Unterhalb der Prager Burg befindet sich die Prager Kleinseite (Malá Strana), ein Stadtteil der Millionenstadt Prag. Viele Sehenswürdigkeiten ziehen die Besucher auf die Westseite der Moldau.

So war auch die Prager Kleinseite heute für uns das Ziel unserer Besichtigungstour. Gleich vorweg – es ist unmöglich, die Kleinseite komplett mit allem Sehenswertem an einem Tag zu schaffen. Auch wir werden uns bei unserem nächsten Besuch in der „Goldenen Stadt“ diesen Stadtteil noch mehrfach auf den Plan setzen. Man würde ansonsten, den wirklich sehenswerten Bauten und Gärten in keinster Weise gerecht werden.

Die ersten Highlights unserer Besichtigungstour habe ich euch mit diesem Beitrag einmal kompakt zusammengefasst. Allein auf der Prager Burg, die eigene Berichte hat, haben wir fast einen Tag verbracht. Aber zuerst – ihr kennt es sicher aus meinen Berichten –

ein bisschen Geschichte zur Prager Kleinseite

Vermutlich schon zu Gründungszeiten der Prager Burg, wurde im 9. Jahrhundert unterhalb der Burg eine Vorburg angesiedelt. Schließlich mussten die Bediensten der Burg ja auch irgendwo eine Bleibe haben. Bei Ausgrabungen wurden Fragmente eines vermutlichen Platzes oder Straße entdeckt. Bereits um ca. 960 war die Kleinseite schon ein Zentrum internationalen Handels, auch der jüdisch-arabische Kaufmann Ibrahim ibn Jaqub besuchte die Stadt.

Přemysl Ottokar II. vertrieb 1257 die bis dato dort wohnende Bevölkerung und siedelte norddeutsche Kolonisten an. Dafür setzte er einen königlichen Grundstücksverteiler ein, und die erste Neustadt entstand. Er versah die kleine Stadt mit Stadtrechten, die den Bürgern die persönliche Freiheit, das Eigentrumsrecht, eine geregelte wirtschaftliche Tätigkeit sowie die Unversehrtheit von Leib und Leben garantierten. Es entstand anstelle einer Furt die damals einzige, und erste Steinbrücke über die Moldau, die nach seiner Frau benannt wurde, die Judithbrücke. Die Vorgängerbrücke zur heutigen Karlsbrücke. Das Zentrum der Ansiedlung war der Kleinseitner Ring, der als Marktplatz und öffentlicher Versammlungsplatz der Bürger diente. Aber nicht nur das, es war auch der Platz, an dem der Galgen stand und Menschen öffentlich angeprangert wurden. Wohlhabende Adlige errichteten rund um den Platz ihre repräsentative Häuser.

Auf der Mitte des Marktplatzes entstand 1283 die Vorgängerkirche der heutigen St.-Nikolaus-Kirche. Im 14. Jh. bekam die kleine Stadt Prags, Civitas Minor Pragensis, den Namen Kleinseite (Malá Strana), den sie bis heute behalten hat. Karl IV. hat dann während seiner Regierungszeit das Gelände um den kleinen Stadtkern weiter ausgedehnt. Bis hinauf auf den Berg Petřín (der mit dem kleinen Eifelturm) und bis hinunter zur Moldau sollte die neue Stadt sich ausdehnen. Aber auch wenn Kaiser noch so große Ideen haben, der Siedlungsprozess ging nicht in der Weise voran wie es Karl IV. gedacht hatte. So blieb ein großer Teil der neuen städtischen Fläche unbebaut. Damit dieser aber nicht einfach so brach lag, wurden an den Hängen des Petřín-Berges, oder Laurenziberges, Weinberge angelegt. 1358 sollten auf seinen Befehl hin auch alle übrigen Hänge der Stadt mit Weinreben bepflanzt werden, deshalb auch der Name eines Stadtteils östlich der Neustadt – Vinohrady (Königliche Weinberge).

In diese Zeit fielen die Umgestaltung oder die Neubauten der Kirchen auf der Kleinseite. Als 1419 die Hussitenkriege begannen, erlitt die Kleinseite so große Zerstörungen, dass so gut wie nichts mehr von ihr übrig blieb. Auch von Bränden blieb sie 1503 und 1541, die auch die Burg heimsuchten, nicht verschont. Aus der Not wurde etwas Gutes gemacht – mit dem Brandschutt wurde die kleine Kampa-Insel neben der Moldau erhöht und befestigt. Und mit der Vernichtung der bisherigen Bauten, war jetzt Platz für Adelspaläste im Renaissancestil.

