Es ist die größte, in sich geschlossene Burganlage der Welt – und mittendrin hatten die böhmischen Könige und Kaiser im Alten Königspalast auf der Prager Burg über lange Zeit ihren Wohnsitz.

Heute ist Burgtag und nach der ausgiebigen Besichtigung des Veitsdoms in Prag geht es weiter zum nächsten Highlight in dem großen Burgareal – zum Alten Königspalast. Ihr habt es in meinen vielen Berichten bestimmt schon erkannt – ich liebe Burgen und Schlösser, schaue gerne hinter die dicken Mauern und wie das Leben hier früher so gewesen ist. Naja, von dicken Mauern sieht man aber von außen hier nicht wirklich viel. Von unserem unsagbaren Glück der wenigen Besucher auf der Prager Burg, habe ich euch ja schon vorgeschwärmt. Nach dem Veitsdom hat sich dieses Glück auch hier fortgesetzt. Keine Wartezeiten und ganz wenig interessierte Besucher. Zu Corona-Zeiten ist eben alles ein bisschen anders, auch die Besichtigungsoptionen, die auf einen Rundgang zusammengeschrumpft sind. Was unserer Freude aber keinen Abbruch getan haben. Vergesst auf jeden Fall beim Ticketkauf nicht, solltet ihr fotografieren wollen, eine Fotolizenz für kleine Gebühr mit dazuzukaufen. Im Alten Königspalast wurde diese kontrolliert.

Seid ihr bereit?

Der Rundgang durch den Alten Königspalast auf der Prager Burg

beginnt.
Wie schon erwähnt, von außen sieht nichts wie Burg aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Tschechische Staatspräsident, der jetzt hier auf der Prager Burg regiert, hinter dicken wuchtigen Mauern so wohl fühlen würde? Es sieht eher so aus wie eine große Schlossanlage. Ein bisschen wie nach der Handschrift einer Frau.
Tatsächlich war da eine Frau mit im Spiel, aber der Reihe nach – ihr kennt es ja schon 🙂

Die Geschichte des Alten Königspalastes

Wer hat ihn erbaut? Bzw. erbauen lassen 🙂
Noch vor 885 gibt es Aufzeichnungen, dass auf dem Bergsporn über der Prager Kleinseite der erste Fürst seinen Sitz gewählt hat. Einfach als Holzbau, aber hoch oben, damit man schon von weitem sieht, wer da zur Burg will. Im 10. Jahrhundert kamen Kirchenbauten dazu, so auch die Vorgängerkirche zum Veitsdom, die St. Veits-Rotunde. Wer Prag ein bisschen kennt (wer nicht, erfährt es jetzt) weiß, dass es auch unten südlich der Prager Neustadt eine Burganlage (Vyšehrad) gibt. Mal blieb ein Regent in der unteren Burganlage, einen anderen zog es in die Höhe. Den ersten böhmischen König Vratislav II. zog hinunter nach Vyšehrad.

Bewegung in die Bautätigkeit kam dann mit dem Herzog Soběslavs I., er veranlasste 1135 einen romanischen Umbau zu einer Steinburg, und wollte seine Residenz nach oben auf die Prager Burg verlegen. Ob er es während seiner Regierungszeit mit dem Umzug nach oben geschafft hat? Keine Ahnung, sein Nachfolger residierte dann aber auf der Prager Burg. Die Burg wurde jedoch von einem Großbrand nicht verschont, lange Zeit blieb die Residenz dann unbenutzt. Erst als die Luxemburger auf den Königsthron von Böhmen kamen, kam wieder Leben ins Geschehen. Über Johann v. Luxemburg habe ich euch ja im Bericht zum Altstädter Rathaus schon etwas geschrieben, und aus meinen Berichten wisst ihr bestimmt auch, dass Karl IV. sein Sohn war. Es ist schon ein bissle verwirrend bei den ganzen Königen und Kaisern noch durchzublicken. Die beiden hatten auf jedenfall den Plan, dort oben über Prag etwas ganz Großes entstehen zu lassen, gaben 1344 den Bau des Veitsdoms in Auftrag, und ließen 1333 auch die Burg wieder aufbauen. Ganz klar natürlich auch den Königspalast. Größer und schöner sollte er werden.

