Einzigartig in Deutschland ist in Nördlingen die völlige Umrundung einer Stadt auf der Stadtmauer. Auf 2,6 Kilometer Länge ist der überdachte Wehrgang um die mittelalterliche Stadt Nördlingen ohne Unterbrechung begehbar.

Kurz mal über die Grenze nach Bayern, das war heute unser Tagesziel. Denn knapp nach der Landesgrenze von unserem Schwabenland liegt im Nördlinger Ries die Stadt Nördlingen, die so um 750 erstmalig urkundlich in Erscheinung tritt. Die Altstadt war unser Ziel. Frühmorgens haben wir uns schon auf den Weg gemacht, wusste ich doch, dass Nördlingen so einiges zu bieten hat. Und es war sooooo viel, dass wir es nicht geschafft haben, wirklich komplett alles in Nördlingen zu entdecken.
Vielleicht sollte ich meinen Schrittzähler mal wieder aktivieren 🙂 Jedenfalls war ich an diesem Abend rechtschaffen müde, und meine Füße und ich haben um jeden weiteren Schritt diskutiert.

Keine Diskussionen gab es aber am Morgen mit Fridolin, der sich ohne zu murren neben kleinen und großen Kollegen wie Wohnmobilen abstellen ließ. Rings um Nördlingen findet ihr reichlich Parkplätze, und – welch Freude – auf unserem Parkplatz sogar kostenlos. Diese, mittlerweile ja schon Besonderheit, haben wir bei unserem Stadtbesuch in Dinkelsbühl auch erfahren. Alle größeren Parkplätze befinden sich aber außerhalb der Innenstadt und außerhalb der rings um Nördlingen verlaufenden Stadtmauer. In die Stadt gelangt man nur durch eines der fünf Stadttore. Keine Angst, ohne Kontrolle und ohne Wegzoll zu entrichten 🙂

Kommt mit zu

meinem Stadtmauerrundgang in Nördlingen

den wir nach der Besichtigung der St. Salvator Kirche, die am Ende unserer Stadtbesichtigung stand, begonnen haben. Wir haben ungefähr zwei Drittel der gesamten Strecke geschafft. Und wenn man da oben auf, und unten an der Stadtmauer geht, dann weiß man, warum sich die Stadt diesen Slogan gewählt hat. „Die schönsten Ecken sind rund“ – stimmt! Die Stadtmauer geht im Rund rings um die Altstadt.

Wer hat sie gebaut? Dazu ein

bisschen Geschichte zum Stadtmauerbau in Nördlingen

Die Staufer waren schuld, denn als 1215 der Stauferkönig Friedrich II. Nördlingen die Stadtrechte verliehen hatte und die Stadt zur Reichsstadt wurde, begann man auch mit der Errichtung der ersten Stadtmauer. Und das war auch gut, denn Nördlingen lag an der Kreuzung von zwei großen Handelsstraßen, die von Frankfurt über Würzburg nach Augsburg und von Nürnberg nach Ulm. Und stieg damit zu einem wichtigen Handelsplatz auf. Auch damals gab es schon fünf Stadttore über die man in die Stadt gelangte. Aber der Stadtmauerring lag damals noch weit innerhalb der heutigen Stadtmauer. 1238 vernichtete ein Brand große Teile der Stadt. Die Stadt erholte sich jedoch schnell wieder und viele Handwerker siedelten sich mit der Zeit auch außerhalb der Stadtmauer an, die Stadt wuchs.

Als Nördlingen dann von den Bayern regiert wurde, begann man 1327 auf Befehl Ludwigs des Bayern die außerhalb gelegenen Stadtteile in eine neue Stadtmauer zu integrieren. Bis 1390 dauerte die 2,7 km lange Erweiterung. Weitere sieben Türme wurden in den Stadtmauerring gebaut, die fünf Stadttore blieben. Zwei Basteien wurde erreichtet und tiefe Gräben wurden um die Mauer gezogen – und diese Sicherung war auch gut so. Nicht nur die Grafen von Oettingen-Wallerstein waren etwas auf Krawall mit Nördlingen aus. Acht Kriege haben sie immer wieder angezettelt, um Nördlingen zu ‚kassieren‘.

