500 Jahre nach dem Tod des Reformators Jan Hus, wurde das Jan-Hus-Denkmal (Pomník mistra Jana Husa) als eines der bedeutendsten Jugendstilarbeiten der monumentalen tschechischen Bildhauerei enthüllt. Jan Hus wird in Tschechien als „Nationalheiliger“ verehrt.

Fast täglich sahen wir ihn dort oben auf dem Sockel stehen, wenn unser Weg zu unseren Erkundungen (oder wieder zurück zur Wohnung) über den Altstädter Ring führte. Auf einem mächtigen Granitstein überblickt Jan Hus scheinbar den ganzen Platz. Nur die kleinen oder größeren Vögel, die seinen Kopf als Landplatz benutzen sehen von noch höherer Position dem quirligen Treiben auf dem Platz zu. Über Jan Hus war in meinem Stadtführer nur ein Satz geschrieben. ‚Nach dem Konstanzer Konzil wurde er wegen seinen Lehren auf dem Scheiterhaufen verbrannt‘:

Nachdem wir bei unserem Besuch der Bethlehemskapelle wieder den Namen „Jan Hus“ lasen und ihm dort sogar eine Ausstellung gewidmet ist, wurde ich neugierig.

Warum ein Denkmal für Jan Hus?

Und WARUM wird er als Nationalheiliger verehrt, sogar mit einem eigenen Feiertag in Tschechien. Und seit 1962 ist sogar sein Denkmal als Nationales Kulturdenkmal geschützt.

Inge auf Spurensuche 🙂
Ihr kennt es ja sicher bereits aus meinen unzähligen Berichten. Es ist mir schlicht zuwenig, nur ein paar Bildchen zu posten, den Ort dazuzuschreiben – und fertig. Ich habe durch meine Recherchen bei den jeweiligen Beiträge viele Zusammenhänge erkannt. Wer hat wo regiert oder mitgemischt. In einer Region tauchen oft die gleichen Namen auf. Das Interesse an Geschichte aus Schultagen ploppt wieder nach oben 😀

Die Idee, dem Reformator Jan Hus ein Denkmal zu bauen, stieß nicht auf breite Zustimmung. Sehr kontrovers wurde im November 1889 im böhmischen Landtag über diese Idee diskutiert. Die Grundidee war, dass über die Anbringung von 72 Gedenktafeln mit den Namen bedeutender tschechischer Persönlichkeiten am Nationalmuseum entschieden werden sollte, und Jan Hus sollte da natürlich mit vertreten sein. Die Vertreter des katholischen Adels wiesen dieses Ansinnen scharf zurück. Jan Hus ehren? Nie im Leben. Es soll sogar die Aussage gegeben haben, die Hussiten (die aus den Lehren von Jan Hus hervorgingen) sei eine „Bande von Räubern und Brandstiftern“ gewesen. Das hat natürlich Proteste nach sich gezogen, über die öffentlich und in der Presse diskutiert wurde.
Wie ist das noch gleich – gegen das, wogegen ich mich wehre, bekommt immer größere Aufmerksamkeit. Jetzt war es nicht mehr ’nur‘ eine Gedenktafel, jetzt sollte ihm zu Ehren ein großes Denkmal gebaut werden. Zur Finanzierung wurde sogleich eine Sammelaktion ins Leben gerufen. Es ist wohl immer wieder das Gleiche: Druck erzeugt Gegendruck – bedeutet: ein Monat später war die Gedenktafel genehmigt. Die Absicht das Denkmal zu bauen, war damit aber nicht vom Tisch, denn viele schlossen sich nun dieser Idee an.

Nach mehreren Ausschreibungen für Entwürfe dieses Denkmals, an der sich 32 Künstler beteiligten, genehmigte am 16. Januar 1899 der Stadtrat, die Aufstellung des Denkmals auf dem Altstädter Ring. Ladislav Šaloun, ein junger tschechischer Bildhauer, bekam den Zuschlag. Die Grundsteinlegung erfolgte Anfang Juli 1903.

Wer ist Jan Hus?

Vermutlich 1370 wurde Jan Hus im Königreich Böhmen geboren (nix genaues weiß man auch da wieder nicht) und starb am 06.Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen in Konstanz. Als Kind einer armen Familie schlug er einen hohen Bildungsweg ein. Er studierte ab 1390 in an der Karls-Universität in Prag Philosphie und Theologie. Durch einen böhmischen Gelehrten, der anschließend sein Mitstreiter wurde, kam er zu den Lehren eines Oxforter Theologen, die er begeistert aufnahm. Durch tschechische Adelige, die eine Verbindung zum Königshaus in England hatten, kamen die Schriften nach Prag.

