Einst war er der höchste Kirchturm der Welt, heute steht er als Mahnmal bei den Ruinen der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg.

Tag 2 in Hamburg und wir sind immer noch in der Innenstadt in Hamburg unterwegs. Wir haben den Begriff Altstadt ein bisschen ausgedehnt, denn so richtig nur in der Altstadt, waren wir nach dem Besuch des Rathauses und der Hauptkirchen St. Petri und St. Jacobi und dem Abzweig ins Kontorhausviertel der Hansestadt ja schon eine Weile nicht mehr. Man könnte es jetzt auch ganz salopp ausdrücken – auf dem Rückweg zu einer S-Bahn Station haben wir einfach noch alles am Wegesrand ‘mitgenommen’ was sich geboten hat, und sind kurzfristig auch zur Neustadt gewechselt. Es erspart uns einen weiteren Tag für das, was wir unbedingt sehen wollten und lässt uns weitere andere Besichtigungsmöglichkeiten offen.

Ich kann euch aber nicht beschreiben, welche Diskussionen mein Kopf und meine Beine schon vor der Besichtigung der St. Katharinen-Kirche am Rand der Speicherstadt führten. ‘Wir können nicht mehr, spinnst du jetzt komplett’ ‘Jetzt übertreibst du aber dein Programm mächtig’ vs ‘wenn wir doch schon in der Ecke sind’ ‘wir wollten das doch sowieso sehen’ – das waren noch die harmlosesten Diskussionen. Einen kleinen Stillstand in diese Diskussionen gab es immerhin, als der Schnürlesregen (und wir ohne Schirm!) nach dem Besuch von St. Katharinen wieder aufhörte und auf dem Weg zum St. Nikolai Turm die Sonne sich zaghaft wieder durch die Wolken traute. So als wolle sie uns sagen, wir wollten euch nur ein bisschen testen, ob ihr aufgebt oder nicht 🙄😎🙃

Pffff, wir doch nicht, obwohl (und das kommt echt selten vor) ich jetzt auch langsam genug hatte. Nur noch St. Nikolai und dann ist Schluss für heute! (So dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch 😀 ) Kommt ihr mit zu

meiner Besichtigung des heutigen Mahnmals St. Nikolai in Hamburg

das früher eine stattliche Hauptkirche Hamburgs war. Fünf Hauptkirchen gibt es ja in Hamburg (das sind Kirchenbezirke, bei uns sagt man Kirchengemeinden) und gleich vorweg – es gibt auch heute noch die Hauptkirche St. Nikolai, neu und an einem anderen Standort. Man erkennt den Kirchturm an seiner Form und mit den dunklen Steinen von überall her. Drei Jahre lang, von 1874-1877 durfte sich

der Turm der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai

mit seinen 147,3 Metern stolz das höchste Bauwerk der Welt nennen.

Nach ihrem kurzfristigen Außreißer in der St. Katharinen-Kirche blieb meine ‘Emma’ wieder brav an meinem Handgelenk. Zum Glück kam sie in der vierten Kirche an diesem Tag nicht wieder auf die Idee Papst zu sein. Sie, bzw. wir taten uns aber etwas schwer, den St. Nikolaiturm komplett aufs Bild zu bekommen. Jetzt habt ihr ihn eben scheibchenweise 😉

Das Hauptportal der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg

solltet ihr euch genauer anschauen. Es zeigt nach dem Wiederaufbau nach dem Großen Stadtbrand einen gotischen Baustil und typisch für eine Münsterbauweise oder sogar einem Dom. Ich habe solch wunderschöne Kirchenportale direkt vor meiner Nase, in meiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd beim Hl. Kreuz Münster. Auch am Dom in Freiberg kann ein solches Skulpturenprogramm am Portal bewundert werden. Dass hier in St. Nikolai die einzelnen Skulpturen etwas gelitten haben, ist mehr als verständlich. Trotzdem war ich überrascht, dass sie doch in der Überzahl noch wunderschön erhalten geblieben sind.

