Man kann die kleine spätgotische evangelische Pfarrkirche St. Quirinus in Essingen an der Ortsdurchfahrt nicht übersehen. Steht sie doch gut sichtbar auf einem kleinen Sporn.

Ein kleiner Ort – aber sooooviel zum Besichtigen, dass es uns für einen Tagesausflug gereicht hat. „Heimatkunde“ – immer noch, denn Corona lässt uns ja leider immer noch keine andere Wahl. Ausschwirren nur im Heimatumfeld, das haben wir uns in dieser Zeit zum Ziel gesetzt, und ganz ehrlich, man fällt da über so manches Kleinod, das man so gar nicht auf dem Schirm hatte. Nein, ich bin jetzt nicht dabei alle Ortschaften in unserem Kreis ‚abzuklappern‘. Wobei man da sicher einiges entdecken könnte, so wie zum Beispiel in Wißgoldingen (ein Teilort meiner Heimatgemeinde Waldstetten) mit ihrer wunderschönen Marienkapelle und der katholischen Kirche, in die es lohnt einen Blick zu werfen.

Essingen hat es deshalb auf unseren ‚Da-müssen-wir-hin-Plan‘ geschafft, da wir gleich ums Eck bei der Burgruine Lauterburg und der Schloßkirche (ein Teilort von Essingen) die Bekanntschaft mit dem dortigen Adelsgeschlecht gemacht haben. Da ein Schloss einfach zuwenig ist, hatte dieses Adelsgeschlecht in Essingen nochmal gleich drei Schlösser. Also nix wie hin nach Essingen. Der Vormittag war einem wunderschönen Ausflug samt kleiner Wanderung in den Weiherwiesen außerhalb von Essingen gewidmet. Traumhaft schön, kann ich da nur sagen – ihr könnt es in dem Bericht zu den Weiherwiesen sehen.

Der Nachmittag war dem kleinen alten Ortskern vorbehalten – mit der evangelischen Quirinuskirche und einem erneuten Besuch im Schloßpark von Essingen. Dieser war während der Remstalgartenschau 2019 bereits unser Ziel. Aber jetzt kommt mit zu

meiner Besichtigung der evangelischen Pfarrkirche St. Quirinus in Essingen

die mit der Suche nach einer offenen Kirchentür begann 🙈 Übersehen kann man die gesamte Kirche ja nun wahrlich nicht. Direkt an der Ortsdurchfahrt steht sie da und mit ihrem über 35 Meter hohen Kirchturm, der einst ein Wehrturm war, nicht zu übersehen. Wer sich schon ein bissle durch meine Kirchenberichte gelesen hat, der weiß, dass wir gerne mal auf der Suche rund um Kirchen nach einer offenen Türe sind 😀 Und wenn wir sie dann gefunden haben, zogen wir auch schon manches Mal den ‚Hauptgewinn‘ – Türe verschlossen.

Ich liebe sie, diese kleinen Dorfkirchen. Und so unscheinbar wie sie von außen oft wirken, bergen sie im Inneren wahre Schätze. Nicht nur diese Kirche hat un da ganz gehörig überrascht …. schaut mal,

die Innenansicht der evangelischen Pfarrkirche in Essingen

Gell, das hat was, oder? Ihr kennt ja bestimmt schon meine ersten Blicke – nach vorne nach hinten – und hier, wie auch bei der kleinen Schlosskirche in Lauterburg auch von der Empore herunter.

Bevor es ins Detail geht –

ein bisschen Geschichte zur Quirinuskirche in Essingen

von denen Fundamentreste zur einer romanischen Vorgängerkirche ins Frühmittelalter deuten. Von wem und überhaupt mehr dazu, da legt sich ein Schleier der Unwissenheit drüber. 1479 bekamen die Freiherren von Woellwarth die Gemeinde Essingen (und Lauterburg gleich nebenan). Das süddeutsche Adelsgeschlecht tauchte so um 1136 zum ersten Mal in Urkunden auf, und kommt damit auch in Bezug zu ‚meinen‘ Staufern, denn ihre einstige Stammburg an der Wörnitz bekamen sie von den Staufern geschenkt. Das passte den Grafen von Oettingen aber so gar nicht, die Freiherrenfamilie ‚wanderte‘ in Schwäbische aus. Georg von Woellwarth heiratete sich in eine begüterte Familie in Schechingen ein und damit hatte er (die Verwandschaft im Rücken) in der Gegend mal so richtig was zu sagen. Ganz ehrlich, macht euch mal das Vergnügen, euch in der Geschichte eures Umkreises etwas tiefer einzulesen. Die erlauchten Namen ziehen derartige Kreise – ich bin bei meinem Besuch auf Schloß ob Ellwangen, beim Besuch der Wallfahrtskirche in Hohenstadt und natürlich in der Geburtsgemeinde meiner Mum, in Schechingen, darüber gestolpert.

