Die wahren Schätze zeigen sich oft im Inneren. Das trifft auch auf die St. Salvator Kirche im südwestlichen Rand der Altstadt von Nördlingen zu.

Heute gehört der ganze Tag unserer Stadterkundung von Nördlingen. Und es war auch sinnvoll, dass wir uns dafür einen kompletten Tag eingeplant haben, bietet Nördlingen doch unwahrscheinlich viel Sehenswertes. Vermutlich werden viele Besucher von Nördlingen, mit dem liebenswertem Altstadtkern, sich der Stadtkirche St. Georg mit dem markanten „Daniel“ zuwenden. Dabei hat die Stadt im Nördlinger Ries noch eine weitere Kirche zu bieten. Dafür muss man den Altstadtkern verlassen und sich Richtung Stadtmauer begeben. Da wir vorhatten, noch einen Stadtmauerrundgang zu machen, haben wir den Einstieg dort, in der Nähe der St. Salvator Kirche, gewählt.

Die Schaulustigen, die Nördlingen an diesem Tag erleben wollten, hielten sich an einem Wochentag eh schon in Grenzen. Je weiter wir aber aus dem Altstadtkern hinaus kamen, desto weniger wurden sie. Und in der Ecke rund um die St. Salvator Kirche waren wir so gut wie allein unterwegs. Dabei hat diese Ecke einen ganz besonderen Charme mit ihren alten kleinen Fachwerkhäuschen und Kopfsteinpflaster. Diesen Charme könnt ihr mit meinen Fotos bei meinem ausführlichen Stadtrundgang durch Nördlingen erleben. Und die Kirche, die von der Stadtmauer aus gesehen dann doch schon ganz schöne Ausmaße hat, kann man im Stadtbild so nicht erkennen (wenn man es nicht weiß).

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Die Geschichte zur Kirche St. Salvator in Nördlingen

hat ihren Ursprung in einem Wunder. Damals, im Jahr 1381 lebten die Gläubigen noch in einer tiefen Verehrung der Eucharistie und glaubten an Wunder. Und genau solch ein Wunder soll in diesem Jahr passiert sein, so überliefert es ein Schreiben des Priors des Karmeliterordens. Ein Priester soll zu einem Kranken gerufen worden sein, um ihm im Beisein von zahlreichen Gläubigen das Sterbesakrament zu geben. Das alte Haus des Mannes stand in der Gasse, in der heute die Kirche steht. Als ihm der Priester gerade die Kommunion geben wollte, brach der Fußboden ein und allesamt stürzten die Anwesenden in den Keller. Dabei gingen, unauffindbar in dem ganzen Schutt, einige geweihte Hostien verloren. Die müssen doch gefunden werden, dachten sich die Priester und die ganze Gemeinde, und es wurde akribisch nach ihnen gesucht. Bis auf eine Hostie, die verschwunden blieb, wurden sie fündig. Und in ihrer Verehrung konnte das nicht so bleiben, die wäre ja dann möglicherweise entehrt. Da das Häuschen eh schon teilweise in Schutt und Asche lag, zündete man kurzerhand diesen Schutthaufen an.

Wie durch ein Wunder fand sich dann in der Asche die Hostie so unversehrt, als wäre ihr nie etwas geschehen. Der Rest des Hauses wurde abgebrochen, der Platz eingeebnet, aber über diesen Platz wollten nicht einmal die Tiere gehen. Ein Fingerzeig des Himmels? Damals war alles noch ganz anders – die Räte der Stadt sahen das störrische Verhalten der Tiere als Zeichen und ließen 1385 an dieser Stelle eine Kapelle bauen.
Die Menschen pilgerten zu der kleinen Kapelle. Und je mehr von Heilungen berichtet wurde, desto größer wurde die Schar der Wallfahrer.

Man mag an Wunder glauben oder auch nicht. Je mehr ich mich in meinen Kirchenberichten mit der Entstehung und Geschichte der Kirchen befasse, desto mehr lese ich von diesen Wundern und Verehrungen. Fasziniert hat mich nicht nur diese Entstehungsgeschichte, sondern auch die mit dem Prager Jesulein in einer Prager Kirche.

1401 wurde ein Kloster des Karmelitterordens gegründet, „Unserer lieben Frauen Brüder vom Berge Karmel“. Vielleicht auch durch ihren Ruf des selbstlosen Dienstes an ihren Mitmenschen wurde der Strom der Pilger aber so groß, dass die Kapelle zu klein wurde. Die heutige Salvatorkirche wurde gebaut und 1422 geweiht. Und nicht wie sonst bei vielen Kirchen so üblich, wurde die Kirche nicht mit Pomp und Protz ausgestattet, sondern gemäß einem Bettelorden schlicht und zurückhaltend. Aber genau diese Schlichtheit gibt (für mich) der Kirche etwas Besonderes.