Der Baumeister der Kirche wollte ja an der Fassade und den Portalen richtig viele Skulpturen und Statuen anbringen, 64 hatte er als Ziel. Doch das nötige Kleingeld fehlte zur Verwirklichung, schlussendlich musste er mehr als die Hälfte in seinen Träumen begraben und konnte nur noch 30 Figuren umsetzen. Er wusste ganz genau, wohin er welche Personen platzieren wollte – um den Chor sollten die Kirchenväter, innen durften die zwölf Apostel das Geschehen beobachten. In ein Querschiff zogen die Reformatoren ein, ins andere Persönlichkeiten der evangelischen Kirche. Schade, dass man das alles nicht mehr sehen kann.

Das Turmportal war den Märtyrern und den vier Evangelisten vorbehalten, von denen auch heute noch einige zu sehen sind. Auch an der St. Petri Kirche am Anfang der Mönckebergstraße begrüßen sie die Besucher an der Außenfassade. Meist sind sie ja im Trockenen im Inneren der Kirche, an den Kanzeln, zu bewundern.

Bei manchen Besichtigungen kann ich ganz schön schweigsam werden, aber das trifft auf meinen Mann genauso zu. So richtig ohne Worte waren wir bei der Besichtigung der Synagogen im Jüdischen Viertel in Prag, aber auch hier hat mich die Ruine der Kirche, die sich nach Durchschreiten des Turmportals zeigt, fast stumm gemacht. Aber vor den Fotos, gibt es erst wieder

ein bisschen Geschichte zur ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg

und die geht weit zurück ins Mittelalter. Man darf sich Hamburg zu dieser Zeit in zwei wichtige Bereiche aufgeteilt vorstellen: rund um die St. Petrikirche und später dem Dom war die ‘bischöfliche Stadt’ und die älteste Besiedlung, die 845 begann. Auch Burgen wurden hier im 11. Jahrhundert errichtet. Gibt es einen kirchlichen Bereich, liegt doch auf der Hand, dass es auch einen Weltlichen geben muss? Den gab es auch, und zwar genau in dem Bereich, in dem später die St. Nikolai-Kirche erbaut wurde. Da kommt er ins Spiel, Adolf III., Graf zu Schauenburg, Stormarn und Holstein (soviel Zeit muss sein), und noch einer mischt da mit 🙂 Wer meinen Reiseblog aufmerksam verfolgt, oder sich durch meine Bereiche geklickt hat, der weiß, dass ich auch auf den Staufspuren unterwegs bin. Das kommt nicht von ungefähr, lebe ich doch in einem total ‘stauferverseuchten’ Gebiet 🙂 Die Stammburg des Adelsgeschlechts der Staufer auf dem Hohenstaufen, einem der Drei-Kaiser-Berge liegt nur einen guten Steinwurf von meinem Heimatort Waldstetten, ebenfalls am Fuß eines Kaiser-Bergs, dem Stuifen, entfernt. Corona hat mich während unseres Reisestillstands dazu gebracht, mich intensiver mit dem Adelsgeschlecht zu befassen und auf dessen Spuren zu wandeln.

Was hat St. Nikolai in Hamburg mit den Staufern zu tun?

Dafür muss man in der Geschichte noch ein bisschen weiter zurückgehen, zum Vater von Adolf II., der dort oben im Norden das Sagen hatte. Er gründete 1143/44 die Hansestadt Lübeck. Und es kann ja nie schaden, wenn man sich mit dem römisch-deutschen Kaiser gut stellt – er begleitet Friedrich I. Barbarossa 1159 auf seinem Weg nach Italien. Nachdem der Vater tot war, trat sein einziger Sohn als Adolf III. sein Erbe an. Wie es halt so war, nicht jeder war jedem gleich gut gesonnen, es gab ein bisschen Zoff mit Heinrich dem Löwen, und der schmiß ihn kurzerhand aus Holstein raus. Nix wars mehr mit der Macht dort. Kann so nicht bleiben, und auch er besann sich, dass ihm ja vielleicht auch die Verbindung zu Barbarossa nützlich sein könnte. Es hat geklappt, er bekam mit dessen Hilfe seine Herrschaft wieder zurück als Heinrich der Löwe gestürzt wurde.