1648 nahmen schwedische Truppen die Stadt ein und erbeuteten zahlreiche Kunstgegenstände, im Prager Kunstraub. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden viele Gebäude, Palais und fast alle Kirchen im Barockstil umgetaltet oder auch neu errichtet. Die bis dato immer noch selbstständige Prager Kleinseite war eine von vier selbstständigen Städte. 1784 verbanden sich dann die drei anderen, Hradschin, Altstadt und Neue Stadt, mit der Kleinseite zu einer Stadt Prag.
Prag ist heute in Verwaltungsbezirke eingeteilt, und wird nur über Zahlen aufgeschlüsselt. So gehört die Prager Kleinseite heute in Teilen zu Prag 1 und Prag 5, Teile der angrenzenden Burgstadt gehören zu Prag 1 und 6.

Interessant ist die Anordnung der Zahlenbezirke. Die Innenstadtbezirke kann ich mir in der Anordnung (grob) wie ein kleines Schneckenhaus, im Uhrzeigersinn angeordnet, merken 🙂

Jetzt kommt mit mir auf meinem

Bummel durch die Prager Kleinseite

die wir am Kleinseitner Brückenturm am Ende der Karlsbrücke beginnen.

Der Kleinseitner Brückenturm (Malostranská mostecká věž)

gleicht im Aussehen seinem großen Bruder gegenüber, dem Altstädter Brückenturm. An der damaligen Judithbrücke stand schon 1591 der kleine Turm, der mit einem Torbogen mit dem Brückenturm verbunden ist. Sie stellten zur damaligen Zeit einen Teil der Befestigungsanlage dar. Niemand konnte unbemerkt in die kleine Stadt unterhalb der Burg eindringen.
Heute war es aber ohne Probleme möglich durch das Tor zu gehen und damit den Rundgang durch die Kleinseite zu beginnen. 🙂

Mehr über die Karlsbrücke und auch über die Brückenstatuen könnt ihr in einem anderen Beitrag lesen.

Ach Stopp, noch am Ende der Karlsbrücke lohnt sich ein Blick hinüber zur

Kampa – die kleine Insel in der Moldau

1169 wurde sie zum erstenmal erwähnt. Sie liegt zwischen Most Legií (Brücke der Legionen) und der Karlsbrücke. Zunächst war ja nur die Judithbrücke der einzige Überweg über die Moldau. Als die Karlsbrücke erbaut wurde, reichte auch hier die Kapazität nicht mehr aus, eine zweite Brücke musste her, eben Most Legií. Hier an dieser Brücke wird der künstliche Seitenkanal Čertovka (der Teufelsbach) unterirdisch aus der Moldau abgeleitet, kommt nach wenigen Metern aber an die Oberfläche, und trennt die Kampa Insel von der Kleinseite. Nördlich von der Karlsbrücke fließt der Teufelsbach dann wieder in die Moldau.

Der südliche Teil der Insel ist ein Park mit großen Grünflächen und dem weißen Kampa Museum an der Moldau. Der nördliche Teil ist jedoch bebaut und die Häuser liegen direkt an der Čertovka. Richtig idyllisch ist es hier. Da der Bach direkt an den Häusern entlang fließt, wird dieser Teil der Kampa auch gerne das „Prager Venedig“ genannt.

Wie ich oben in der Geschichte zur Kleinseite schon erwähnt habe, wurde die Kampa mit dem Brandschutt aus der Stadt künstlich aufgeschüttet. Der Teufelsbach wurde über viele Jahrhunderte als Mühlbach genutzt, zwei hölzerne Mühlen existieren noch. War die Kampa-Insel in den Anfängen noch eine Heimat für Menschen aus der Unterschicht, entdeckten ab dem 17. Jahrhundert die Adeligen das kleine Paradies an der Moldau für ihre Wohnsitze.

Schon von der Karlsbrücke aus kann man die

Großpriormühle auf der Kampa-Insel

sehen. Und es lohnt der Weg, durch kleinen Gässchen, direkt zur Mühle. 1597-1600 wurde sie unter Rudolf II. erbaut. Bereits im Mittelalter war dies der Platz einer Mühle. Der Name kommt vom ursprünglichen Besitzer, denn die Mühle war im Besitz des Malteserordens in unmittelbarer Nähe. Wem gehört die Mühle tatsächlich? Schon zu dieser Zeit konnte man über Eigentumsrecht sehr verbissen streiten. Die Kleinseitner Stadt und der Orden schafften das über 100 Jahre. Der ganze Streit gipfelte darin, dass die Bürger der Stadt die Mühle mit Gewalt besetzten. Vielleicht war dem Orden die Streiterei einfach leid? Sie verkaufte die Mühle 1795 und beendete damit den Zwist.

