Die Jerusalem-Synagoge (Jeruzalémská synagoga) in der Prager Neustadt ist die jüngste, aber größte Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Prag. Keine andere Synagoge auf der Welt bietet so eine reichhaltige Ausschmückung im Wiener Jugendstil.

Jeden Tag haben wir mehrfach von unserer Ferienwohnung auf unseren ‚Nachbar‘ geblickt. Ob durch die großen Küchenfenster oder im Bad – immer ging der Blick auf die herrlichen Glasfenster und den Eingang zum Hof der Jerusalem-Synagoge. Nachdem wir uns am Samstag mit Blick auf die wachsende Touristenzahl übers Wochenende entschieden haben, am Sonntag die Altstadt zu meiden, stand nach geruhsamen Ausschlafen der Besuch des Nachbargebäudes auf dem Plan.
Info für euch: die Synagogen sind Samstags und an den jüdischen Feiertagen geschlossen.
Die Eintrittsgebühr ist echt gering (so wie sie sich auch bei ganz vielen Sehenswürdigkeiten im niedrigen Bereich bewegt). Schon von außen ist die Jerusalem-Synagoge ein wahrer Hingucker.

Die Entstehungsgeschichte der Jerusalem-Synagoge in Prag

Im Zuge von Stadtsanierungsarbeiten 1898 mussten in der Prager Josefstadt (Josefov) drei alte Synagogen abgerissen werden: die Zigeunersynagoge, Großenhof-Synagoge und die Neue Synagoge. Aber man konnte sie nicht einfach so ersatzlos abreißen – ein Ersatz musste her. Für den Neubau kaufte der ‚Verein für den Bau eines neuen Tempels‘ in der Prager Neustadt, in der Jerusalemer Straße (Jerusalemská), ein Grundstück. Ein Name für die neue Synagoge war noch vor Vollendung auch parat. Sie sollte Jubiläumssynagoge heißen. Zu Ehren des 50-jährigen Thronjubiläus von Kaiser Franz Joseph I., welches im gleichen Jahr, als der Plan gefasst wurde, gefeiert wurde.
Die Ausschreibung für den Bau begann. Die beiden ersten Pläne im neuromanischen und neugotischen Stil wurden verworfen. Umgesetzt wurde ein Plan von Wilhelm Stiassny, ein jüdischer Architekt aus Wien. Er hat den Plan, der von 1904-06 in die Tat umgesetzt wurde, in marischen und orientalischen Formen entworfen. Am jüdischen Feiertag Simchat Tora, am 16. September 1906, wurde die Synagoge eingeweiht.

Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? (Malachi 2:10)
Ich finde den Bibelvers über einem der Seitenportale sehr nachdenkenswert!

Aus der Jubiläumssynagoge wurde jedoch bald nach der Straße in der sie stand benannt, und war fortan die Jerusalem-Synagoge. Während der zeit der deutschen Besetzung wurde die Synagoge zu einem Sammellager für beschlagnahmten jüdischen Besitz. Die Synagoge erfuhr Innen- und Außenrenovierungen, wobei das Gebäude (auch heute noch) weiter dem Gottesdienst dient. Der herrliche Innenraum wird jedoch nur an hohen Feiertagen genutzt.

 

Wir wurden sehr herzlich begrüßt und erfuhren von dem netten Herrn einiges zur Entstehungsgeschichte.  Ich musste aber erst die

Innenausstattung der Jerusalem-Synagoge

auf mich wirken lassen. Ich war schlicht geflasht mit dieser Farbenpracht. Lang ist der Innenraum dieser dreischiffigen Basilika. Die Seitenschiffe sind mit je sieben Arkadenbögen im islamischen Stil vom Hauptschiff getrennt.

Der Toraschrein ist in einem Stufenportal angelegt, im oberen Bereich ist er reich verziert mit Weinlaub und zeigt Gesetzestafeln.
Im maurischen Stil sind Wände und Decke reichhaltig mit Malereien verziert. Die vielen Leuchter und die bleiverglasten Fenster machen die Synagoge zu etwas Einzigartigem.

Insgesamt hat die Jerusalem-Synagoge 850 Sitzplätze. Frauen durften dem Gottesdienst auf den oberen Emporen beiwohnen. Diese kann man direkt von der Straße in einem eigenen Eingang begehen. Hier sind zwei Dauerausstellungen untergebracht. Die eine informiert zur Geschichte der jüdischen Gemeine in Prag von 1945 bis heute, die andere Ausstellung berichtet über die jüdischen Denkmale in Tschechien und ihre Restaurierung.

Der nette Herr erklärte uns dann die vielen Bedeutungen der Glasmalereien – und, dass die Fenster den Namen des Spenders tragen. Er entschuldigte sich fast, dass er ’nicht so gebildet wäre‘ und alle Zeichen erklären kann. Wir waren mittlerweile ganz alleine in der Synagoge und fanden seine Ausführungen sehr interessant.

Im Januar 2003 stieß man bei Untersuchungen der Wandmalereien neben dem Tora-Schrein auf eine verborgene Pergamentrolle. Fast ein ganzes Jahrhundert lag sie unbeachtet und unberührt hier. In dieser Rolle sind Angaben zum Bau, inkluse der Namen der beteiligten Firmen und Handwerker aufgeführt. Am Ende dieser Aufschriebe wurde von den Gründern der Synagoge vermerkt, dass diese im Gedenken an den glücklichen Abschluss verfasst wurde, und in Gegenwart vieler Ehrengäste im Schlussstein des Bauwerks hinterlegt werden.

„Dieser Tempel möge die Jahrhunderte überdauern und noch in ferner Zukunft von der Frömmigkeit seiner Grüner zeugen. Er möge immer im ganzen Ausmaß seiner Bestimmung gerecht werden, damit sich die Gläubigen in seinen Räumen versammeln, um hier ihre Gedanken zum Schöpfer zu erheben. Das gebe Gott!

Die Gründer der Jerusalem-Synagoge in Prag

geschrieben am 16. September 1906

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen ….
Ihr müsst euch diese Synagoge unbedingt bei eurem Prag-Besuch anschauen – auch wenn sie ein paar Schritte außerhalb der Altstadt liegt.

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