Adolf III. förderte 1187 die Gründung der ‘weltlichen Neustadt’ und um den Nikolaifleet entstand eine Kaufmannssiedlung. Mit Speck fängt man Mäuse – hat auch damals mit den Bewohnern der neuen Siedlung geklappt. Er versprach ihnen Freiheitsrechte, gewisse Privilegien, Zollfreiheit und Marktrechte. Aber dazu braucht er den Stauferkaiser, denn nur der kann diese wichtigen Handels- und stadtrechtlichen Privilegien gewähren. In einem, heute Datumsmäßig angezweifelten, Freibrief verlieh Friedrich I. Barbarossa der aufstrebenden Stadt Hamburg diese Rechte. Dazu aber in einem anderen Bericht mehr.

Ihr wisst noch – Vater Adolf II., Gründer von Lübeck, das Erbe hat der Sohn – blöd nur, dass 1188 Barbarossa mit dem Barbarossa-Privileg die wirtschaftliche Entwicklung Lübecks zur Chefsache machte. Also musste man beim Chef wieder ein bisschen schmeicheln – bedeutet zu dieser Zeit ‘ich geh mit dir auf Kreuzzug’. 1189 begleitete Adolf Barbarossa auf dessen Dritten Kreuzzug ins Heilige Land, kehrte aber vorzeitig wieder zurück. Sein Widersacher Heinrich der Löwe war aus dem Exil zurück und streckte die Hand nach der Macht aus.

Soweit der Ausflug zur Verbindung mit dem Staufergeschlecht. An der Brooksbrücke zur Speicherstadt könnt ihr unser Schwäble in voller Pracht sehen.

Die weltliche Stadt wuchs, ein Hafen wurde angelegt, und die Bewohner diese Bezirks wollten eine Kirche. Nach einigem HickHack mit der Geistlichkeit des Doms, die auf das Patronat bestanden, schenkte Graf Adolf III. der Kirche das benötigte Grundstück und 1195 wurde der Bau einer Kapelle begonnen. 12 x 26 Meter sollte sie werden, so groß, dass 300 Gläubige Platz bekamen. Aufgrund der Hafennähe wurde sie dem Hl.Nikolaus, dem Schutzpatron der Seefahrer und Reisenden geweiht.

Keine Kirche die ich bisher besucht habe, war für die Ewigkeit. Schon ab 1240 wurde die Kirche erweitert, die Kapelle wurde zum Chor und eine große dreischiffige Kirche im Stil der Gotik entstand. Auch ein Kirchturm, 60 Meter hoch, durfte nicht fehlen. Der kam aber erst 1353 dazu. Und alles natürlich im typischen Hamburger Baustil, so wie ich ihn an allen Kirchen in Hamburg sehen konnte – man nennt es einen Backsteinhallenkirchenbau.

Aber auch diese Vergrößerung war bald zu klein, die nächste Erweiterung fand zwischen 1400 und 1425 statt. Zu dieser Zeit war neben der Kirche noch der Kirchhof. Damit man vergrößern konnte, mussten die sterblichen Überreste der dort Begrabenen in ein Beinhaus umgesiedelt werden. In der Kirche in Schwäbisch Hall kann man einen Blick in so ein Beinhaus werfen. 1518 war dann auch der Turm dran, der in der Höhe dann den St. Petri-Kirchturm übertrumpfte. Blöd nur, dass es zu dieser Zeit keine Blitzableiter an diesen hohen Gebäuden gab. Der allereste Blitzableiter an eine Kirche in Deutschland kam erst 1769 an die St. Jacobi Kirche in Hamburg. Im Juli 1589 wurde der Turm zum ersten Mal durch Blitzschlag vollständig zerstört. Auch der neu aufgebaute Turm stürzte 1644 bei einem Unwetter ein. Aller guten Dinge sind drei – 1657 streckte sich der Turm wieder 122 Meter in die Höhe. Es sollen aber nicht die letzten Blitzeinschläge und Beschädigungen am Turm gewesen sein.

