Viele jahrhundertealte Fachwerkhäuser, eingebettet zwischen Weinbergen, auf Schritt und Tritt Kunst und viel Wein – so lässt sich kurz und bündig das kleine Weinörtchen Strümpfelbach im unteren Remstal beschreiben.

Heute geht’s ins untere Remstal, nachdem ich mit Erschrecken festgestellt habe, dass ich diesen Bereich bisher in meinem Reise- und Fotoblog ein bisschen vernachlässigt habe. Ich bin, seit Corona im September wieder einen ganz großen Strich durch unsere Urlaubsplanung gemacht hat, in Sachen „Heimatkunde“ unterwegs. Diese Aktion ist in etwa so, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft und er Kreise zieht. Da kommt ein Ziel zum Nächsten, denn vieles hat einfach auch geschichtlich eine Verbindung. Immer wieder habe ich von diesem romantischen kleinen Örtchen Strümpfelbach gelesen, in dem sich knapp 70 denkmalgeschützte Häuser befinden. Wenn man jetzt bedenkt, dass in dem kleinen Örtchen nur rund 2.500 Einwohner leben – ganz schön beachtlich die Anzahl.

Fridolin durfte einen bekannten Weg fahren, den kennt er ja schon von unserem Ausflug nach Schorndorf oder Waiblingen. Ja, überhaupt wenn wir in unsere Landeshauptstadt Stuttgart fahren (was aber eher selten der Fall ist) oder zur A8 oder A81, sind wir auf dieser Straße, der B29 unterwegs. Wenn ich immer fragend angeschaut werde, wo denn meine Heimatstadt Schwäbisch Gmünd liegt, dann gibt es da eine schnellerklärende Antwort: auf der Achse Stuttgart – Aalen, mittendrin 🙂

Ganz bis Stuttgart ging es nicht, Blinker nach rechts – und Fridolin fuhr zielstrebig auf den Teilort der Remstalstadt Weinstadt zu.

Jetzt kommt mit zu

meinem Rundgang durch Strümpfelbach

von dem man sagt, es wäre das schönste Fachwerkörtchen im Remstal. Langgezogen liegt der kleine Ort eingebettet zwischen Weinbergen.
Wenn ihr einen Parkplatz sucht (so wie wir), dann haltet rechtzeitig Ausschau. Wir sind die Ortsdurchfahrt, an der sich ein Fachwerkhaus neben dem anderen aufreiht, tatsächlich zweimal abgefahren. Schnell haben wir dann erkannt, dass wir hier nicht fündig werden würden. Fridolin bekam dann ein Plätzchen am Freibad, direkt an den Weinbergen.

Mit einem Blick wurde ich ins Moselfeeling zurück geschleudert, wo wir 2019 zwei herrliche Wochen erleben durften. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Weinberge an der Mosel noch um einiges steiler sind, als hier in Strümpfelbach. Ganz ehrlich – in diesem Moment kam bei mir tatsächlich die Frage auf: ‚Warum fahren wir nicht öfter hier runter in die Weinberge?‘ Nunja, was nicht war, kann ja jetzt noch werden, gell 🙂

Die St. Jodokus-Kirche in Strümpfelbach

war unser erstes Etappenziel bei unserem Rundgang durch den Weinort. Wäre da nicht auf der Turmspitze ein Kreuz, so könnte man im ersten Moment beim Anblick des Turmes denken, da steht ein Burgbau? Tatsächlich ist es ein Wehrturm, die Schießscharten verweisen auf seine Nutzung. Und da in früherer Zeit öfter mit Waffen Probleme gelöst wurden, zeigen Spuren am Turm auf diese Angriffe. Auch ein großer Dorfbrand 1449 hat dem Turm etwas zugesetzt. Ganz früher war die Kirche in Strümpfelbach ein ‚Ableger‘ der Kirche in Waiblingen.

Wie ihr in meinen anderen Berichten über Waiblingen nachlesen könnt, hatte so um 1450 ein Württemberger Graf das Sagen in der Region, Graf Ulrich V. Ich bin mit ihm etwas im Clinch, da er sich einiges rausgenommen hat, was mir so gar nicht gefällt. Z.B. Inventar bzw. Schätze aus der Michaelskirche in Waiblingen einfach einsacken und den Rest vernichten lassen. Daumen nach unten, lieber Graf. Aber immerhin hat er der Kirche in Strümpfelbach erlaubt, Tauf- und Sterbesakramente zu erteilen.