Im Dreißigjährigen Krieg fürchtete man, dass nach Regensburg nun auch Nördlingen mit der Besetzung von schwedischen Truppen an der Reihe wäre. (Vielleicht habt ihr in meinem Bummel durch Dinkelsbühl gelesen, wie Dinkelsbühl mit der Besetzung umgegangen ist?). Vorbereitungen wurden in der Stadt getroffen. Die Versorgung war aber nicht einfach, da viele Bauern aus den umliegenden Dörfern hinter den Stadtmauern Schutz gesucht haben. Viel zu viele wie der Stadtrat befand. Zwei Wochen konnte sich Nördlingen mit ihrer guten Befestigung gegen die Angreifer wehren. Bis sich dann die Stadt in der „Schlacht bei Nördlingen“, die eine der Blutigsten des Krieges war, 1634 geschlagen gab. Die Folgen waren alles andere als schön für Nördlingen. Wer das ganze Drama mit der Schlacht bei Nördlingen nachlesen möchte, der kann das HIER tun.
Alles begann mit dem Prager Fenstersturz im Mai 1618, der als Religionskrieg dieses Ausmaß nach sich zog und als Territorialkrieg endete. Über den Prager Fenstersturz berichte ich euch in meinem Bericht zum Alten Königspalast auf der Prager Burg mehr.

Wirklich Ruhe kehrte danach nicht in Nördlingen ein. Weitere Kriege zogen immense Schäden in der Stadt nach sich. Als es ruhiger wurde, wollten die Nördlinger 1803 Teile der Stadtmauer abtragen, was ihnen aber Ludwig I. von Bayern strengstens untersagte und die Stadtmauer unter seinen Schutz stellte. Und das war auch gut so. Denn sonst könnten wir diese Besonderheit Nördlingens heute so nicht erleben.

Immer wieder erreicht man über Treppen den Wehrgang, den wir beim

Feilturm

erobert haben. Und typisch für die frühere Zeit gibt es meiner Bildbearbeitung auch einige schwarz-weiß Aufnahmen. Ich finde, sie passen einfach zu einem Stadtmauerrundgang.

Den Anfang hatte der Turm vermutlich Ende des 14. Jahrhunderts, den Abschluss im 16. Jahrhundert. Damit musste er einige Zeit allein diese Seite schützen, denn die im weiteren Verlauf der Stadtmauer entstandene Bastei entstand später. Und jetzt kommt man da oben auf dem Wehrgang schon ins erste Dilemma. Denn wollte man alles genau sehen, dann hieße das – runter vom Wehrgang und wieder rauf auf den Wehrgang. Das mächtige Bollwerk liegt nämlich außerhalb der Stadtmauer (macht ja auch Sinn) und ist von oben nach der Seite nicht einsehbar. Was ja auch wieder Sinn macht. Denn zu dieser Seite soll die Mauer ja Schutz gegen die Angreifer bieten. Nix ist es also mit Fotos, die müsst ihr euch selber schießen.

Wir sind auf der Stadtmauer weiter …

mit herrlichen Ausblicken von der Stadtmauer

(ach übrigens – KEIN ’schmückendes Beiwerk‘ auf einem der Fotos, das ist mein Mann, der darf da bleiben 🥰😅)

Fasziniert haben mich die kleinen

Kasarmen an der Reimlinger Mauer

mit einem Blick von oben. Kleine Häuschen sind an die Stadtmauer angebaut und dienten in früheren Zeiten entweder den Mitgliedern der Stadtwehr oder armen Bürgern Wohnraum. Groß sind sie ja wahrlich nicht. Zu gerne würde ich da mal einen Blick hinein werfen. So blieb mir jetzt nur der Blick von oben auf die liebevoll geschmückten kleinen Häuschen.

Mit diesen vielen Ausblicken kamen wir blitzschnell am

Reimlinger Tor von Nördlingen

an. Die Türme in der Stadtmauer wurden mit dem Wehrgang einfach umbaut. 1362 ist das Reimlinger Tor erstmals erwähnt. Die Umgestaltungen fingen 1480 an. Es wurde angebaut neu gestaltet und sieben Stockwerke führen hinauf zur Wächterstube. Von dort oben konnte man gut mit den anderen Türmen korrespondieren, aber vor allem – und das ist sehr geschickt gelöst worden – mit dem „Daniel“ im Zentrum der Altstadt. So wird der große Kirchturm von den Nördlingern genannt. Der hatte mit seiner stattlichen Höhe von 90 Metern einen guten Überblick.

Das Tor musste alle Aktivitäten auf der Straße beobachten. Denn hier führte die wichtige Fernhandelsstraße, die Via Claudia Augusta, die für Nördlingen als Messestadt sehr wichtig war, von Augsburg bis nach Italien. Und eben auch über Nördlingen.

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Da man viele kleine Details nur von unten erkennt, haben wir nach dem Reimlinger Tor von luftigen ‚Höhen‘ wieder auf den Boden der Tatsachen gewechselt. Auf dem Weg an der Stadtmauer entlang kamen wir bei einem Fotostopp mit einem Anwohner ins Gespräch. Ich liebe diese herrlichen Begegnungen mit Einwohnern, denn so haben wir auch hier noch einiges erfahren. Sind keine Kasarmen direkt an oder in die Mauer gebaut, so wurden sie (so wie sein Haus) auf den Mauern der ehemaligen Mauer erbaut. Deshalb sind die Häuser auch nicht unterkellert. Und dass manche Häuschen so schief dastehen, ist mit diesem fehlenden Keller erklärt. Setzrisse haben dies verursacht. Er erzählte uns weiter, dass früher im Graben vor der Mauer Hirsche gelebt haben. Und, dass in der Stadtmauer gelebt wird. Ich hatte mich schon über die Klingeln gewundert, die an den kleinen Türen in der Mauer angebracht sind.

Liebevoll sind die kleinen Fachwerkhäuschen renoviert und geschmückt. Die Bewohner wissen wohl, dass der Stadtmauerrundgang in Nördlingen begehrt ist. Wir waren an diesem Tag aber mal wieder sehr allein unterwegs. Was für uns, und vor allen in Corona Zeiten nicht nun wirklich nicht störend ist.

Das nächste Tor sahen wir dann von unten, wir sind am

Deininger Tor in Nördlingen

angekommen. Der runde Turm entstand im 14. Jahrhundert, wurde anschließend aber auch für sein heutiges Aussehen verändert. Von Wien und Regensburg kam man auf dieser Straße in die Stadt und die Wächter hatten viel zu tun bei diesem Tor. War es doch oft Angriffen ausgesetzt. 1634 konnten kaiserliche Truppen während des Dreißigjährigen Krieges den Torturm besetzen und sich dort niederlassen. Damit die Nördlinger aber weiter die Stadt verteidigen konnten, setzten sie ihren eigenen Turm kurzerhand in Brand. Tja, wie soll man die Angreifer auch sonst hinaus bekommen? Da ist wohl jedes Mittel der Wahl recht. Ab 1645 wurde der Turm wieder aufgebaut und erhielt unter seiner geschwungenen Haube den runden Aufbau mit zwölf Fenstern.

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Auch hier unten an der Deininger Mauer entlang in Richtung nächstem Stadttor ergaben sich wieder herrliche Blicke.

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Im Löpsinger Tor

welches zu damaliger Zeit den Zugang zur Handelsstraße Via Imperii, die von Nürnberg nach Leipzig führte, sicherte, ist heute das Stadtmauermuseum untergebracht. Auf sechs Etagen im Turm erfahrt ihr viel Interessantes über die Stadtbefestigung von Nördlingen. 1388 wurde das Stadttor errichet, aber ca. 200 Jahre später durch einen neuen Bau ersetzt. Man muss schon genau hinschauen um das 42 Meter hohe Löpsinger Tor nicht mit dem Deininger Tor zu verwechseln.