In der Zeit der Reformation ging es hoch her – Domkapitel vs Reformer. Ein Vertrauter von Martin Luther vollzog dann schließlich friedlich die Reformation und führte eine Kirchenordnung in Hamburg ein. Kirchenmusik fand in der Kirche statt und wie in der St. Jacobi Kirche zog auch in St. Nikolai eine Arp Schnitger Orgel ein. Auch hier hat die Kirche aufgetrumpft – ein Attribut (der welthöchste Kirchturm) reichte nicht, mit dieser Orgel war es die damals größte Orgel im deutschsprachigen Raum, man vermutet sogar weltweit.

Immer wieder begleitet mit auch in meinen anderen Beiträgen das schicksalhafte Geschehen vom Mai 1842, als Hamburg drei Tage lang von einem verheerenden Brand heimgesucht wurde. Gleich am ersten Tag fiel St. Nikolai als erste Hamburger Hauptkirche dem Raub der Flammen zum Opfer. Alles Bitten im Gebet am Morgen hat nichts geholfen. Man kann sich auch in heutiger Zeit vorstellen, wie schwierig es ist, Türme zu löschen. Damals fast ein aussichtsloses Unterfangen. Der Kirchturm stürzte ins Kirchenschiff und ließ dieses vollständig ausbrennen.

Es entstand eine große Diskussion, ob man die Kirche überhaupt wiederaufbauen sollte. Schlussendlich entschied man sich für einen Wiederaufbau, aber mit einer Verschiebung von etwa 50 Metern in südöstlicher Richtung. Ihr seht es im Stadtplan sehr schön, die neue Kirche wird im Halbkreis vom Nikolaifleet umrahmt. Wie es so üblich ist, wurde eine öffentliche Ausschreibung für den Aufbau ausgerufen, den Gottfried Semper gewann. Ja, der mit der Semperoper in Dresden. Aber seine Freude war wohl nur von kurzer Dauer. Dem Kirchenvorstand gefiel sein romanischer Baustil nicht mehr so richtig, sie schwärmten von einem gotischen Baustil. So wurde der Dritte zum Ersten. George Gilbert Scott bekam den Zuschlag. Im zu Ehren ist in der Ruine ein Denkmal gesetzt.

Am 24. September 1846 wurde der Grundstein gelegt und nach 17 Jahren war die Einweihung der Kirche. Ob sich die Befürworter tatsächlich richtig freuen konnten?  Die Kosten des Kirchenbau wurde um das Dreifache überschritten, als der erste Entwurf von Semper gekostet hätte. Aber Bürger waren dann so spendabel und haben ihr Scherflein dazu getan.

1874 wurde auch der Kirchturm fertig, der dann mit seinen 147,3 Metern als der höchste der Welt galt. Auch heute bringt es der Nikolaiturm noch auf Platz 2 in Hamburg, nach dem Fernsehturm und steht immerhin noch an Platz 5 der gesamten Welt.

Wie ihr es von meinen übrigen Kirchenbesichtigungen gewohnt seid, gibt es auch hier in der Ruine keine Außnahme

der Gesamtblick in der Ruine der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg

die man von der Straße im ersten Moment gar nicht als solche erfasst.

Ruinen der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai Hamburg 7731
Ruinen der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai Hamburg 7697

Ich überlasse euch jetzt wortlos meinen ersten Eindrücken ….