Die Reformationszeit ging auch bei den Karmelitern nicht einfach so vorüber. Die Gemeinschaft löste sich auf, das Kloster ging 1562 in den Besitz der Stadt und wurde eine evangelische Kirche. Wenn Gebäude erzählen könnten, dann wäre bestimmt die Kirche auch mit dabei zu berichten, wie ihr es während der Napoleonischen Kriege ging. Nix war es mehr mit Gottesdiensten, das Militär hielt Einzug. Ohne Respekt wurde die Innenausstattung beschädigt und die Figuren verschleudert.

Nördlingen kam zu Bayern und die Kirche St. Salvator wurde wieder katholisch. Und als ehemalige Klosterkirche wurde sie zur Pfarrkirche. Aber ohne Renovierung ging das nicht. Das ehemals einschiffige Langhaus wurde dreischiffig und 1829 wieder eingeweiht.

 

Dass die Welt doch sooooo klein ist, merke ich immer wieder auf meinen Reisen und Besichtigungen. Hier in Nördlingen hatte beim

Hauptportal der St. Salvator Kirche

unser Schwäble, Peter Parler, die Finger mit im Spiel. Ihm, der u.a. den Veitsdom in Prag und unser Hl.-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd mit erbaut hat, wird das spitzbogige Westportal zugeschrieben. Um 1420 soll es entstanden sein und zeigt in einem Relief das Jüngste Gericht. Sechs Propheten schauen aus dem Spitzbogen zu dem Relief hinunter. Beim Goldenen Portal des Doms zu Freiberg (in Sachsen) ist dies ganz ähnlich dargestellt. Nicht umsonst zählt aber das Portal der Salvatorkirche in Nördlingen deshalb zu einem hochkarätigen Schätzchen im nordschwäbischen Raum ein. Ja, auch wenn ich den Beitrag bei Bayern-quer Beet eingeordnet habe, Nördlingen liegt nur ein paar Kilometer über der schwäbischen Landesgrenze, und damit halt in Bayern 🙂

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Die Innenausstattung der Kirche St. Salvator in Nördlingen

beginnt – aufmerksame Leser meines Reise- und Fotoblogs wissen es – mit meinem Gesamtblick der Kirche.

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Ja, auf den ersten Blick eigentlich ’normal‘ und etwas unscheinbar. In der St. Salvator Kirche liegt der Blick jedoch sehr im Detail. Und der beginnt mit dem

Hochaltar in der St. Salvator Kirche in Nördlingen

Der spätgotische Hochaltar, der im Zentrum der damaligen Klosterkirche steht, sollte ursprünglich eigentlich gar nicht dort stehen. Er war für eine Kirche in Fürth gestiftet worden, aber scheinbar wollten sie ihn dort nicht mehr haben. Er wurde zum Verkauf angeboten und 1827 für die Salvatorkirche erworben.
16 Meter ragt sich der Altar in den Chorraum hoch. Filigran ist das sogenannte Sprengwerk, das 1827 neu geschaffen wurde.

Der Schrein des Hochaltars war bei unserem Besuch geöffnet, denn wie immer bei einem beweglichen Schrein sind die zwei Außenflügel beweglich und können auch geschlossen werden. Kunstvoll ist er gearbeitet, mit den unter einem Baldachin stehenden Figuren. Im Mittelteil ist links Johannes der Täufer, dann der Erzengel Michael, der Engel mit dem Schwert, der Adam und Eva aus dem Paradies trieb und den Lebensbaum bewachte und der hl. Stephanus, der erste Märtyrer der Christenheit.
Flankiert werden die drei von St. Knud und der Hl. Barbara. Warum es das ‚Nordlicht‘ Knud, der König von Dänemark war, hierher in die Kirche verschlagen hat, keine Ahnung? Der Schutzpatron von Dänemark wurde 1101 heiliggesprochen.

Die Figuren im Gesprenge des Hochaltars wirklich zu erkennen, ist für das normale Auge ein bisschen schwierig. Wie gut, dass ich ein Teleobjektiv immer dabei habe. So kann ich euch die Figuren dort in der Höhe im Detail vorstellen. Allen voran die Hl. Anna selbdritt. Ganz oft begegnet man in Kirchen dieser Darstellung der Hl. Anna, die immer zu dritt (selbdritt) auftritt. Mit ihrer Tochter Maria und dem kleinen Jesuskind.