Damals war die Pfarrkirche noch eine katholische Kirche und wurde dem Hl. Jodokus geweiht. Dieser Heilige ist mir in meinen bisherigen Kirchenbesuchen noch nicht über den Weg gelaufen.

Ein bretonischer Prinz soll er gewesen sein, damals so um das Jahr 600 und sollte als Nachfolger seines Vaters den Thron besteigen. Sein älterer Bruder kam nicht in Frage, der trat einem Kloster bei. Jodokus wollte jedoch den Thron auch nicht und schloss sich einer Pilgergruppe an. Es wird berichtet, dass er seine Krone zu Boden geschleudert hätte. Genau dort wäre dann eine Quelle entsprungen. Ein Gönner ermöglichte ihm ein Priesterstudium, und wie viele andere Heilige auch, zog er dann in die Einsamkeit und baute eine Klause.

Er bewirkte wohl viele Wunder und wurde auch nach seinem Tod hochverehrt. Seit dem Mittelalter gilt Jodokus mit Jakobus als Patron der Pilger. Oft werden die beiden auch in Kirchen zusammen verehrt. Kein Wunder, wird Jodokus entlang der vielen Pilgerwege in Europa verehrt.

Zurück zur Pfarrkirche in Strümpfelbach, die 1534 wie so viele andere katholische Kirchen in Württemberg reformiert wurde. 1784 wurde die Kirche vergrößert und soll im Inneren einige sehenswerte Schätzchen bergen. SOLL – dieses Los trifft uns ja immer wieder bei unseren Kirchenbesuchen – GESCHLOSSEN! Naja, wer geht auch unter der Woche auf Sightseeing? 🙂

Die Kirchentüre der Pfarrkirche in Strümpfelbach

darf ausgiebig betrachtet und interpretiert werden. Erst ein paar Tage davor stand ich vor einer ähnlichen Kirchentüre, die, noch aufwändiger gestaltet, die Eingangstüre zur evangelischen Stadtkirche in Göppingen ist.
Dem Erschaffer der Kirchentüre begegnet ihr in Strümpfelbach und Umgebung auf ‚Schritt und Tritt‘ in seinen Werken. 1974/75 hat der Künstler Prof. Ulrich Nuss das Bronzeportal geschaffen. Die Urgeschichte (links) steht dem neuen Testament (rechts) gegenüber.

Sind da nicht Parallelen zu heute? Der Turmbau zu Babel (ganz oben links) und die Verwirrung der Sprachen. Auch wenn wir alle, auch heute, mit den gleichen Wörtern reden – die Menschen verstehen einander nicht mehr. Oder links unten die Vertreibung aus dem Paradies. Die Symbolik an dieser Türe (genauso wie in Göppingen) darf wirken (vor allem in heutiger, aktueller Zeit finde ich).

Ihr merkt? Ich kann nicht nur flapsig, sondern auch ernst und tiefgründig.

Bevor es mit einem Seitenblick zur Schule neben der Kirche weitergeht, gibt es

ein bisschen Geschichte zu Strümpfelbach

Schule in Struempfelbach 0039und die geht mal wieder weit zurück. 1265 wurde das Örtchen zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt. Weinberge um den Ort wurden an das Kloster Salem geschenkt. Im 13. Jahrhundert ging auch Strümpfelbach an die Württemberger. Und die haben ja das Land bekanntermaßen bei den Regierungsgeschäften geteilt. Ulrich bekam Stuttgart und den östlichen Landesteil (und damit auch Strümpfelbach) unter seine Fittiche und hatte seine Residenz in Stuttgart. Sein Bruder Ludwig bekam den westlichen Landesteil und schuf sich in Bad Urach seine Residenz.