Das Mahnmal St. Nikolai in Hamburg

soll eine Erinnerung an ein Ereignis sein, das sich so hoffentlich nie wieder ereignen wird. In all meinen Berichten ist dieses Ereignis immer allgegenwärtig, hat es doch Hamburg ganz extrem getroffen – der Zweite Weltkrieg.

Der Nikolaiturm war während der Luftangriffe auf Hamburg ein markantes Ziel der britischen und amerikanischen Streitkräfte. Am 28. Juli 1943 wurde der Kirchturm so schwer beschädigt, dass das Dach auf den Innenraum herunterstürzte und ihn schwer beschädigte. Zwar trugen die Wände Risse davon, sie blieben aber – wie der Turm auch – stehen. Und jetzt? Wieder ein Aufbau der Kirche? Auch die St. Katharinen Kirche stand vor dem Problem, dass sich die Zahl der Gläubigen ziemlich verringert hatte, so auch bei St. Nikolai. Wozu dann noch eine Kirche aufbauen? Kurzerhand verlegte man die Hauptkirche in einen Stadtteil Hamburgs nach Harvestehude, wo 1962 mit einem Kirchenbau die neue Hauptkirche St. Nikolai eingeweiht wurde. Wenige Ausstattungsstücke die überlebt haben, haben heute neue Plätze gefunden.

Das war sicher keine leichte Entscheidung die Kirche zu verlegen, wäre sie doch mit dem was übrig geblieben ist durchaus wieder aufzubauen gewesen. Schlussendlich entschied man sich nach den Verhandlungen zwischen Kirche und dem Hamburger Senat, alles bis auf den Kirchturm St. Nikolai und den Chor der Kirche abzureißen. 1953 sprengte man den Rest der Kirche. Was passiert nun mit den Resten? Was liegt da näher, dass man aus dieser Ruine ein Mahnmal errichtet, um an das Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu erinnern? Die Verhandlungen liefen, denn schließlich muss das ganze auch finanziert werden. 1961 wurde die Entscheidung besiegelt, dieses Vorhaben umzusetzen. Der Turm wurde schon ein Jahr zuvor unter Denkmalschutz gestellt. Naja, aber mit einem Beschluss allein ist es ja nicht getan. In der Folge verfiel der Turm und die Ruine und war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Ist ja auch nicht dem Zweck eines Mahnmals förderlich.

Dies dachte sich wohl auch ein Förderkreis, der sich Ende 1987 gründete und um Spenden für die Bausanierung warb. In zehn Jahren wurde der Turm samt Ruine saniert und ist seitdem ein Ort der Erinnerung für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. 1993 wurde das Mahnmal St. Nikolai Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft.

Das Nagelkreuz von Coventry im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg

soll an dieses verheerende Unheil erinnern, und wurde 50 Jahre nach dem Luftangriff in der Ruine angebracht. Diese Gemeinschaft tat sich nach dem schweren Luftangriff 1940 der deutschen Luftwaffe auf Coventry in England zusammen. Viele Menschen verloren dabei auch ihr Leben, die spätmittelalterliche Kathedrale wurde zerstört. Drei große Zimmermannsnägel wurden aus dem Dachstuhl aus den Trümmern geholt und zu einem Kreuz zusammengesetzt. In vielen Ländern der Welt versteht sich die Gemeinschaft auf Friedensarbeit.

Vater vergib ….

Nagelkreuz von Coventry im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg 7655

Kein Mensch auf der ganzen Welt kann die Wahrheit verändern.
Man kann sie nur suchen, sie finden und ihr dienen.
Die Wahrheit ist an jedem Ort.