Zurück aber wieder zur Kirche – nur weil man der Besitzer von Essingen ist, hat man damit aber nicht gleichzeitig auch die Patronatsrechte. Die lagen nämlich seit 1361 durch eine Schenkung von Kaiser Karl IV. beim Kloster Kirchheim im Ries. Ja, ‚mein‘ Karl, der mir bei unserer Pragreise im Juni 2020 an allen Ecken und Enden über den Weg gepurzelt ist, und der ja als deutscher Kaiser auch hier im Ländle das Sagen hatte. Kurz vor der Schenkung hatte er den Württembergern alles abgenommen. Die waren zu dieser Zeit ja so richtig kleine (oder große) Rebellen. Darüber könnt ihr bei meinem Bericht über Schorndorf mehr erfahren.

Der heutige Kirchenbau entstand zwischen den Jahren von 1512-1517. Den Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert hat man kurzerhand mit einbezogen. Und endlich … 1538 konnte dann Georg Heinrich von Woellwarth die Patronatsrechte vom Kloster abkaufen. Wie es in damaliger Zeit so üblich war, der Patronatsherr bestimmt den Glauben der Einwohner. So haben sich die Freiherren bereits 1520 dem evangelischen Glauben zugewandt. Nachdem ihnen nun das Patronat gehörte wurde Essingen ‚offiziell‘ evangelisch. Aber ganz so ohne Kämpfe zwischen den Konfessionen ging es wohl auch hier nicht ab. Dazu später noch mehr.

So ziemlich jede Kirchengemeinde hat über den Lauf der Jahre ein bewegtes Leben, über das man endlos berichten könnte. Ich lass es mit der frühen Geschichte bewenden und zeig euch stattdessen lieber die Schätze im Inneren der Kirche.  Den wohl größten Schatz der Kirche seht ihr mit dem

Blick in den Chorraum der evangelischen Kirche in Essingen

In unterschiedlichen Varianten hat doch jede Kirche ein

Kruzifix im Chorraum

Aber das hier in der Essinger Quirinuskirche ist ein besonderes Schätzchen, das es soooo oft nicht gibt. Echtes Haar ziert den Christus am Kreuz und das Kruzifix stammt vermutlich so von 1461.

Unübersehbar das nächste Schätzchen im Chorraum

die Orgel in der Quirinuskirche

darf sich zu den ältesten Orgeln in Württemberg zählen. Neue Pfeifen in einem alten Orgelprospekt, der so von 1700 stammt und von einem Gmünder Orgelbauer erstellt wurde.

Orgel evang. Kirche Essingen 2705
Orgel evang. Kirche Essingen 2633

Sie faszinieren mich in jeder Kirche ja immer wieder aufs Neue. Hier an der

Emporengalerie der Orgelbrüstung

musizieren die kleinen Himmelsboten in einem ganzen Orchester. Ganz spontan, und in ihrer Darstellung komplett anders, fällt mir hier das ‚Heilige Theater‘ in der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg (auch im Ostlbkreis) ein. Als Figuren und wunderschön wird über dem Hauptaltar musiziert. Nach einer Renovierung kamen hier die Bildnisse an die Galerie in den Chorraum. Neun Engelchen spielen auf Instrumenten, und nicht einfach auf irgendwelchen – nein, diese Instrumente wurden früher tatsächlich in den Gottesdiensten gespielt.

In dieser Saalkirche ist aber nicht nur die Orgelempore ein Hingucker – ein Blick nach hinten und hinauf zu

den Emporen über dem Kirchenschiff in der evang. Kirche in Essingen

Die solltet ihr euch ein bisschen genauer anschauen.

In einer Bilderreihe wird

Jesus mit seinen zwölf Apostel

gezeigt. Ihr kennt sie sicher alle. Aber hier an der Brüstung sind zusammen mit Jesus, der mit seiner Weltenkugel und Kreuz ja unschwer zu erkennen ist, nur zwei seiner Apostel als solche klar erkennbar. Links von ihm Johannes mit dem Kelch und der Schlange und rechts von ihm Petrus, der ja immer mit seinem Symbol, dem Schlüssel, dargestellt wird.

Alle anderen zehn Apostel erkennt ihr nur an den Symbolen. Solltet ihr euch in der Ahnengalerie der Freiherrenfamilie auskennen, so erkennt ihr in den Bildern die Mitglieder der Patronatsfamilie – immer mit dem jeweiligen Symbol eines Apostels. Eine Darstellung, die ich so noch nie in einer Kirche gesehen habe. Ihr seht schon – kleine Kirche, aber ganz groß an inneren Schätzen!

Damit noch nicht genug, an den Holzbögen, die den Abschluss der Empore zieren, finden sich

die Wappen und Namenskürzel der Patronatsherren

Früher waren es ja einmal drei Emporen ringsum, so wie in der evangelischen Stadtkirche in Göppingen, die auch eine Saalkirche ist. Ja, früher war alles anders, da hatte die Adelsfamilie auch noch ihre eigene Empore, meist üblich mit Verglasung (so wie in der Schloßkapelle Ellwangen oder in vielen anderen ‚Adelskirchen‘) vom Volk getrennt. Heute sind es nur noch zwei Emporen, aber eines hat sich nicht geändert – die Freiherrenfamilie darf immer noch auf den Baronenstühlen von damals den Gottesdienst miterleben.

Wenn ihr glaubt, das war jetzt alles in der kleinen Kirche – nein, nein, da kommt noch mehr. Denn die dürfen so gut wie in keiner Kirche, und vor allem nicht in einer ‚Adelskirche‘ fehlen –

die Epitaphe in der evangelischen Kirche in Essingen

Funde bei Renovierungen haben bestätigt, dass in früherer Zeit die Mitglieder der Freiherrenfamilie in der Kirche bestattet wurden. Es ist eine Tradition, dass man, vor allem den Patronatsherren, ein Denkmal in der Kirche setzt, ein Epitaph. In ‚weltlichen‘ Kirchen (ich nenn sie jetzt einfach mal so, wenn gütige Spender den Bau mitfanziert haben) wurden auch angesehenen Bürger der Stadt oder den Sponsoren in der Kirche ein Denkmal gesetzt. Es muss ja nicht immer so künstlerisch pompös aufwenig sein, wie die Epitaphe in der St. Michaelkirche in Schwäbisch Hall. Eine große Sammlung, aber kunstvolle schmiedeiserne Exemplare könnt ihr in dieser Anzahl einzigartig im Kloster in Königsbronn bewundern.

Insgesamt zehn Epitaphe gibt es hier in der Kirche von der Familie von Woellwarth, das älteste erinnert an den 1601 verstorbenen

Sebastian von Woellwarth

An ihn erinnert ein Totenschild, auf dem ihr auch das Wappen der Freiherrenfamilie seht. Schon lange vor ihm wurde der rote Halbmond auf silbernen Grund zum Familienwappen. Ihr könnt euch mal auf die Suche begeben, wieee oft euch der rote Halbmond in der Essinger Kirche begegnet 😉
Ihr müsst euch an sage und schreibe 42 verschiedene Positionen in der Kirche begeben, Wahnsinn oder?!

Einige der Epitaphe muss ich euch aber doch näher vorstellen, wird doch das Andenken an den Verstorbenen in wunderschönen Bildern und Bildergeschichten geehrt. Und die folgenden Epitaphe könnt ihr nun wirklich nicht in der Kirche übersehen. Ganz groß ist das

Andenken an Sophie Floriane von Stetten/Gemmingen

die im Januar 1720 verstorben ist. Sie ist die Schwiegermutter von Ludwig Carl von Woellwarth und hat deshalb dieses große Andenken in der Kirche bekommen. Im Barockstil eingefasst lächelt sie gütig die Betrachter an, ihr Lebenslauf darf ebenso nicht fehlen, wie das Allianzwappen über ihrem Kopf.

Im Chorraum der Kirche findet sich das

Epitaph von Ludwig Carl von Woellwarth

ihrem Schwiegersohn, Freiherr von Essingen und Lauterburg und im Juni 1753 verstorben. Betend ist sein Blick in den Himmel zu Christus gerichtet. Nicht fehlen dürfen die Wappen seiner Ahnen.

Epitaph Ludwig Carl von Woellwarth Kirche Essingen 2689

Sein Bruder,

Johann Wolfgang von Woellwarth

der 1714 verstorben ist, hat sein Andenken direkt an der Kanzel der Kirche in Essingen bekommen. Auch er kniet betend zu Christus der auf einer Wolke sitzt. So ähnlich die beiden Epitaphe der Brüder und so aussagefähig und schön.

Noch ein Denkmal lohnt es sich genauer anzuschauen,

das Epitaph der Freiherrfamilie von Gienger

Ein wunderschönes Holzepitaph, im Mittelpunkt Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Im unteren Teil ist die Stifterfamilie zu sehen. Wenn ihr vielleicht schon in der Gegend unterwegs ward, und vor allem in der kleinen (ehemaligen) Schlosskirche in Lauterburg, dann könnt ihr dort so ein ähnliches Epitaph sehen. Die bereits verstorbenen Kinder und Familienmitglieder haben auch dort ein Kreuz über dem Kopf. Ja, es lohnt sich durchaus, ein bisschen genauer zu schauen.

Noch eine Besonderheit gibt es in der evangelischen Kirche in Essingen –

die Bibel des Freiherrn von Gienger

Ich hab euch eingangs geschrieben, dass es nicht immer so friedvoll zwischen den Konfessionen abging. Diese Bibel hat eine besondere Bedeutung – nach einer Übersetzung von Martin Luther wurde sie gedruckt, und sollte 1644 in Wien (zusammen mit noch anderen evangelischen Schriften) ein bewusster Raub der Flammen werden. Geht gar nicht, dachte sich Freiherr von Gienger als er sie dort liegen sah und wendete seine ganze Überzeugungskraft an, sie außerhalb Österreichs bringen zu dürfen. Diese Begebenheit ist in dieser Bibel, die er 1673 Essingen vermacht hat, beschrieben.
Hier zeigt sich bei unseren Ausflügen die perfekte Verbindung zwischen mir und meinem Mann. Während ich mit den anderen Details in der Kirche beschäftigt war, hat er mir kurzerhand die Bibel, die in der Kirche ausgestellt ist, aufgenommen.

Übrigens könnt ihr den ganzen Region im Ostalbkreis in vielen verschiedenen Kirchen Epitaphe der Familie von Woellwarth entdecken. Durch Heiraten quer durch verschiedene andere adlige Familien, so auch derer vom Hohenrechberg, ist das ja kein Wunder.

Ich überlass euch jetzt wortlos noch einem kleinen Rundgang mit kleinen

Details in der evangelischen Kirche in Essingen

wo unübersehbar das

Auferstehungsfenster

noch zu erwähnen ist. Zum Gedenken an die Eltern, die 1900 und 1904 verstorben sind, wurde dieses Kirchenfenster im Auftrag der Kinder geschaffen. „Ich bin die Auferstehung und das Leben“
Ich bin beeindruckt aus dieser kleinen Kirche mit so vielen Schätzen, um dann mit Fridolin noch etwas zu entdecken ….

Es durfte nämlich ein Stückchen hinaus an den Ortsrand von Essingen fahren (vielleicht wißt ihr es aus meinen Berichten, Fridolin, unser treues Autole bringt uns dahin, wo wir wollen), um genauer zu sein auf den Friedhof. Ja, so hin und wieder findet man mich auch auf Friedhöfen, wenn sie alte Schätzchen in Form von alten Grabdenkmälern bieten, so wie z.B. unser Leonhardsfriedhof in Schwäbisch Gmünd.

Ein Grund, warum es uns hier auf den kleinen Ortsfriedhof von Essingen zog, war die

Familiengruft der Freiherrenfamilie von Woellwarth in Essingen

die natürlich auch das Familienwappen ziert. Ich denke, große Worte braucht es da nicht. Beeindruckend der Weg zur Gruft, die 1867 entstanden ist.

Vor Entstehung der Familiengruft der Adelsfamilie wurden diese wenige Meter nebenan,

in der Marienkirche in Essingen

bestattet. Dieses Kleinod sucht wohl seinesgleichen – leider war sie bei unserem Besuch wegen Corona geschlossen.

Die Entstehung der Kirche geht weit zurück, und ja, sie war tatsächlich einmal eine große Kirche, vermutlich eine mittelalterliche Kirche. Als sie Kaiser Karl IV. 1361 genauso wie die Quirinuskirche, die evangelische Pfarrkirche in Essingen, als Filialkirche an das Kloster Kirchheim am Ries übertragen hat, hatte sie schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Gewidmet wurde die Kirche bereits in ihren Anfangszeiten der Mutter Jesu „Kirche zu unserer lieben Frau“ oder einfach Marienkirche.

Als 1538 Georg Heinrich von Woellwarth das Patronat für die Hauptkirche in Essingen vom Kloster abkaufte, tat er dies auch für die Marienkirche. 1831 wurde die Kirche dann abgerissen, nur den Chor ließ man stehen. Diesen kann man heute (wenn er denn geöffnet ist) in der kleinen Kapelle betrachten. Denn hinter den Mauer verbirgt sich ein großer Schatz – etwa um 1400 sind hier Wandmalereien aus dem Leben Marias entstanden, die man besichtigen kann.

Sollte es euch so gehen wie uns – verschlossene Türen – oder ihr kommt nicht in diese Gegend und seid trotzdem neugierig, dann könnt ihr in dem Video den Erzählungen aus dem Leben der Marienkirche lauschen.

Marienkirche Essingen 2870

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