Das bedeutet, dass die Michaelskirche außerhalb des so um 1250 gezogenen Mauerrings liegt. Bis heute liegt das ‚Warum‘ als Geheimnis über der Kirche.

Vielleicht war es ein Grund, dass zu den damaligen Zeiten zu jeder Kirche auch ein Friedhof gehört. Und der sollte nunmal nicht in der Stadt angelegt sein. Ich erinnere mich bei z.B. bei meinen Recherchen zur Frauenkirche in Dresden, dass um die Kirche anfangs auch ein Friedhof dazugehörte, der aber dann aus der Stadt ‚ausgelagert‘ wurde. Dies würde bedeuten, dass vermutlich noch die einstigen Bewohner der Stadt unter dem Rasen begraben liegen? Vermutungen! Genaues ist nicht bekannt.

Bekannt ist aber, etwa so um 1440 mit dem Bau der heutigen Kirche begonnen wurde. Irgendwie scheint mir, liegt da vieles im Nebel was die Kirche betrifft, denn es sind nur etwa-Angaben. Wie ich in anderen Städten auch bei Kirchenbauten nachlesen konnte, war es den Menschen zu damaliger Zeit sehr wichtig eine ‚ordentliche‘ Kirche zu besitzen. Man musste mit der Kirche herzeigen was man hatte, und Waiblingen war bereits zu Stauferzeit so um 1250 eine reiche Stadt. Wein von den umliegenden Weinbergen und Korn brachten den Reichtum in die Stadt. Gibt es dann noch einen vermögendenen Herrscher, so wie zu dieser Zeit Graf Ulrich V. Von Württemberg, und reiche Waiblinger Familien, die sich aufgrund der tiefen Religiosität an einem Kirchenbau als Sponsoren beteiligen, steht einem großen Kirchenbau ja nichts mehr im Wege. In der St. Michael-Kirche in Schwäbisch Hall gab es auch so großzügige Sponsoren. Da bei Renovierungsarbeiten die Reste von insgesamt drei Vorgängerkirchen gefunden wurde, kann man auch hier in Waiblingen annehmen, dass (wie bei vielen anderen Kirchen auch) immer wieder vergrößert oder umgebaut wurde.

Bevor es zwischen Graf Ulrich und Esslingen ein bisschen Kriegerles gab und damit die Bauarbeiten zum Stilstand kamen, wurde 1449/50 der Chor noch fertiggestellt. 1462 schoß der Kirchturm in die Höhe und 1470-1480 wurde das Langhaus fertiggestellt. Tja, es könnte doch immer alles so in Eintracht sein, wenn …. ja, wenn diese Kriege nicht wären. 1634 tobte auch in Waiblingen der 30-jährige Krieg, wie andernorts im Süddeutschen Raum auch. Wenn ihr zum Auslöser des langen Krieges nachlesen wollt, dann klickt auf meinen Bericht zum Alten Königspalast auf der Prager Burg. Denn da nahm mit dem zweiten Fenstersturz alles seinen Anfang. Die Kaisertruppen steckten die Stadt in Brand, auch die Michaelskirche wurde nicht verschont. Nur das gotische Gewölbe blieb erhalten.

Langsam nur konnte sich die Stadt von dieser Kathastrophe erholen. Ab 1640 begann man den Wiederaufbau mit Fachwerkhäusern, die heute den Charme der Altstadt ausmachen. Und wäre die Kirche auch nicht wieder aufgebaut worden, könnten wir sie heute nicht besichtigen.

Die Innenansicht der Michaelskirche in Waiblingen

löste bei mir den ersten Gedanken aus – jede Kirche ist doch wirklich komplett anders und ist auf ihre eigene Art und Weise faszinierend. Auch hier, in der dreischiffigen Hallenkirche geht mein erster Blick zum Ganzen.

Innenansicht Michaelskirche Waiblingen 0788
Innenansicht Michaelskirche Waiblingen 0849

Erhöht und schlicht präsentiert sich

der Altarraum im Chor der Michaelskirche in Waiblingen

Aber nur scheinbar schlicht, denn der Blick liegt mal wieder im Detail. Man sieht dem Altar sein neueres Herstellungsdatum an. Ebenso wie das Lesepult, welches 1990 hergestellt wurde und damit 10 Jährchen älter als der Altar ist. In der Darstellung wird vortrefflich der Zweck des Pults symbolisiert – links werden Motive aus dem Alten Testament gezeigt, rechts aus dem Neuen. Alles unter dem Zeichen der Friedenstaube.