Dietrich Bonhoeffer

geboren am 4. Februar 1906, verstorben am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Ich liebe die Zitate von Dietrich Bonhoeffer. Mit dem  Liedtext von ihm “Von guten Mächten wunderbar geborgen …” , das er in Gefangenschaft geschrieben hat, haben wir meine Mama verabschiedet. Er hat sich für Veränderung eingesetzt, machte sich als Pfarrer dafür stark, dass man sich gegen Hiltlers morden gegen die Juden widersetzt – und kam bei dem Widerstand gegen Hitler dafür ins Gefängnis. Man hat ihn kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs hingerichtet.

Die Künstlerin Edith Breckwoldt (1937-2013) hat sich u.a. dem Thema “Frieden” gewidmet. Mit zwei Werken regt sie im Mahnmal St. Nikolai zum Nachdenken an.

Die Bronzefigur “Prüfung” von Edith Breckwoldt im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg

greift genau den o.g. Text von Dietrich Bonhoeffer auf. Wir alle erleben Lebensprüfungen, die es heißt anzunehmen oder zu verändern. Man kann sich klagend und vielleicht auch anklagend gegen solch eine Prüfung stellen, doch was nützt es? Vielmehr ist es doch das Ziel einer jeden Prüfung, gestärkt aus ihr herauszugehen.

An der Stelle darf ich euch mein Lebensmotto verraten: “Wenn ich Dinge, Menschen oder Situationen nicht verändern kann, dann verändere ich meine Einstellung dazu!” Es ist ständige Arbeit an und mit sich selbst, und ganz ehrlich, auch ich kam (trotz meiner positiven Einstellung) über einen großen Zeitraum an meine Grenzen, als mich mehrere kleine Schlaganfälle aus einem erfüllten Leben katapultiert haben. Ohne Vorwarnung und ohne Frage ob ich das will. Peng, mach was aus diesem Steinehaufen, der da plötzlich vor dir liegt. Prüfung …. drei Jahre gekämpft und seit Ende 2020 hat mich das Leben wieder 🥰

Vielleicht gibt es die “Prüfung” nur in Kombination mit der “Geduld” (auch gegen sich selber)?

Bronzefigur Prüfung von Edith Breckwoldt im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg 7673
Bronzefigur Prüfung von Edith Breckwoldt im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg 7676
Bronzefigur Prüfung von Edith Breckwoldt im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg 7709

“Der Erdenengel” von Edith Breckwoldt im Mahnmal St. Nikolai in Hamburg

ist die zweite Bronzeplastik, die sofort ins Auge fällt. 2003 hat die Künstlerin den Engel geschaffen. Sie will damit ausdrücken, dass alle Erkenntnis im Menschen selber ruht. Annehmen, Veränderung suchen, zu sich selbst finden – und damit auch Frieden für sich selbst finden. Aber auch Frieden für seine Mitmenschen, vielleicht mit der Erkenntnis, warum der andere gerade so reagiert, wie er reagiert. Verständnis finden bedeutet Veränderung ….

Es könnte alles so einfach sein – Frieden unter den Menschen, egal welcher Nation.

Die dritte Plastik von ihr, entdeckt ihr außerhalb der Ruinen.

Beim Blick zurück zum Kirchturm ist es unübersehbar –

das Carillon im Turm von St. Nikolai in Hamburg

1993 zog es in die offene Ostseite des Turms ein. Das große, spielbare Glockenspiel besteht aus 51 Kirchenglocken unterschiedlicher Größe. Ich bleibe da immer gerne mit Abstand stehen, immerhin hängen hier 13 Tonnen Gesamtgewicht 😉
Das besondere an einem Carillon ist, dass es über einen Seilzugmechanismus direkt vom Glockenspieler bespielt werden kann. Natürlich kann es aber auch elektronisch gesteuert werden. Immer im Drei-Stunden-Takt erklingt ab 9 Uhr zur vollen Stunde eine Melodie. Und in den Genuß eines Konzertes kann man immer am Donnerstag um 12 Uhr kommen. Wir waren jenseits aller Zeiten, und konnten nur die Kirchenglocken im stummen Zustand bewundern.

“Seht, welch ein Mensch!”