Die Legende mit dem Schwein

soll sich 1440 an diesem Tor zugetragen haben. Mit ihm und durch die Frau eines Webers soll ein Angriff auf die Stadt verhindert worden sein. Der Legende nach hat der Graf von Oettingen (genau die, die die Stadt des Öfteren angegegriffen haben) einen Wächter bestochen, um durch ein geöffnetes Tor unbemerkt in die Stadt eindringen zu können. Aber noch bevor dieser mit seinen Leuten in die Stadt kam, soll ihm ein Schwein zuvorgekommen sein. Durch dieses soll sich der Torflügel weiter geöffnet haben und die Frau des Webers hat dieses Geschehen beobachtet. Mit dem Ziel, das Borstenvieh wieder in die Stadt zurück zu treiben, rief sie laut „So, G’sell, so“, weckte damit natürlich auch andere Menschen und rettete damit aber auch die Stadt Nördlingen. Logisch dass die Torwächter dafür keine Belohnung erhielten. Sie wurden viergeteilt, und in der Durchfahrt des Löpsinger Tors erinnert das Relief eines Wächters an diese Legende.

Aber es hatte sich eingebürgert, dass sich die Türmer alle Stunde „So, G’sell, so“ zurufen. Ich stelle mir gerade vor, wie dieser Spruch jede Stunde die Runde um die Stadt macht. Auch hier in Nördlingen sieht man, dass aus solchen früheren Begebenheiten Traditionen werden. So wie in Dinkelsbühl ein Mädchen die Stadt vor den schwedischen Truppen gerettet hat und dies in der Dinkelsbühler Zeche gefeiert wird, so steht in Nördlingen beim Historischen Stadtmauerfest diese Legende im Mittelpunkt. Das Schwein von damals würde sich bestimmt auch freuen, wüsste es, dass es einen Gedenktag erhielt, an dem bis ins 18. Jahrhundert jährlich eine „Saupredigt“ gehalten wurde. Ich überlege mir gerade, ob das Schwein dank seiner unbewussten guten Tat vor der Pfanne verschont wurde und sich seines Lebens freuen durfte?

Immer noch an der Löpsinger Mauer entlang (ihr merkt, die Gässchen entlang der Mauer tragen die Namen der jeweiligen Tore) ergaben sich herrliche Blicke.

Man sollte auch tunlichst immer wieder mal den Kopf in den Nacken legen und den Blick nach oben lenken. Denn sonst könnte man leicht

den Unteren Wasserturm und den Spitzturm

übersehen.
Am Unteren Wasserturm geht es richtig romantisch zu. Ganz in der Nähe befindet sich die Neumühle, die ihr in meinem Stadtrundgang näher kennenlernt. Und wie es bei Mühlen so üblich ist, gibt es da auch Wasser, nämlich die Eger. Etwa um 1440 wurde der Wasserturm gebaut, denn bis dato war mit der Öffnung in der Stadtmauer, damit die Eger fließen konnte, eine Schwachstelle in der Verteidigung.
Der Spitzturm gilt als der Schönste unter den Wehrtürmen und zeigt mit seinem spitzen Hütchen so etwas wie Eleganz, trotz dass er schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. 1327 wurde er erbaut. So richtig sieht man ihn außerhalb des Wehrgangs.

Mit dem letzten Rund der Stadtmauer kamen wir langsam wieder zu dem Tor, durch welches wir in die Stadt gekommen sind,

das Baldinger Tor

Bevor wir aber dieser herrlichen mittelalterlichen Stadt Tschüss gesagt haben, habe ich die Impressionen an der Stadtmauer entlang noch eingefangen. Auch hier an der Baldinger Mauer entlang gibt es Kasarmen, bunt und fröhlich.

1376 wurde der Torturm des Baldinger Tors erbaut und das Tor sichert hier den Weg nach Franken und zu uns ins Schwabenländle. Das Tor wurde im Laufe der Jahre verändert, bis zum heutigen Aussehen.

Das übrige Drittel der Stadtmauer überlasse ich euch zur Erkundung. Denn ich hoffe, ich habe euch mit den Fotos und Eindrücken Lust darauf gemacht, in friedlicher Absicht die Stadt Nördlingen zu erobern. Es lohnt sich absolut. Liebe Damen, auch in dieser Stadt überwiegt das Kopfsteinpflaster, denkt bei eurem Schuhwerk daran. 🙂

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