Wurde die Michaelskirche im zweiten Weltkrieg zwar nicht zerstört, war sie aber von den Angriffen auf die Stadt doch indirekt betroffen. Die Glasfenster im Chor überlebten einen entfernten Angriff nicht und wurden 1957 ersetzt. Hier lohnt sich ein näherer Blick – Geburt des Herrn, Tod und Auferstehung. Im linken Fenster beten in der Mitte die Weisen das neugeborenes Kind an, im unteren Teil flüchtet die Familie nach Ägypten. Ganz rechts im Fensterbild wie Jesus das Kreuz trägt und in der Mitte das Osterfenster mit der Auferstehung.

Wer meine Kirchenberichte aufmerksam verfolgt, der ahnt es

die Kanzel in der Michaelskirche

zieht mich, wie es in jeder anderen Kirche die Kanzeln auch tun, in den Bann. 1866 kam sie an ihren heutigen Platz, wurde aber bereits 1484 von Peter von Lan erstellt. Er hat in der ganzen Kirche seine ‚Abdrücke‘ der Fertigstellungen mit Jahreszahlen hinterlassen, was ich in dieser Form noch in keiner meiner besichtigten Kirchen gesehen habe. Hier an der Kanzel seht ihr die Jahreszahl eingeritzt, mitsamt seinem Meisterzeichen. Die vier Kanzelkorbseiten hat er den vier Evangelisten zugeordnet. Aber nicht als Evangelist wie z.B. in der Wallfahrtskirche Schönenberg bei Ellwangen, sondern er symbolisiert die Evangelisten mit vier lateinischen Kirchenvätern. Im Mittelalter wurden Kanzeln gerne mit diesen Motiven dargestellt, aber immer auch mit den jeweiligen Symbolen, die den Evangelisten zugeordnet sind. Engel, Stier, Löwe und Adler.

Den Hl. Augustinus und den Hl. Ambrosius (bei ihm ist die Jahreszahl eingraviert) hat er als Bischöfe dargestellt, der Hl. Hieronymus, der den Adler als das Symbol der Ausdauer bei sich hat, mit dem Kardinalshut. Alle drei lebten in der Zeit ab 340 n.Chr. und waren bereits beim Vierten im Bunde verstorben. Der Hl. Gregor der Große wurde so um 540 in Rom geboren, wird mit einer Tiara dargestellt und hat als Symbol den Stier für die Kraft – und dem Evangelist Lukas zugeordnet.

Während es vor der Reformation noch einige Nebenaltäre in der Michaelskirche gab, wurden diese während dem Bildersturm vollständig zerstört. So blieb nur

das Relief des Hl. Michael in der Michaelskirche in Waiblingen

erhalten. Wie ich ja bereits oben geschrieben habe, war die Kirche nicht immer nach dem Erzengel benannt. Sie wurde früher auch einfach nur nach ihrer Größe oder Lage benannt – Größere oder Äußere Kirche. Dass sie den Namen nach dem Erzengel Michael bekam, war in dieser Zeit der Lage auf dem Hügel zuzurechnen. Auch in Schwäbisch Hall wurde die St. Michaels-Kirche hoch auf dem Kirchenhügel nach dem Erzengel Michael benannt. Wie ihr aber in meinem Bericht zu dieser Kirche sehen könnt, ist der Hügel schon noch ein ganzen Stückchen höher 🙂

Jetzt wird mir der Gönner des Kirchenbaus aber so richtig unsympathisch. Das hat noch ein Württemberger im Schloss ob Ellwangen geschafft, der hat dasselbe veranstaltet wie hier Herzog Ulrich. Nachdem der Herzog die Reformation quasi mit der Brechstange durchgesetzt hatte, ließ er alles was wertvoll in der Kirche war zu seinen Gunsten einziehen. Raffhals!! Aber alles was als wertlos angesehen wurde (egal ob es tatsächlich das auch war) wurde zerschlagen und zerstört. Das Überleben des Reliefs, das kunsthistorisch wertvoll ist, war nur dem Umstand geschuldet, dass er als Schutzheiliger der ‚Großen Kirche‘ galt und die Michaelsverehrung auch über die Stadtgrenzen hinaus verbreitet war. Und das traute sich der hohe Herr dann doch nicht. Zum Glück!

Auch hier in der Kirche wird der Erzengel Michael, wie fast überall, mit einem Schwert dargestellt. Er bekämpft mit Gottes Hilfe den Drachen, der das Böse symbolisiert und verhilft der Gerechtigkeit zum Sieg. Es gibt viel über ihn nachzulesen, wenn es euch interessiert, dann klickt HIER.