“Ecce homo”  im Mahnmal St. Nikolai

Es wurde 1975 nach einem Entwurf von Oskar Kokoschka geschaffen und als Mosaik hängt es jetzt im ursprünglichen Chor der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai. Passend, wie es sich für ein Mahnmal gehört, in schwarz-weiß. Farbenfroh hängt es aber in einer 1974 geschaffenen Version über dem Altar der neuen Hauptkirche St. Nikolai.

Aus dem Johannesevangelium stammt die Szene, als ein Kriegsknecht dem gekreuzigten Jesus auf einem Speer einen getränkten Schwamm hinhält.

Ecce homo im Mahnmal St. Nikolai Hamburg 7690

Wenn man darf, dann ist man in 40 Sekunden ganz oben – auf dem Turm St. Nikolai. Seit 2005 kann man mit einem Panoramalift aus Glas hoch hinauf auf die in 76 Meter Höhe liegende Aussichtsplattform. Bei unserem Besuch war sie geschlossen.

Panoramalift Turm St. Nikolai Hamburg 7650
Panoramalift Turm St. Nikolai Hamburg 0244

Schweigsam verließen wir beide das Mahnmal St. Nikolai und standen auf einer kleinen Parkanlage vor dem Turm. Ein letzter Blick hinauf zum Turm, dann fand mein Blick einen kleinen Brunnen

der Vierländerin-Brunnen auf dem Hopfenmarkt in Hamburg

der direkt vor dem Turmportal liegt. 1878 ist dieser denkmalgeschützte Brunnen entstanden und durfte mehrmals umziehen, bis er dann 1975 seinen Platz vor dem St. Nikolai Turm fand. Eine Zwischenstation hatte er kurzfristig einmal bei den Großmarkthallen, und das nicht ohne Grund – denn der Brunnen soll an den Hauptlieferanten für die Hamburger Märkte erinnern. Das war die Vierlande, heute etwa 77 Quadratkilometer groß, auf dem man im 17. und 18. Jahrhundert zunächst mit dem Anbau von Gerste und Hopfen begann. Heute werden dort auch Gemüse, Obst und Blumen angebaut um eben auf den Märkten verkauft zu werden.

Das Motiv des Brunnens dürfte dann klar sein – eine Vierländer Bäuerin mit ihrem Gemüsekorb stand Model. Sie musste im Lauf der Jahre ein bisschen aufgehübscht werden, denn auch ihr hat der Zweite Weltkrieg etwas zugesetzt. Die Enten dürften so richtig in ihrem Element sein, so nah wie sie am Wasser sitzen 🙂

Am Sockel ist an den vier Seiten verteilt zu lesen “Auf dem Markt lernt man die Leute kennen.” Oh, oh – das ist mal ne Aussage! Aber ich denke, die Marktbeschicker können da sicher einige Geschichten über die Leute erzählen. Ich interpretiere es mal so: Auf dem Markt lernt man Leute kennen 🙂 Das ist nicht so wertend wie ich finde. Und ergänze …. auf Reisen auch 🙂

 

Mit Besichtigung dieses zum Nachdenken anregenden Ortes waren wir ganz sicher, dass wir für heute unser Besichtigungspensum mehr als erfüllt haben. Seit Mittag gab es keinen Kaffee mehr, unsere Mägen verlangten mittlerweile eine Fütterung und meine Beine waren kurz davor zum Streik aufzurufen. Der Verstand machte ihnen aber begreiflich – ihr könnt zwar am Hopfenmarkt auf einem Bänkle in den Generalstreik treten, nützt euch aber nix, weil ihr da noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten könnt. Kommt lieber mit, es sind nur noch wenige Straßenzüge bis zum Rathausplatz und auf dem Weg dahin suchen wir was Schönes zum Ausruhen und Essen.

Was DANN aber noch folgte? Ihr seht es im nächsten Beitrag.

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So kommt ihr zum Mahnmal der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg