Im Jüdischen Viertel in der Prager Josefstadt (Josefov) findet sich die älteste Synagoge Mitteleuropas, die Altneu-Synagoge (Staronová synagoga). Sie ist eine der frühesten gotischen Bauten, die in Prag entstanden sind.

Nachdem wir einen Tag zuvor dem direkten Nachbarhaus unserer Wohnung auf Zeit, der Jerusalemsynagoge, schon einen Besuch abgestattet haben, stand heute das Jüdische Viertel in der Josefstadt auf dem Plan. Denn Prag hat eine ganze Anzahl von sehenswerten Synagogen aufzuweisen, allen voran die Altneu-Synagoge.
Für alle Ziele in der Innenstadt von Prag braucht es kein anderes Fortbewegungsmittel als die eigenen Beine/Füße. (Wir Schwaben unterscheiden hier nicht so streng wie viele anderen. „Nemm deine Füaß ontern Arm, ond lauf!“ 😀 ) Der fast tägliche Weg zu unseren Erkundungen ging wieder durch das Tor des Pulverturms, den Krönungsweg entlang zum Altstädter Ring. (Ja, wir hatten schon eine coole Wohnung am Rand der Altstadt). Am Altstädter Ring, vor der St. Nikolaus Kirche, die auffälligste Barockkirche hier am Platz, geht es ab Richtung Jüdisches Viertel. Und zwar auf dem luxuriöseste Boulevard von Prag, der Pařížská Straße. Unser Stadtführer sagte sogar, der teuersten Straße der Welt.

Tipp: Wenn ihr vorhabt, alle Synagogen und den Jüdischen Friedhof in Prag zu besuchen – ihr braucht nur ein Gesamtticket für alle Objekte. Dieses bekommt ihr in Nähe der AltNeu-Synagoge im Informationszentrum. Stand 29.06.2020 betrug der Eintritt 270 Kč (knapp 11 €). Wir waren sehr überrascht, dass dieses Ticket dann 5 Tage Gültigkeit hatte. Mit auf dem Ticket aufgedruckt ist ein ‚Laufplan’/Lageplan zu den einzelnen Synagogen.
Die Synagogen sind aber Samstags alle geschlossen.

Schon von außen ließ der auffällige Bau der Altneu-Synagoge erahnen, dass sie schon einige Jährchen auf dem Buckel haben muss. Steil ragt das Satteldach mit den gotischen Giebeln gen Himmel. Schon allein von der Fassade her könnt ihr sie nicht verfehlen.

Die Entstehungsgeschichte der Altneu-Synagoge

Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts wurde diese älteste Synagoge, die in Europa noch erhalten ist, erbaut. Steinmetze der königlichen Bauhütte, die in der Nähe am Agneskloster arbeiteten, errichteten das Gebäude im frühgotischen Stil. Über die Jahrhunderte wurde an dem Bau so gut wie nichts verändert. Es gibt zwar noch ältere Synagogen, z.B. in Erfurt oder Worms, diese sind aber nicht im ursprünglichen Zustand, so wie die Altneu-Synagoge, erhalten geblieben. Auch Stadtbrände konnten dem Bau nichts anhaben.
Erst ab 1883 wurde sie renoviert. Auch in der Zeit der deutschen Besetzung wurde die Synagoge nicht zerstört. Die Nationalsozialisten planten ein Museum der ‚ausgelöschten jüdischen Rasse‘.
Immer aber war die Altneu-Synagoge die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde in Prag und ist es auch heute noch. Bedeutende Rabbiner, so u.a. auch Rabbi Löw wirkten hier.

 

Die Legenden und Sagen um die Synagoge

bescherten der Synagoge zudem große Verehrung. Selbst die Namensgebung der Synagoge, die früher ‚Große‘ oder ‚Neue‘ Synagoge hieß, ist mit einer Legende umwoben. So sollen Engel vom zerstörten Tempel in Jerusalem die Steine hergebracht haben. Aber unter der Bedingung, dass sie bei der Ankunft des Messias und der Erneuerung des Tempels wieder herausgegeben müssen.
Eine andere Deutung besagt, dass man bei der Aushebung des Bodens für den Bau die Reste einer älteren Synagoge entdeckt hat. Somit wurde auf dem alten Fundament, die neue Synagoge erbaut.