Aber Wein gab es eben schon im Mittelalter. Dadurch kam auch der Wohlstand in den Ort und ermöglichte es den Weinbauern sich diese teils wirklich imposanten Fachwerkbauten zu erbauen. Wein ging immer, vor allem auch deshalb, weil Wein damals zum wichtigsten Getränk zählte. An der Mosel durften wir bei einer Führung durch die Reichsburg über Cochem auch erfahren warum. Vor allem bei den Mönchen war es DAS Getränk. Denn dem Wasser konnte man zur damaligen Zeit nicht wirklich trauen was sich da alles in ihm ‚versammelte‘, Wein aber schon. Deshalb wurden in dieser Region jedem Mönch oder Ritter täglich fünf Liter zugesprochen. Nein, die lagen da nicht unterm Tisch 😀 😀 Wein war zu der Zeit bei weitem nicht so stark wie heutzutage.

Alles wäre so schön gewesen, wenn der wirtschaftliche Aufstieg nicht durch den 30jährigen Krieg ausgebremst worden wäre. Der hatte ja auch seine Auswirkungen in Süddeutschland und nahm seinen Anfang durch den zweiten Fenstersturz auf der Prager Burg. Hier seht ihr schon, ich komme geschichtlich von einem Fleck zum Anderen und zu Orten, die von mir schon besucht wurden. Das Haus Württemberg tat dann noch ihr übriges dazu durch ihre Streitereien mit den Reichsstädten. Eigentlich hatte ja Kaiser Karl IV. (der lief mir in Prag ständig übern Weg) als römisch-deutscher Kaiser das Sagen im Land. Die Grafen von Württemberg waren ja nur so quasi als Verwalter von ihm berufen. Deshalb waren die Städte ja auch Reichsstädte und dem Kaiser unterstellt. Ein Ulrich (die wurden ja zum Teil nur durchnummeriert) hat sich in der Schlacht bei Schorndorf dann sogar mit Kaisers angelegt 🙄 Wie doof kann man eigentlich sein zu glauben, dass man gegen den Überhang an Soldaten der kaiserlichen Truppen gewinnt?

Und so blieben Zerstörungen in Strümpfelbach auch nicht aus. Die meisten der großen Fachwerkhäuser stammen deshalb aus der Zeit ab 1550 bis so um 1620.

Und die schauen wir uns jetzt  mal genauer an. Ganz ehrlich, ich wusste oft nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Und überall gab es noch so kleine liebenswerte Details zu entdecken.

Die Fachwerkhäuser in Strümpfelbach

Eigentlich ist Strümpfelbach ja als Straßendorf angelegt. In Sachsen-Anhalt in Roßbach habe ich das Dorf erstmals bewusst als Straßendorf erlebt. Nur wenige Seitensträßchen führen von der Hauptstraße weg. Schmale, aber langgestreckte Grundstücke liegen an der Straße. Vorne das Wohnhaus, nach hinten Scheune oder Garten. Und wie in meinem Heimatdorf gibt es auch in Strümpfelbach die Aufteilung nach Ober- und Unterdorf.
„Zu wem g’höret se denn?“ Das war so die Hauptfrage der alten Einwohner, nachdem ich in den Ort eingeheiratet hatte. „Zu … vom Oberdorf.“ Ich habe schnell gelernt, dieses ‚Oberdorf‘ hinzuzufügen, damit man sich weitere Nachfragen ersparte. 😀 😀

Was soll ich euch da jetzt in Strümpfelbach jedes Haus erklären? Geht nicht! Deshalb lasst einfach die Vielfalt und diese Fachwerkpracht auf euch wirken ….
Und ihr merkt mal wieder – ihr seid auf einem Reise- UND Fotoblog 🙂

So mitten in den Ort, und damit als Trenner zwischen dem Ober- und Unterdorf, ist

das Alte Rathaus in Strümpfelbach

Ihr könnt es absolut nicht übersehen, mit seiner Länge von 14,5 Meter und über 10 Meter Breite steht es da mitten im Weg an der Ortsdurchfahrt. Luftige gut 17 Meter gehts nach oben, wird aber als Rathaus nicht mehr genutzt.
Allein das Satteldach des 1591 gebauten Fachwerkhauses hat drei Dachebenen und bietet am Giebel für die Tauben eine Anflugstation.

Ja, der kleine Teilort der Remstalstadt Weinstadt hat schon einiges zu bieten. Ich möchte mir da gar nicht vorstellen, wie es dort außerhalb Corona-Zeiten zugeht. Wieviel Betrieb und Leben dort zur Weinernte ist? Denn überall im Ort sieht man Hinweisschilder auf Winzer und Weinverkauf.

Wie immer erblickt mein Auge

kleine Details in Strümpfelbach

die erkennen lassen, dass die Einwohner ihr Strümpfelbach für die Besucher liebenswert herrichten. Oder die darauf schließen lassen, dass die Fachwerkhäuschen schon einige Jährchen hinter sich haben.

Eigentlich sollte man jedem dieser Fachwerkhäuser in Strümpfelbach einen Blick schenken. Wenn ihr mit offenen Augen durch den Ort geht und beim Alten Rathaus einen Blick um das Haus werft, oder genauer in einen Treppenaufgang schaut, dann begegnen euch

die Skulpturen der Künstlerfamilie Nuss

Vater und Sohn haben da große Arbeit geleistet, und im ganzen Umfeld um Strümpfelbach sind Werke ihrer Arbeit zu sehen. Ja sogar in Waiblingen gibt es einen Brunnen mit Skulpturen der Künstler. In der Ortsmitte von Strümpfelbach haben sie ein kleines Museum eingerichtet. Und auch wenn der Vater Nuss bereits verstorben ist, seine Werke leben weiter und die Arbeit wird mit seinem Sohn fortgeführt.

Brunnen in Strümpfelbach 0132
Nussmuseum in Strümpfelbach 0221
Werke vom Künstler Nuss in Strümpfelbach 0368

Über ein kleines Seitengässchen ging es wieder zu Fridolin zurück. Dabei nahmen wir noch

die Alte Kelter in Strümpfelbach

in unseren Besichtigungsplan auf. Hier am Ortsrand, direkt an den Weinbergen fällt das große Fachwerkgebäude sofort auf. 1533 wurde es erbaut und war eines von insgesamt drei Keltern in Strümpfelbach. Als einziges von diesen dreien ist die Alte Kelter erhalten geblieben und steht heute Veranstaltungen zur Verfügung.

Sie bietet auch eine Kulisse für ein Theaterstück besonderer Art hier in Strümpfelbach – es wird auf der Gass (Straße) gespielt. Erzählt wird als Theaterstück die Sage vom „Gretle und em Frieder“, das sich um die Jahrhundertwende in Strümpfelbach abspielt. Dass die Schwaben feiern können, war auch zu dieser Zeit schon so. Nicht so gut kommt es bei Frieder allerdings an, als bei einem solchen Fest sein Gretle mit einem anderen tanzt. Platzt die Hochzeit? Oder gibt es doch noch ein Happy-End? Die Lösung erfahrt ihr in Strümpfelbach.

Alte Kelter Strümpfelbach 0324
Alte Kelter Strümpfelbach 0335
Weinberge bei der Alten Kelter Strümpfelbach 0343

Wenn wir jetzt schon einmal so nah an den Weinbergen sind, und vor allem die Sonne so herrlich vom Himmel lacht – ihr ahnt es, wir gehen noch in

die Weinberge um Strümpfelbach

und zwar auf

dem Skulpturenpfad in Strümpfelbach

mit den Werken der Künstlerfamilie Nuss. 2019 war ja so einiges los hier bei uns im Remstal, denn 16 Städte und Gemeinden im gesamten Remstal hatten sich in diesem Jahr zum ersten Mal für Ihre Besucher richtig toll herausgeputzt. Für 164 Tage, und mich hat es genau mittendrin in dieser Zeit durch eine bayerische Zecke schachmatt gesetzt – ich hatte Borreliose. Jeder kleinste Weg hat mich angestrengt, und Sonne sollte ich meiden. Na super, Freude kam da wahrlich nicht bei mir auf.
Aber zum Glück blieben die meisten Highlights dieser Zeit erhalten, so auch der Skulpturenpfad in Strümpfelbach.

Mein Fotografenherz hat Purzelbäume geschlagen, und es ist unmöglich meine Eindrücke auch noch in diesen Bericht zu packen. Deshalb gebührt diesem Ausflug natürlich ein eigener Beitrag. Kommt ihr mit?

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