Unübersehbar steht in der Dorfmitte von Wißgoldingen die katholische Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Eine Kirche halt, aber bei genauem Hinsehen birgt sie einige Besonderheiten.

Wißgoldingen, der größte Teilort meines Heimatortes Waldstetten, war heute mein Ziel im Rahmen meiner Callenge „Heimatkunde“. Ich hab mir mit dieser Aufgabe selbst einen Stein ins Rollen gebracht, der immer mehr Steine mit sich reißt. Nachdem wir unsere geplatzte Reise im September 2020 verdaut hatten, waren mit Corona alle Übernachtungsreisen damit erstmal für uns gestrichen. Und stattdessen? Das war die Geburtsstunde meiner „Heimatkunde“ – und die genauere Entdeckung meiner Heimat.

Es ist ja nicht so, dass ich noch nie in Wißgoldingen war. In dem kleinen Dorf da oben aufm Berg, wie wir da unten in Waldstetten liebevoll sagen. Denn während wir unten eingebettet zwischen zwei der Drei-Kaiserberge liegen, genießt Wißgoldingen Höhenluft. Ganz nah dran am Stuifen, einem der Drei-Kaiserberge und unserem Hausberg sind wir ja beide. Aber mal so ganz bewusst einige Ziele ansteuern und diese für meinen Reiseblog ausgiebig begutachten – nein, in der Form habe ich es tatsächlich in all den Jahren noch nie gemacht. Dabei bin ich doch so oft an der unübersehbar in der Dorfmitte stehenden Kirche vorbei gefahren. Aber halt nur vorbei – heute galt es für mich auch die Kirchentüren zu öffnen.

Kommt mit zu

meiner Besichtigung der kath. Kirche St. Johannes Baptist in Wißgoldingen

die, ihr kennt es bestimmt aus meinen Berichten, mit

der Außenansicht der Kirche St. Johannes Baptist

beginnt. Und da seht ihr schon die Besonderheit, die ich eingangs erwähnt habe. Die gut 30 Meter lange und über 14 Meter breite Pfarrkirche vereint nämlich mehrere Baustile. Vier um genauer zu sein, denn es vereinen sich ein romanischer Baustil des Turms mit Barock und im Kirchenschiff die Renaissance mit dem Nazarener Baustil.

Über diesen Baustil wollte ich dann doch genauere Infos, ist er mir bewusst bisher noch bei keiner meiner Kirchenbesichtigungen untergekommen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten sich sich deutschsprachige Künstler in dieser Kunstrichtung zusammen. Wie es der Name schon sagt, eine zumeist christliche Gruppe, die Anhänger Jesu. Künsterlerische Fertigkeit hatte den Vorrang vor einem künsterlischen Ausdruck – ganz streng orientierte man sich an antiken Vorbildern.

So gar nicht wie gewohnt, betritt man die Kirche durch eine kleine Kirchentüre neben dem hoch aufragenden Turm. Bereits im Vorraum der Kirche gibt es viel zu Bestaunen, dazu aber später – jetzt (wie immer)

der Gesamtblick in die Kirche St. Johannes Baptist in Wißgoldingen

und bevor ich da mehr Worte verliere, schaut selber.

Pfarrkirche Wißgoldingen Innenansicht 0093
Pfarrkirche Wißgoldingen Innenansicht 0291

Auf den ersten Blick erscheint sie doch recht schlicht. Aber wie ich schon in manch anderen Kirchen erfahren durfte, der Blick liegt im Detail. Davor aber noch ein bisschen

Baugeschichte zur katholischen Kirche St. Johannes Baptist in Wißgoldingen

So richtig viel habe ich über die sehr frühe Zeit der Kirche nicht gefunden. Vielleicht war sie schon zu Stauferzeiten da? Man weiß ja aus dieser Zeit, dass das kleine Dorf zu den Herren von Rechberg gehörte, und die waren Ministeriale der Stauferdynastie, die ja unweit von Wißgoldingen und Rechberg auf dem Hohenstaufen ihre Stammburg hatten. Urkundlich erwähnt, taucht die Kirche erstmals 1275 in einem Zehntbuch des Bistums Konstanz (zu dem es damals gehörte) auf. Und bekannt ist auch noch, dass es bereits 1397 einen Pfarrer im Dorf gab.

Die folgenden Jahre liegen im Dunst, so wie heute die Albkette in der Ferne, auf die man von Wißgoldingen aus einen herrlichen Blick hat. Erst 1615 lichtet sich dieser Dunst, worauf auch eine Gedenktafel in der Kirche hinweist. Wie so viele Kirchen, die als kleine Kirchenbauten oder sogar Holzkirchen begannen, wurden sie irgendwann zu klein. Ein Erweiterungsbau musste her, und oft standen die Pfarreien vor dem Problem „wer zahlt“? Da gibt es ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Finanzierung – in Schorndorf wurde durch Ablässe finanziert und in Schwäbisch Hall waren es die Reichen der Stadt, die dann mit einem prachtvollen Epitaph in der Kirche nach ihrem Tod geehrt wurden. Aber in so einem kleinen Dorf wie Wißgoldingen?