Das sind so Fleckchen, an denen ich mich stundenlang aufhalten könnte. Das kleine Restaurant direkt an der Großpriormühle hatte zwei kleine schnuggelige Balkone die über den Teufelsbach ragten. Gerade soviel Platz, damit ein Tisch und zwei Stühle draufpassten. Leider waren sie besetzt. Deshalb habe ich auch auf ein Foto verzichtet.

Wir sind weitergezogen, denn wir hatten ja noch einiges vor an diesem Tag.
Direkt von der Mühle kommt man an der

John Lennon Mauer auf der Prager Kleinseite

vorbei. Ein Mahnmal mit dem Ex-Beatle, der nie in Prag war. Was es mit dieser beeindruckenden Geschichte auf sich hat, erfahrt ihr in einem extra Beitrag.

Malteserkirche St. Maria unter der Kette auf der Prager Kleinseite
John Lennon Mauer auf der Prager Kleinseite

Gleich ums Eck ist die

Kirche St. Maria unter der Kette

Sie stellt die Grundstücksmauer zur John Lennon Mauer. Die Kirche gehört zum Malteserorden und konnte nur durch ein Gittertor besichtigt werden. Aber es lohnt sich!

Auf der Kleinseite herrscht geschäftiges Treiben mit kaum beruhigten Fußgängerzonen, so wie in der Altstadt.
Abseits von den Hauptverkehrsstraßen durch den Stadtteil, sind wir durch die Seitengassen und haben so einige

Botschaften der verschiedenen Länder auf der Kleinseite

gesehen. Diese sind quer durch den Stadtteil verstreut angesiedelt.

Nächstes Ziel auf unserem Rundgang durch die Kleinseite war die

Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné) mit dem Prager Jesulein

eines der weltweit bekanntesten, wundertätigen Gnadenbilder Jesu. Unzählige Besucher zieht die kleine Statue in der Kirche an. Man sagt, mehr Besucher als der St. Veits Dom .

Wir hatten in der Kirche eine sehr nette Begegnung mit einem Karmeliter Pater, unter deren Verwaltung die Kirche ist. Er prägte ein Wort, das für uns auch heute lächelnd noch Verwendung findet: Wir gehen „fotogieren“.
Die ganze Geschichte dazu und noch viel mehr über die Kirche und das Jesulein

Kirche Maria vom Siege (Kostel Panny Marie Vítězné) auf der Prager Kleinseite
Das Prager Jesulein in der Kirche Maria vom Siege

Kaum ein paar Meter weiter von der Kirche, Richtung Kleinseitner Platz ist der

Vrtba Garten

dessen Eingang man leicht übersehen kann. Ein unscheinbares kleines Tor zu einem Hinterhof. Uns ist es eher per Zufall aufgefallen und meine Neugierde trieb uns zu dem Gebäude am hinteren Teil des Hofes – der Eingang zum Garten. Es lohnt sich, diesen Garten, der als der schönste Barockgarten der Stadt Prag gilt, anzuschauen.

Endlich kamen wir auf unserem Tagesziel, dem

Kleinseitner Ring (Malostranské námĕstí)

an. Nein, eigentlich war es ja eher die St. Nikolaus Kirche, die an diesem belebten Platz steht und als Wahrzeichen über die ganze Kleinseite erstrahlt. Prächtige Renaissance- und Barockhäuser mit Laubengängen umsäumen den Platz. Und ich finde es jammerschade, dass dieser Platz nicht verkehrsberuhigt ist. Man muss höllisch auf den Straßenverkehr aufpassen, der hier sehr lebhaft über den Platz fließt – und das hat mir extrem die Lust daran verhagelt, die imposanten Gebäude rings um den Platz zu fotografieren. Ich hatte keine Lust auf parkende Autos, hastende Menschen und das ganze Beiwerk der fahrenden Fahrzeuge auf meinen Fotos. Heißt, ihr dürft diesen Platz in seiner Bewegung selbst erleben 😀

Ein bisschen Geschichte zum Kleinseitner Ring

gebe ich euch aber trotzdem mit 🙂
Viel über die Geschichte der Kleinseite habe ich euch ja schon Eingangs erzählt.