1398 begann Jan Huss Theologie zu studieren, erhielt 1400 die Priesterweihe, wurde 1401 zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt und 1402 wurde er Professor. Von 1409 bis 1410 war er Rekto der Prager Universität.
Naja, werdet ihr jetzt denken – und? Ist ja an sich nichts ungewöhnliches, so ein steiler Aufstieg.
Was macht Jan Hus also aus?

Die Lehren des Jan Hus

Die Bethlehemskapelle (nur wenige Straßen vom Denkmal entfernt) wurde, neben der Universität Prag, zur Wirkungsstätte als Dozent und Prediger. Rund 200 Predigten in tschechischer Sprache hielt er dort pro Jahr. Er führte das gemeinsame Singen während der Gottesdienste ein und stärkte das tschechische Nationalbewusstsein. Er genoss zuerst großes Ansehen beim Erzbischof. Aber – er wetterte, beeinflusst durch die Lehren des Oxforter Theologen, immer mehr gegen den weltlichen Besitz der Kirche. Er sah die Kirche als Gemeinschaft der von Gott zum Heil Vorherbestimmten. Er predigte eine strenge, tugendhafte Lebensweise und brachte so manches Mal die Zünfte der Weinhändler, Wirte, Goldschmiede usw. gegen sich auf, indem er gegen den Zeitgeist und der entstehenden Mode eiferte.
Er ging sogar so weit, dass er gegen die Habsucht des Klerus und dessen Lasterleben wetterte. Und kämpfte leidenschaftlich für eine Reform dieser verweltlichten Kirche. Die Bibel war die einzige Autorität in Glaubensfragen, das war seine Meinung.

Es kam wie es kommen musste, 1408 erfuhr der Erzbischof von den Predigten Jan Hus‘ und dieser war seine Stellung als Synodalprediger los. Außerdem wurde ihm das Predigen und das Lesen von Messen verboten, und belegte ihn mit dem Kirchenbann. Hus pfiff jedoch auf diese Verbote und predigte weiter. In kurzer Zeit brachte er große Teile Böhmens mit seinen Predigten auf seine Seite. Denn er hatte eine Gabe und Geschick – er vereinte in seinen verständlichen Predigten Theologie mit politischen Forderungen nach mehr Mitspracherecht für die Böhmische Bevölkerung. Sogar im Böhmischen König Wenzel fand Hus einen Unterstützer. Er war es, der im Kuttenberger Dekret den Reformern zu mehr Macht an den Universitäten verhalf und Hus nach dem Kirchenbann vor Verfolgung schützte. Übrigens wurde durch ca. 1.000 deutschen Studenten, die aufgrund dieses Kuttenberger Dekrets mit ihren Professoren Prag verließen, die Universität in Leipzig gegründet. (die zweitälteste Universität Deutschlands)

Das mit dem Druck hatten wir ja schon, auch König Wenzel bekam ihn zu spüren. 1412 ließ er auf Druck von Rom Jan Hus fallen. Der Blick auf eine mögliche Kaiserkrone und die Einnahmen aus dem päpstlichen Ablasshandel waren einfach zu groß. Hus floh daraufhin aus Prag und predigte auf dem Land die Bibel in tschechischer Sprache. 1488 wird die erste Bibel in dieser Sprache gedruckt.

Wie ging es weiter mit Jan Hus?

Er zog als Wanderprediger durchs Land und fand viele Anhänger für seine Lehren. Da das Königreich Böhmen sich aus verschiedenen Ländern samt ihrer dazugehörigen Herrscher zusammensetzt, und das Hl. Römische Reich ein Teil davon war, blieb es dem Konzil zu Konstanz nicht verborgen, was sich da in Böhmen abspielte. Auf Betreiben des römisch-deutschen Königs Sigismund wurde dieses Konzil einberufen. So ganz uneigennützig waren aber die Bestrebungen nicht. Sigismund, ein Halbbruder von Wenzel schielte nach der Kaiserkrone. Drei Päpste, die damals die Kirche regierten, sollten wieder in Einheit sein, ein neuer Papst sollte gewählt werden, in der Hoffnung, dass dieser Sigismund dann zum Kaiser krönt.
Soweit waren die Herren aber noch lange nicht, erst einmal musste wieder eine Einigkeit in den Glaubensfragen herrschen. Zu diesem Zweck hat er Jan Hus nach Konstanz eingeladen. Er sicherte Hus freies Geleit zu, und dieser machte sich, trotz der Angst auf eine evtl. drohende Verhaftung, auf den Weg nach Konstanz. Schließlich war die Hoffnung bei ihm da, dass es einen konstruktiven Dialog unter den Anwesenden geben würde.