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Vorgängerfiguren des vorherigen Altars konnten in die Neugestaltung des Altaraufsatzes eingefügt werden. Die Runde über der Hl. Anna selbdritt zeigen den Papst Sixtus, den Hl. Rochus, Maria und Johannes aus der Kreuzigungsgruppe, den Hl. Sebastian und den Bischof Otto von Bamberg.
Immer wieder faszinierend, wenn ich mir meine Fotos anschaue, sind die Gesichtsausdrücke der Figuren. Egal in welcher Kirche, egal aus welcher Epoche – manchmal können sie schon ein wenig komisch dreinschauen. Was ich diesen Figuren in der Salvatorkirche aber absolut nicht zusprechen kann. Ich finde sie sehr gelungen.

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Für mich die perfekte Harmonie im Chor ergibt sich durch die herrlichen Fenster. Eigentlich ja total unaufallend und einfach verbinden sie die Moderne mit dem Mittelalter. Das Besondere der Fenster ist, und vielleicht nicht nur für mich, der warme Lichtton den das Glas erzeugt. Ja, manchmal ist weniger einfach viel viel mehr!
Ich hab euch ja Anfangs geschrieben, die Schätze liegen im Inneren der Kirche verborgen.

Vor dem Chorraum solltet ihr auch den Kopf ganz schwer in den Nacken legen und nach oben schauen. Auch diesen Blick habe ich euch mit dem Tele ein bisschen näher geholt.

Die Schlusssteine im Gewölbe des Altarraums in der St. Salvatorkirche

sind etwas schwierig mit dem normalen Auge zu erkennen. Dabei sind sie so ausdrucksstark und so fein gestaltet, wie ich sie noch selten in der Form gesehen habe. Sieben Steine sind nicht nur der schönen Optik wegen angebracht. Sie haben auch den Hintergrund einer Sicherung des Gewölbes und die Zahl Sieben gilt als eine Zahl der Fülle und Vollendung. Desweiteren sollen die Abbildungen, die über 600 Jahre alt sind, wiederspiegeln, was den Karmelitern in ihrem Glauben wichtige Inhalte waren/sind.
Die restlichen drei Steine müsst ihr selber entdecken …

Genauso wie die Chorfenster aus der Neuzeit sind, sind es auch die beiden Seitenaltäre. Naja, ein bissele älter als die neuen Fenster sind sie ja schon, 1955 kam

der Marienaltar in die St. Salvator Kirche in Nördlingen

Eine lebensgroße Madonna aus der Renaissancezeit schaut gütig zu den Menschen, die mit Kerzen und Gebeten ihrer gedenken. Die mit Gold und Silber gefassten Holzreliefs aus dem 15. Jahrhundert zeigen Szenen aus dem Leben Jesu.

1956 wurde auf der Südseite der St. Salvatorkirche

der Josephsaltar

eingeweiht, mit Figuren von dem ehemaligen Hochaltar der Kirche. 1,50 m groß ist die gotische Figur des hl. Josef. Auch hier werden in fünf Reliefs Szenen aus dem Leben des hl. Josefs dargestellt. Der hl.Ulrich, Bischof von Augsburg und der hl.  Laurentius leisten ihm Gesellschaft.

Die Kanzel in der St. Salvator Kirche

die direkt im Chorraum angeordnet ist und die 1889 erbaute

Orgel von St. Salvator

verdienen auch einen Blick.

Wenn man sich in der St. Salvator Kirche beobachtet fühlt, kommt das nicht nur von den Figuren an den Seitenaltären oder vom Hauptaltar. Hoch oben auf den Pfeilern im Hauptschiff blicken acht Heiligenfiguren auf die Gläubigen herunter. Und einen letzten Blick von zwei weiteren Figuren bekommt man vor Verlassen der Kirche.
Es sind noch viele weitere kleine

Details in der St. Salvator Kirche in Nördlingen

die diese Kirche, trotz ihrer scheinbaren Schlichtheit zu etwas Besonderem machen. Ein Bild im Chorraum zeigt in Bilderform die Entstehungsgeschichte, die Holzdecke, und und und ….

Wenn ihr in Nördlingen seid, und ihr Interesse an Kirchen habt (und die kann man auch haben ohne tiefgläubig zu sein), dann solltet ihr die St. Salvatorkirche nicht auslassen. Wir haben uns nach dem Verlassen Richtung Stadtmauer aufgemacht und sind eine ganze Weile dort oben entlanggelaufen. Eine Einzigartigkeit, die so nur Nördlngen in ganz Deutschland aufweisen kann – ein vollständiger überdachter und komplett begehbarer Wehrgang.

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