Sorry, vermutlich wird das nicht nur eine Schwäbin nicht verstehen können, da wird eine Menge Geld in einen Umbau gesteckt, und der nächste Nachfolger, der Sohn von Karl IV., Wenzel IV. nützt das Ganze nicht mehr? Hatten die zu dieser Zeit soviel Geld, dass sie es buchstäblich zum Fenster und den Berg hinunter werfen konnten? Wenzel IV. baute seinen eigenen Königshof, der Vorgängerbau zum heutigen Gemeindehaus am Pulverturm.

Wir drehen jetzt die Zeit ein bisschen vorwärts, als König Vladislav II. Jagiello 1471 König von Böhmen wurde. Unter ihm wurde die Burg ausgebaut und der Hofstaat siedelte sich wieder in der Prager Burg an. Jagiello? Ward ihr schon mit mir im Veitsdom? Beim Habsburger Mausoleum taucht der Name Jagiello auch auf. Die Tochter von Vladislav II. war mit Ferdinand I., ein Habsburger, verheiratet. Da sie Erbin von Böhmen und Ungarn war, kam ja Ferdinand I. dann auf den Thron des Böhmischen Reiches.
König Vladislav II. ließ im 1. Stock den herrlichen

Vladislav-Saal im Königspalast

errichten. Hier beginnt auch der Rundgang, der als Einbahnstraße durch den Königspalast geregelt ist (vielleicht auch nur zu Corona-Zeiten so?). Er beauftragte ab 1490 den Baumeister Benedikt Ried mit dem riesigen Saalbau im Renaissance-Stil, der wohl einer der größten Saalbauten Europas war. Die vorherigen Säle, die Karl IV. geschaffen hatte, genügten ihm nicht. Puhhh, riesig ist er, mit großen Fenstern und einem herrlichen Rippengewölbe mit großen Leuchtern. 62 Meter ist er lang, 16 Meter breit und 13 Meter hoch. In ihm konnten die großen Hofzeremonien, Märkte und sogar Reitturniere stattfinden.

Und jetzt, bei diesem Rundgang trifft man auch auf die dicken Mauern, die von außen so nicht mehr sichtbar sind. Schwupp, mit einem Schritt wird man in die damalige Zeit zurückversetzt. Auch in die Räume

der Böhmischen Kanzlei

Diese Räume gehörten den Stadthaltern, die nach dem Herrscher die höchste Institution der Stadt darstellten. Und genau hier in der Böhmischen Kanzlei begann der Wendepunkt Europas – mit dem Zweiten Prager Fenstersturz.
Am 23. Mai 1618 ist es passiert. Davor hat sich aber ganz gehörig im Land was zusammengebrodelt. Als Ferdinand 1617 König von Böhmen wurde, versuchte er sofort Rekatholisierungsmaßnahmen in Böhmen durchzusetzen. Aber etwas fast mit der Brechstange erreichen zu wollen, erzeugt ganz klar Widerstand. Zumal er auch die Rechte der Stände einschränken wollte. Und damit war klar das Verhältnis zum neuen Herrscher belastet. Und es brodelte immer mehr, schließlich konnte man sich dies nicht gefallen lassen. Daraufhin wurden Standesversammlungen verboten. Aber die hielten sich natürlich nicht an dieses Verbot und hielten (ohne die Vertreter der Königsstädte) eine Versammlung ab, in der es schließlich hoch her ging.

Einige dieser Teilnehmer machten sich an diesem besagten Tag im Mai auf den Weg zur Prager Burg, um mit den dortigen Statthaltern zu reden. Einig wurden sie sich dabei allerdings nicht, im Gegenteil. Nachdem alles in einen Streit mündete, hielten die Herren kurzerhand auf der Burg Gericht und warfen dann die zwei kaiserlichen Statthalter Slavata und Martinic gemeinsam mit dem Kanzleisekretär kurzerhand aus dem Fenster der Böhmischen Kanzlei.
Zimperlich sind die Ständevertreter wahrlich nicht vorgegangen.