Am 3. November 1414 erreichte er die Stadt am Bodensee, einen Tag später hob der Papst die Kirchenstrafen gegen ihn auf. Drei Wochen predigte in einer Herberge in Konstanz (wo heute das Hus-Museum Konstanz untergebracht ist).
Kurze Zeit später wurde er aber von Kardinälen verhaftet und vom päpstlichen Inquisitonsgericht der Ketzerei beschuldigt und angeklagt. Und was tat Sigismund, der ihm doch Schutz zugesichert hatte? Der ließ die Geistlichkeit gewähren, um eine Kirchenspaltung damit abwenden zu können. Sein einziges Bemühen war, um Jan Hus vor einer Hinrichtung zu bewahren, indem er ihn zum Widerruf seiner Lehren bewegen wollte.
Aber Jan Hus blieb standhaft und widerrief nicht. Nach mehreren Wochen der Einkerkerung und Folter wurde er am 6.7.1415 auf einem Scheiterhaufen vor Konstanz verbrannt. Seine Asche wurde von seinen Henkern in den Rhein gestreut.
Hoch auf dem Granitstein steht er aufrecht auf dem verbrannten Scheiterhaufen.
 
 

Wie ging es mit den Lehren von Jan Hus weiter?

Es war klar, dass mit dieser Hinrichtung seine Anhänger noch mehr gegen den Papst aufgebracht waren. Auch Sigismund bekam sein ‚Fett‘ weg, denn ihm warfen sie Geleitbruch vor.
Es gibt ja immer wieder Teile aus Gruppierungen, die es zunächst in Dialogen friedlich versuchen. Während die anderen, die Taboriten, sich radikalisierten und sich militärisch organisierten. So löste die Hinrichtung Hus‘, vier Jahre später, den ersten Prager Fenstersturz aus, der am Anfang der folgenden Hussitenkriege stand. Kurzerhand drangen sie in das Neustädter Rathaus am Karlsplatz in Prag ein, um ihre dort gefangenen Glaubensgenossen zu befreien. Dabei warfen sie 10 Personen aus dem Fenster, die anschließend von der wartenden Menge getötet wurden.
König Wenzel erlitt aus Wut und Angst über diesen Vorfall einen Schlaganfall, der ihm schlussendlich das Leben kostete. Jetz war Sigismund am Ziel, denn er wurde nach Wenzels Tod 1419 König von Böhmen, was aber keine leichte Aufgabe war, denn 1419 begannen die Hussitenkriege, die bis 1434 andauerten.
Lang erkämpft erreichten sie dann 1485 im Kuttenberger Religionsfrieden die Verankerung ihrer Konfessionsfreiheit. Jan Hus stand in einem Atemzug mit dem Ausgangspunkt der Reformation. Auch Luther beschäftigte sich mit den Lehren Hus, allerdings erst nach Niederschrift seiner Thesen. Und er stellte da fest „Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben.“ Fortan ließ Luther die Schriften von Jan Hus verbreiten und sah sich als seinen direkten Nachfolger.

Egal aus welcher Perspektive ich zum

Denkmal von Jan Hus

geschaut habe – er blickt immer in die gleiche Richtung, zur Teynkirche. Diese war im 15. Jahrhundert die Hauptkirche der Hussiten. Auch die Menschen die ihn auf dem Sockel umgeben haben eine symbolische Bedeutung.
Da sind zum einen die siegreichen hussitischen Kämpfer mit ihrem Schild und dem Kelch – auch der Teynkirche zugewandt. Dagegen blicken eine Gruppe bezwungener und gedemütigter Menschen zur ehemaligen Hinrichtungsstätte vor dem Altstädter Rathaus. Sie mussten nach der protestantischen Niederlage auf dem Weißen Berg ihre Heimat verlassen.
Auf der rückwärtigen Seite des Denkmals wird eine Familie mit einer stillenden Mutter gezeigt, die die Hoffnung auf eine geistige Wiedergeburt des tschechischen Volkes symbolisiert.

Auf dem Granitsockel sind mehrere Inschriften eingraviert. Diese wurden aber erst nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik eingefügt.

Wenn ihr die Zeit habt, empfehle ich euch den Besuch der Bethlehemskapelle, über die ich einen eigenen Beitrag habe. Der Raum als solcher eigentlich eher schlicht und unspektakulär, dafür sind die Wandbilder und die Ausstellung über Jan Hus im ersten Stock sehr sehenswert.

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