Tja, da musste wohl der Dorfherr selber ran. Ich würde heute salopp sagen, da hat es bestimmt keinen Armen getroffen, denn die Freiherren (und später Grafen) von Rechberg nagten sicher nicht am Hungertuch. Zählte das Adelsgeschlecht doch zum Hochadel und stellte auch einige Fürstprobste in Ellwangen. Immerhin bekamen sie auch für ihre Besitze Abgaben von Bauern. So übernahm Kaspar Bernhart Freiherr von Rechberg die Kosten für die Erweiterung der Kirche. 1616 wurde die Kirche zu Ehren des Hl. Johannes des Täufers (Baptist) und der Hl. Katharina geweiht.

Es kam 1636 die Zeit des 30-jährigen Kriegs, der auch auch die Region nicht ausließ. Im Juni 2020 stand ich im Alten Königspalast auf der Prager Burg, wo dieses schreckliche Geschehen mit dem zweiten Fenstersturz seinen Anfang nahm. Die katholischen kaiserlichen Truppen gegen die Protestanten, und dann auch noch die Pestseuche, die auch in Wißgoldingen viele Opfer forderte. Es wurde so um 1735 ein bisschen um Wißgoldingen gefeilscht. Genaueres darüber könnt ihr in meinem Ortsbericht zu Wißgoldingen nachlesen.

Keine Ahnung warum, man sagt (vor allem) Wißgoldingen und auch Waldstetten nach, dass sich hier gehäuft Menschen in den Priester- oder Ordensberuf berufen fühlen. So auch Pfarrer Jakob Dangelmaier, der 1776 als Geistlicher der kleinen Gemeinde die Kirche wieder erweitern und in die Höhe wachsen ließ. Aber nicht nur dafür war er in Wißgoldingen verantwortlich. Er war schon sehr rege in seinem Tun, der Bau der Marienkapelle geht auch auf ihn zurück. Auch er wird mit einer Gedenktafel beim Eingang in die Kirche gewürdigt.

1806 kam dann auch Wißgoldingen zum Königreich Württemberg und 1870 wurde die Kirche im Innern etwas aufgehübscht. Aber wieder wurde die Kirche zu klein und genügte nicht mehr den Ansprüchen der vielen Gläubigen. 1909 ging man mit finanzieller Unterstützung der Gläubigen an die Umsetzung der Vergrößerung der Kirche. (Je mehr Silber im Klingelbeutel, desto schneller kam das Geld zusammen 😉 ) Ausgebremst durch den Ersten Weltkrieg, konnte man sich aber erst wieder so ab 1919 an dieses Vorhaben begeben. Am 4. November 1920 war es dann soweit – die neue Pfarrkirche wurde eingeweiht. Wer jetzt rechnen kann, der erkennt, dass man eigentlich im November 2020 das 100-jährige hätte feiern können. Ja, hätte – wäre da nicht dieser Fiesling Corona am Werk, der durch alle Feierlichkeiten einen dicken Strich gezogen hat.

 

Sodele, das wars jetzt aber auch mit Geschichte. Ich schau mich jetzt mal genauer in der Kirche um. Eigentlich geht ja mein zweiter Blick immer zum Altar, aber der muss hier noch ein bisschen warten. Denn mich ziehen

die Chorfenster in der St. Johannes Baptist Kirche in Wißgoldingen

in den Bann. 28 qm geballte Herrlichkeit, zusammengesetzt aus 58 Einzelfenstern. Da war ein Gmünder, der die gestiftet hat – Bischof von Keppler, vielleicht wäre die Arbeit des berühmten Malers aus München sonst nie in der Kirche zu bewundern. Mein verstorbener Vater hätte seine wahre Freude an diesem Bilderensemble – legte er doch immer Wert darauf, dass sein Namenspatron Johannes der Täufer war. Und genau aus dem Leben des Kirchenpatrons Johannes erzählt die Gestaltung der Chorfenster.

Vor lauter Fenster, vor allem heute, wo die Sonne sie noch zum leuchten brachte, tritt

der Hauptaltar in der St. Johannes Kirche in Wißgoldingen

fast ein wenig in den Hintergrund. Aber nur fast, denn jetzt rücke ich ihn ins rechte Licht. Nicht nur die Chorfenster verdankt die Kirche Bischof von Keppler, sondern auch den Hauptaltar hat er gesponsert. Fünfteilig gestaltet, zeigt er auf ganzer Breite der Chorfenster Szenen aus dem Leiden Christi und Stationen des schmerzhaften Rosenkranzes. Über dem Tabernakel das Kreuz mit Maria und Johannes.

An der Stelle doch ein paar Worte zum

Namenspatron der Kirche in Wißgoldingen – Johannes der Täufer

der ein halbes Jahr vor Christus, als Sohn von Elisabeth und Zacharias, geboren wurde. Man sollte nie zweifeln, dass man auch im hohen Alter noch Vater werden kann, denn als er die Verheißung des Erzengels Gabriels, dass ihm ein Sohn geboren werde, anzweifelte, wurde er von diesem mit Stummheit bestraft. Aber alles kam so wie vorhergesagt – Johannes wurde geboren und sein Vater erhielt seine Sprache zurück.

Johannes wuchs heran und wurde Bußprediger. Als Asket lebte er in der Wüste, aß Heuschrecken und wilden Honig, und verkündete am Jordan das Kommen des Messias. Er taufte im Jordan und hatte eine große Anhängerschar, was natürlich Herodes misstrauisch machte. Er taufte auch Jesus im Jordan und die Christenheit sieht in ihm den großen Propheten. Wie so oft in diesen frühen Zeiten endet das Leben im Drama – Johannes wurde enthauptet. Das war der Schnelldurchgang, ausführlich könnt ihr HIER über das Leben von Johannes dem Täufer nachlesen.

Beim Gesamtbild fallen sie sofort ins Auge –

die Seitenaltäre in der Pfarrkirche St. Johannes in Wißgoldingen

die Maria und Josef zu Ehren 1920 erstellt wurden. So auffallend die beiden Freskobildnisse auch sind, so unauffällig sind die jeweils vier kleinen Statuetten im Unteren des Altars. Da bricht wohl ein uralter Brauch durch, den es, zumindest in abgeschwächter Form, immer noch gibt – Frauen auf die Frauenseite, Männer auf die Männerseite, Familien haben Ausnahmeregelungen 😉

Also verwundert es dann auch nicht, dass Maria Verstärkung von der Hl. Agnes, Monika, Katharina und Barbara hat. Der Josef von den H. Judas Thaddäus, Augustinus, Aloisius und dem Bernhard. Ich finde, sie sind sehr filigran in ihren Gewändern gestaltet. Nur beim Gesichtsausdruck tat ich mir dann etwas schwer mit meiner Begeisterung – irgendwie schauen sie alle fast gleich. Was meint ihr?

Jetzt geht mein Kopf ein bisschen in den Nacken, damit ich den

Chorbogen in der St. Johannes Baptist Kirche in Wißgoldingen

näher betrachten kann. Spontan erinnert mich die Malerei des Bogens an das himmlische Orchester über dem Hochaltar in der Wallfahrtskirche auf dem Hohenrechberg. Dort aber nicht gemalt, sondern mit Figuren. Die Symbolik ist aber die gleiche – Gott in der Mitte, umgeben von einem Engelsorchester. Den Anfang bilden aber links ein Mann der Kirche und rechts einer aus dem Volk. Ich hab die wunderschönen Malereien für euch ein bisschen näher rangeholt.

„Dein Thron, o Gott, steht immer in alle Ewigkeit.“ (Hebr. 1.8)

Immer noch den Kopf im Nacken geht mein Blick an den zwölf Stützen an den Holzträgern entlang. Zwölf gütig dreinschauende Gesichter sind zu erkennen –

die zwölf Apostel in der Pfarrkirche Wißgoldingen

Diese magische Zahl, die sich quer durch die Bibel zieht. Alles begann mit Mose, der zwölf Söhne hatte aus denen die zwölf Stämme Israels hervorgingen. Um den Altar den er am Berg Sinai errichtete waren zwölf Steinmale mit dem Namen eines jeden Stammes.Je zwölf Stiere, Widder und Ziegenböcke opferten die Israeliten, zwölf goldene Löwen umringten den Thron König Salomons. Die heilige Stadt Jerusalem hat zwölf Tore und Jesus scharte zwölf Jünger um sich. Kurzfristig kam diese Zahl mit dem Verräter Judas ins Wanken, bis mit dem Apostel Matthias die Zahl zwölf wieder komplett war.

Man kann diese Zahl unendlich weiterspinnen – 12 Monate hat das Jahr, 12 Tierkreiszeichen gibt es, selbst auf der Tonleiter sind es 12 Halbtöne. Auch in der St. Laurentius Kirche in Waldstetten wird die Zahl zwölf in einem wunderschönen Kronleuchter dargestellt.