So berichtet Martinitz wie er den Sturz Slavatas aus dem Fenster erlebt:

„Sie haben erst die Finger seiner Hand, mit der er sich festgehalten hat, bis aufs Blut zerschlagen und ihn durch das Fenster ohne Hut, im schwarzen samtenen Mantel hinab geworfen. Er ist auf die Erde gefallen, hat sich noch 8 Ellen tiefer als Martinitz in den Graben gewälzt und sich sehr mit dem Kopf in seinen schweren Mantel verwickelt.“

Und Slavatas spricht von seinem Sturz (in der dritten Person):

„Graf Slavata hat sich an dem steinernen Gesims des untersten Fensters angestoßen und ist auf der Erde mit dem Kopf noch auf einen Stein gefallen.“

Die Statthalter in der Böhmischen Kanzlei auf der Prager Burg, Martinitz und Slavatas

berichten über die Wahrnehmung ihrer Stürze, Wikipedia

Guten Umständen (oder vielleicht waren auch Schutzengel mit im Spiel?) war es zu verdanken, dass die drei den Fenstersturz überlebten. Und das hatten die aufmüpfigen Ständevertreter natürlich nicht erwartet, jagten noch ein paar Schüsse im Schnellschuss hinterher, die aber ihre Ziele verfehlten. Klar war (so würden wir es auch heute machen, wenn einem nach dem Leben getrachtet wird) – sie suchten Unterschlupf.
Aber der Prager Fenstersturz war eine ganz klare Kriegserklärung an den Kaiser. Und so begann der Aufstand der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger, die dann im Dreißigjährigen Krieg mündeten.

Und das alles geschah in diesem Raum.

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In der

Alten Landrechtsstube im Alten Königspalast

hatten zu früherer Zeit das Oberste Landgericht und der Generallandtag der böhmischen Länder ihren Sitz. Heute zeigen die Räume Einrichtungsgegenstände aus der damaligen Zeit.

Und da war dann noch ein Raum, in dem es viel zu Entdecken gab –

der Raum mit den Alten Landtafeln

Beschlüsse des Landtages wurden hier getroffen und dokumentiert. Die Landtafeln an Wänden und Decke zeigten diejenigen Teile des Landes, die an den Sitzungen und Abstimmungen teilnehmen durften. Keine Tafel – kein Mitspracherecht.

Im 18. Jahrhundert kam dann die oben erwähnte ‚Handschrift‘ einer Frau – Kaiserin Maria Theresia ließ die gesamte Burg radikal nach ihren Vorstellungen umgestalten. Als ich mir die Vita dieser Regentin durchgelesen habe, kam ein „Heiligs Blechle“ hoch – ihr wisst ja, der Ausdruck eines Schwabens in höchster Bewunderung. Eine Frau die wusste was sie wollte, die sich durchsetzte und nach dem Tod ihres Mannes die Regierungsgeschäfte weiterführte. Je weiter ich gelesen habe, wusste ich aber nicht, ob es noch Bewunderung oder mehr Erstaunen war, denn sie entschied auch darüber, an wen sie ihre Kinder möglichst vorteilhaft verheiraten konnte. Naja, auch wenn es zu der Zeit wohl so üblich war.
Nach dem Versterben ihres Mannes, machte sie ihren Sohn Joseph II. zum Mitregenten. Mutter und Sohn – unterschiedliche Vorstellungen – ohjeeeee. Mehr zu Joseph II. könnt ihr auch in den einzelnen Stadtteilberichten zu Prag lesen. Und wer mehr über die Regentin erfahren möchte, kann das HIER tun.
Und durch Maria Theresia bekamen, zumindest nach außen, die Gebäude ihr einheitliches schlossähnliches Aussehen.

Bevor es wieder nach draußen auf den Dritten Burghof geht, noch ein paar

Detailaufnahmen aus dem Alten Königspalast

Man sieht auf dem Außenfoto den überdachten ‚Flur‘ hinüber zur Veitskirche und direkt ins königliche Oratorium im Dom.

Auch wenn zu Corona Zeiten die Besichtigungsmöglichkeiten auf der Prager Burg ein bisschen ‚zusammengestutzt‘ waren – diese große Burgareal zu erleben – sehr beeindruckend. Und vielleicht habt ihr ja zu eurer Besichtigungszeit wieder alle Möglichkeiten offen, oder ihr erfreut euch einfach nur an den Fotos und meinem Bericht. 🙂

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