Relief Hl. Michael Michaelskirche Waiblingen 0834
Relief Hl. Michael Michaelskirche Waiblingen 0835

Die Orgel in der Michaelskirche in Waiblingen

hat den Dreißigjährigen Krieg nicht unbeschadet überstanden. 1599 war ihr Leben eingehaucht worden, und rund hundert Jahre später wurde es wieder ausgehaucht. 1730 wurde eine neue Orgel eingeweiht, bis auch diese 1866 wieder ausgetauscht wurde. Bis zum heutigen Tage wurde aber dann noch noch ein bisschen was an ihr umgestellt.

Unvermeidlich mit dem Blick zurück geht der Blick zu

den Emporen in der Michaelskirche

bei deren Anblick ich unweigerlich das Gefühl bekam ‚da kommt man bestimmt ins Rutschen‘ 🙂 (was natürlich nicht richtig ist).

Das Deckengewölbe in der Michaelskirche

hat mich lange nach oben blicken lassen. Immer wieder treffe ich in den Kirchen die wir besucht haben auf ein ‚lebhaftes‘ Deckengewölbe. Ja, fast könnte man sagen, eine Decke erzählt Geschichten. Denn der Steinmetz, der das Netzgewölbe in der Michaelskirche geschaffen hat, brachte im Scheitelpunkt der sich kreuzenden Gewölberippen sogenannte Schluss-Steine an. Diese wurden dann mit figürlichen Darstellungen verziert. Insgesamt gibt es in der Kirche 28 solcher kunstvollen Schluss-Steine. Solche Steine bekamen auch Stifter der Kirche und natürlich auch der Landesfürst Ulrich V.. Zum Glück haben alle Steine die Jahrhunderte wohlbeschaden überstanden und können so ausgiebig bewundert werden.

Erwartet jetzt bitte nicht von mir, dass ich euch die Bedeutung der Steine alle erläutere. Einige sind ja auch selbsterklärend. Auf jeden Fall habe ich sie euch ein bisschen näher geholt 🙂

Und noch etwas zog mich in der Kirche in den Bann, was ich bisher in Kirchen so gehäuft auch nicht gesehen habe. Mehrfach sind in der Kirche kleine Buben verteilt, die Jahreszahlenschilder mit dem Meisterzeichen des Steinmetzes in den Händen halten. Insgesamt verdienen diese Figuren auch einen zweiten Blick ….

Die Grabdenkmale an der Michaelskirche in Waiblingen

haben zumeist ihren Platz im Inneren gefunden. An der Nordseite fällt euch bestimmt aber ein großes Grabmal auf, das der Familie Grimmeisen. Da hat ganz schön der Zahn der Zeit dran genagt. Trotzdem sieht man ihn noch, den kaiserlichen Ritter, kniend mit seiner Frau und in der Mitte deren acht Kinder.

Grabdenkmal Michaelskirche Waiblingen 0067
Grabdenkmal Michaelskirche Waiblingen 0890
Grabdenkmal Michaelskirche Waiblingen 0895

Bei meinen Fotospielereien um die Kirche fällt noch eine Türe ohne Zugang auf –

die ehemalige Hapenkapelle in der Michaelskirche

1489 stand hier noch eine kleine Kapelle, die als Grabkapelle der reichen zugezogenen Waiblinger Familie diente. Hast du viel (Geld), bekommst du auch, was du möchtest. Bei einer Renovierung 1866 wurde die Kapelle jedoch abgebrochen. Warum? Man kann heute leider keinen mehr fragen, was zum Abbruch der doch anscheinend schönen Kapelle bewogen hat.

In direkter Nachbarschaft zur Michaelskirche steht das kleine

Nonnenkirchle in Waiblingen

Leider konnten wir dieses Kleinod nur von außen besichtigen. Wie wir es schon oft erlebt haben, war die Türe verschlossen. Im spätgotischen Stil wurde das kleine Kirchle ab 1496 erbaut und soll eines der schönsten Bauwerke in Waiblingen sein. Auch hier in der Kirche sollen diese wunderschönen Schluss-Steine zu sehen sein.
Vielleicht habe ich bei einem nochmaligen Besuch in Waiblingen die Möglichkeit, das Innere des kleinen Kirchles zu betrachten. Ich bleib dran.

Nonnenkirchle in Waiblingen 1169
Nonnenkirchle in Waiblingen 0026
Nonnenkirchle in Waiblingen 0028

Ihr seht schon, es fängt gut an mit unserer Erkundung von Waiblingen. Und – es wird noch besser!
Plant euch (ob mit oder ohne Kirchen) unbedingt einen Tag in Waiblingen ein.

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