Warum die Synagoge nie Schäden erlitten hat, erklärt diese Legende: Engel haben sich in Tauben verwandelt, und mit ihren Flügeln das Gebäude vor Feuer geschützt.
Berichtet wird aber auch davon, dass sich auf dem Dachboden lehmige Überreste des Golem befunden haben, den Rabbi Löw vor 400 Jahren mit Geisteskraft belebt haben soll. (Der Golem ist ab dem frühen Mittelalter die Bezeichnung einer Figur der jüdischen Literatur und Mystik. Es soll ein stummes, menschenähnliches Wesen aus Lehm, von gewaltiger Größe und Kraft sein, welches Aufträge ausführen kann.

Vermutlich aber wurde die Synagoge nur deshalb nicht beschädigt, da sie als solides Bauwerk immer alleine und isoliert stand. Trotzdem finde ich die ganzen Legenden und Sagen schön.

 

Das Innere der Altneu-Synagoge

Schon beim Betreten erkennt man die dicken Mauern und die mittelalterliche Bauweise. Auf drei Seiten gibt es um den Hauptraum niedrige Anbauten. Aus der Anfangsbauzeit stammt der Raum mit dem spitzbogigen Tonnengewölbe und ist der älteste Bauteil der Synagoge. Dieser Raum diente der Aufnahme der Judensteuer, die im ganzen Land erhoben wurde.

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Frauen durften den Gottesdiensten in einem Vorraum zuhören. Schmale Öffnungen haben dies ermöglicht.

Ein paar Stufen führen hinunter zum Hauptraum, der zum Zeichen der Demut einige Stufen unterhalb dem eigentlich Terrain liegt. Ein hoher Raum, der von zwei achteckigen Pfeilern gestützt wird. Zwölf schmale Spitzbogenfenster deuten auf die 12 Stämme Israels hin. Diese bilden nach der Überlieferung der Hebräischen Bibel das Volk Israels. Wie in vielen anderen Kulturen auch, ist die Zahl 12 ein Symbol mit mythologischer Bedeutung. Übrigens wird auch im Neuen Testament auf diese 12 Stämme Bezug genommen. Die Pfeiler sind mit Weinblättern und Weinreben verziert.

Für mich war es nach der Jerusalemsynagoge am Tag zuvor, der zweite Besuch einer Jüdischen Synagoge – und sehr beeindruckend. (Wie übrigens auch die weiteren Synagogen in Prag.)

Umgeben von einem spätgotischen Gitter ist in der Mitte des Saales auf einem erhöhten Podium das Zentrum des Raumes. Hier wird von einem Pult, der Bima, die Thora vergelesen. Die Thora ist der erste Teil der hebräischen Bibel (Tanach), die aus fünf Büchern besteht, auch die fünf Bücher Mose. Die Fahne über dem Podium ist das Symbol für die bedeutende Stellung der jüdischen Gemeinde Prags. Seit dem 15. Jahrhundert ist ihre Existenz belegt. Zu Zeiten von Karl IV. erhielt sie das heutige Aussehen. Am Rand um den sechszackigen Davidstern mit dem Judenhut ist das jüdische Glaubensbekenntnis geschrieben.

An der Ostseite der Synagoge (sie ist Jerusalem zugewandt) werden im Thora-Schrein die Thora-Rollen hinter einem gestickten Vorhang aufbewahrt. Das ewige Licht hängt vor dem Thora-Schrein. Von dem Pult aus, wird von einem Kantor der Gottesdienst geleitet.

Wir konnten uns ausführlich in der Altneu-Synagoge umschauen. Wenn gewollt, dann bekommt man von den netten Damen Informationen zur Synagoge (leider aber nicht in Deutsch).
Helligkeit geben die zahlreichen Bronzeleuchter aus dem 16.-18. Jahrhundert an den Wänden. Auch die herrlichen Bronzekronleuchter stammen aus dieser Zeit. Die Wände sind mit hebräischen Inschriften und Bibelversen versehen.

Die Sitze sind noch im ursprünglichen Zustand erhalten und sind entlang den Wänden um die Bima herum angeordnet. In den dahinterliegenden Nischen konnten die Gebetsutensilien und Bücher verstaut werden. Die Anordnung der Sitze ist ursprünglich erhalten geblieben, so wie es früher in allen Synagogen üblich war.

Alle Synagogen in Prag stehen unter starker Bewachung von Sicherheitsdiensten. Wir haben uns daran gewöhnt, noch vor Betreten der Synagogen mit den Augen ‚abgescannt‘ zu werden – dient es doch auch zu unserer Sicherheit. Kommt ihr mit in die anderen Synagogen?

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