Als im 15. Jahrhundert der Königssitz von der Altstadt wieder auf die Burg verlegt wurde, und noch mehr als Kaiser Rudolf II. im 16. Jahrhundert seine Residenz von Wien nach Prag verlegt hat, blühte die Kleinseite wieder richtig auf. Reiche Adelsfamilien ließen sich vor allem am Kleinseitner Ring nieder und errichteten prächtige Paläste. Die höchsten böhmischen Landesämter befanden sich am Kleinseitner Ring.

Mit Joseph II. wurde jedoch alles wieder ganz anders. Zunächst als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia und dann als als alleiniger Regent setzte er ein ehrgeiziges Reformprogramm in Gang, man nannte es auch die josephinischen Reformen. Er musste sie zwar am Ende seines Lebens gezwungenermaßen wieder zurücknehmen, aber die unmittelbaren Folgen der Reform waren der Verwaltungsabzug nach Wien. So verließ der Adel nach und nach seine Prachtbauten auf der Kleinseite und am Kleinseitner Ring. Der Stadtteil verarmte und wurde zum Viertel der kleineren Beamten und von Handwerkern.
Aus diesem Grund (und man kann darin wieder die positive Seite sehen) blieb die Kleinseite im 19. und 20. Jahrhundert von Modernisierungen verschont und die historische Gestaltung des Stadtteils blieb erhalten.

Mitten auf dem Kleinseitner Ring steht

die barocke Prager Pestsäule

die der heiligen Dreifaltigkeit geweiht ist. Sie ist eine der schönsten Prager Pestsäulen und wurde aus Dank über das Ende der Pest 1713 angefertigt.

Und da steht sie – mitten im Trubel, wie ein Fels in der Brandung

die St.-Nikolaus-Kirche

Eine Kirche der Superlative, so kann man sie, denke ich, schon nennen – die berühmteste Barockkirche in Prag, der bedeutendste Kirchenbau des Barock in Europa, und eine Innenkuppel mit ca. 50 Metern Höhe.

Das reicht aber noch nicht, die Kirche bietet mit 1500 Quadratmetern das größte zusammenhängende Deckengemälde in Europa. Ich war tatsächlich sehr sprachlos, ob dieser Pracht. Wenn ihr in Prag seid, ihr solltet einen Besuch der Kirche auf keinen Fall auslassen.
Lust auf mehr?

Wer hat’s angefangen? Ja, genau der! Karl IV. 🙂
Er war es, der den

Königsweg durch Prag

festgelegt hat, der am Pulverturm in der Altstadt beginnt und sich über die Karlsbrücke Richtung Prager Burg zur Krönung bewegt. Und dieser Königszug zog sich auch durch die Prager Kleinseite.
Mehr zu diesem festlichen Ereignis

Königsweg durch Prag zum St. Veits Dom-Goldene Pforte

Wir haben uns nach diesem vollen Programm jetzt wirklich redlich diese Kaffeepause am Platz unterhalb der St. Nikolaus Kirche verdient.
Und auch das gehört zu einem Besichtigungsprogramm dazu 😀 😀 – beobachten ….

Es waren Aufnahmen für ein Fernsehinterview – völlig ohne Bedeutung für sämtliche Passanten, die an diesem Platz auf ihre Straßenbahn warteten, oder einfach um die Fernsehgruppe einen Bogen machte. Herrlich normal 🙂

Prag-Kaffee-Interview
Prag-Interview

Wir kommen wieder auf die Prager Kleinseite. Denn wie am Anfang schon erwähnt, es gibt noch sooooo viel zu entdecken in diesem Stadtteils links der Moldau. Da sind noch die ganzen Palastgärten unterhalb der Burg, samt den sehenswerten Palais, die Loreto Kirche wartet noch auf uns und natürlich das Kloster Strahov.

Und wie ich mich kenne, braucht es bestimmt einige Zeit auf dem Berg Petřín, bis wir dort alles erkundet haben. Die Hungermauer, die St. Laurentius Kirche und ganz klar – der kleine Eifelturm.

Wollt ihr mit mir weiter auf Entdeckungsreise durch Prag gehen? Dann seid weiter mit dabei. In Kürze beginnt das Abenteuer in Prag – Teil 2. Dann aber bestimmt etwas unspektakulärer wie Abenteuer-Teil 1 😂😂😂

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