An der schlichten, aber dadurch wunderschönen

Kanzel in der St. Johannes Kirche in Wißgoldingen

sind es nur vier, die vier Evangelisten, die so ziemlich an jeder Kanzel in den Kirchen als Schmuckwerk zu sehen sind. Ihnen gilt auch immer ein besonderer Blick von mir, der hier in der Kirche aber rasch ‚erledigt‘ war.

Jetzt schaut euch mit meinen

Details in der Pfarrkiche Wißgoldingen

noch ein bisschen in der Kirche um. Gell, hier steckt wirklich der Blick im unverschnörkelnden Detail?

Viele Statuen haben in der Kirche verteilt ihren Platz bekommen. Allen voran der Hl. Josef mit dem Jesuskind und einer Lilie in der Hand. Hier ist er schön farbenfroh, anders als in Prag auf der Karlsbrücke, wo er als Steinheiliger inmitten 29 anderer Figuren steht. Übrigens findet sich dort auch der Namenspatron der Kirche, der Hl. Johannes. Zu meinem ausführlichen Bericht, wie sie auf der Karlsbrücke aussehen, kommt ihr HIER.

Petrus und Paulus findet ihr, nochmal ganz groß, bei der Kreuzigungsgruppe Maria und Johannes. Die übrigen Heiligen dürft ihr selber entdecken. Auch ein Blick nach oben lohnt sich …

Ich hab euch ja am Anfang geschrieben, der Eingang in die Kirche ist nicht wie üblich – eintreten, und ihr steht im Kirchenschiff. Der Eingang führt über den ältesten Teil der Kirche

im alten Kirchenschiff der Pfarrkirche in Wißgoldingen

und auch da wisst ihr sofort, wer der Namenspatron der Kirche ist. Ganz groß seht ihr ihr hier, wie Johannes Jesus tauft.
Man findet in den verschiedenen Kirchen immer wieder ‚altbekannte Gesichter‘ – in Wißgoldingen ist der Hl. Sebastian anzutreffen, den ich in voller Lebensgröße in der kleinen Schloßkapelle in Ellwangen angetroffen habe. Der Italiener war zu seiner Zeit Hauptmann am kaiserlichen Hof in Rom, an dem er natürlich seinen christlichen Glauben verheimlichen musste. Er stand Gleichgesinnten in den Gefängnissen bei, bewirkte Wunder und bekehrte so manch römischen Adeligen zum Glauben.

Einer Legende nach erfuhr der Kaiser von Sebastians Glauben und ließ ihn von Bogenschützen erschießen. Deshalb wird er meist mit Pfeilen durchbohrt dargestellt. Man glaubte, dass das Werk erfolgreich war, ließ ihn liegen und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Die Witwe eines Märtyrers aber pflegte seine Wunden und ließ ihn sich wieder erholen. Nachdem er sich dem Kaiser wieder voller Leben gezeigt hatte, ließ dieser ihn erneut töten. Um diesmal sicher zu gehen, ließ er den Leichnam in einen Abwasserkanal werfen.

Auf einem Sockel steht die Muttergottes mit dem Jesuskind. Ein Fingerzeig auf ein Kleinod, das ihr am Ortsrand von Wißgoldingen unbedingt besuchen solltet –

die Marienkapelle in Wißgoldingen

Ich denke, ihr werdet an diesem Ort genauso begeistert sein wie ich. Es ist eine wunderschöne kleine Kapelle zu Ehren der Muttergottes und bietet an dem Ort gigantische Aussichten auf unsere Drei-Kaiserberge, dem Stuifen, Hohenrechberg und dem Hohenstaufen. Die Marienkapelle hat natürlich ihren eigenen Bericht in meinem Reise- und Fotoblog bekommen. Am Ende der nachfolgenden Fotoserie seht ihr ein paar Fotos von ihr.

Ich war tatsächlich überrascht, was ich dort in der Kirche gesehen habe. Nein, ich werde jetzt nicht in allen kleinen Ortschaften die Kirchen ‚abklappern‘. Aber es zeigt sich anhand der Pfarrkirche in Wißgoldingen – man darf die kleinen Dorfkirchen nicht unterschätzen.

Hab ich euch Lust gemacht, meine Heimat zu besuchen? Dann nix wie hin – für einen Tag, oder wenn wir alle wieder dürfen – auch mal für einen Urlaub.

Das könnte Euch auch interessieren:

Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné) auf der Prager Kleinseite

Wißgoldingen – der kleine Ort am Stuifen

Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné) auf der Prager Kleinseite

Die Wallfahrtskirche St. Maria auf dem Hohenrechberg

So kommt ihr zur St. Johannes Baptist Kirche in Waldstetten-Wißgoldingen