Der Naumburger Dom ist weltweit die einzige Kirche, in der zwei aus dem Mittelalter stammende Lettner das Langhaus von den Chören abtrennt.

Wenn ihr mit mir bereits im Ost- und Westchor ward, dann könnt ihr erahnen, warum man sich für den Besuch des Doms tatsächlich gut eine Stunde oder mehr einplanen sollte. Wir waren gut über zwei Stunden im Dom. Trotzdem würde ich noch sagen, ich habe im Detail noch längst nicht alles gesehen.

Wenn man den Dom durch das Hauptportal betritt fällt der Blick nach links ins südliche Seitenschiff, welches schier endlos erscheint.

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Das Langhaus wurde, wie auch der Ostchor und der Ostlettner zum größten Teil bis zum Jahr 1242 im spätromanischen Stil erbaut worden. Licht erhält das Langhaus durch zwölf größere Rundbogenfester im Obergaden. Im Mittelalter standen im Bereich des Langhauses mehr als 15 Altäre, meist in einzelnen Jochen im Seitenschiff. Im Umfeld dieser Altäre wurden im Laufe der Jahrhunderten die Naumburger Bischöfe und Domgeistlichen beigesetzt. Zahlreiche Grabmäler, aus Stein oder Bronze, weisen darauf hin.

Wie schon Eingangs erwähnt, wird das Langhaus durch jeweils einen Lettner von den dahinterliegenden Chören abgetrennt. Beide Chöre auf künstlerisch höchstem Niveau. Der Ostlettern spiegelt die Spätromanik wider und ist zudem der älteste deutsche Hallenlettner. Auf der Lettnerbühne ist Christus mit seinen 12 Aposteln abgebildet. Auf dem Lettner ist durch zwei Steintreppen der Ostchor erreichbar.
Der Westlettner ist im Gegensatz als Mauerlettner gestaltet und stammt aus der gotischen Werkstatt des „Naumburger Meisters“. Der Westchor liegt dahinter und ist durch das Portal, in dem die Kreuzigungsgruppe dargestellt ist, zu betreten.

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Betritt man das Langhaus, so fällt die wunderschöne mittelalterliche Kanzel ins Auge. Und jetzt kommt die reformatorische Bewegung, die 1517 in Mitteldeutschland ihren Anfang genommen hatte, in den Naumburger Dom. Denn auch das Naumburger Bistum wurde von dieser Bewegung sehr früh erfasst. Im unmittelbaren Herrschaftsgebiet des Bischof, vor allem eben in Naumburg und Zeitz konnte die katholische Kirche noch längere Zeit Widerstand leisten. Es gab einige Bischöfe und Administratoren, bevor Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen seinen eigenen Kandidaten Nikolaus von Amsdorf als Schirmherr des Naumburger Stifts bestimmte. Dieser war ein protestantischer Theologe aus dem Freundeskreis Luthers. Gegen den Widerstand des Domkapitels wurde am 20.1.1542 Amsdorf zum ersten lutherischen Bischof der Welt ordiniert. Neben der Anwesenheit des Kurfürsten befand sich auch die Wittenberger Prominenz, darunter auch Martin Luther, bei der Zeremonie. Ebenso wie noch weit mehr als 1.000 Menschen. In einer denkwürdigen Zeremonie wurde die Weihehandlung vor dem Kreuzaltar des Ostlettners von Luther, schon im Greisenalter, persönlich vollzogen. Er soll, wie überliefert ist, eine „sehr gewaltige und tröstliche Predigt“ über die Verantwortung eines Bischofs gehalten haben (nach Apg.20,28)

Da es zu diesem Zeitpunkt in der lutherischen Lehre noch überhaupt keine Vorstellung darüber gab, wie ein evangelischer Bischof überhaupt zu weihen sei (er war ja der erste) wurde dieser historische Akt auch als „Naumburger Bischofsexperiment“ bezeichnet. Vermutlich war es aber die offene Ablehnung durch das katholische Domkapitel – die Position Amsdorf war von Anfang an sehr schwach – dass er seine Residenz im sogenannten Schlösschen am Naumburger Marktplatz bezog. Nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg musste Amsdorf dann fliehen und der bereits 1541 gewählte Julius von Pflug konnte endlich sein Bischofsamt antreten.

An der Naumburger Kanzel erinnert eine figürliche Darstellung Martin Luthers seit 1939 an diesen bedeutsamen Akt. Man hat Luther einfach (ganz rechts abgebildet) als fünfter Evangelist ‚eingeschmuggelt‘.

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Auf der Südseite des Doms, neben dem Westchor betritt man die Evangelisten-Kapelle. Mittelpunkt dieser kleinen Kapelle ist der zweiflügelige Schnitzaltar aus dem Jahr 1518. Dieser Altar hat eine kleine Reise hinter sich – ursprünglich Bestandteil des Naumburger Doms, wurde er 1699 der unweit des Domes neu gebauten evang. Kirche St. Othmar übereignet. Das Angermuseum in Erfurt erwarb 1915 von der Othmarsgemeinde diesen Altar, der im Rahmen einer Sonderausstellung 2017 in Zeitz zu sehen war. Er kehrte jedoch nicht wieder nach Erfurt zurück, sondern wurde nach Ende der Ausstellung im Naumburger Dom aufgestellt. Wie zu lesen ist, soll der Altar zunächst jetzt fünf Jahre in der Evangelisten-Kapelle zu sehen sein, um dann im Domschatzgewölbe aufgestellt zu werden.

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Im Mittelpunkt des Schnitzaltars steht Anna Selbdritt. Selbtritt ist ein altes Wort für „zu dritt“, denn zu dritt ist sie auch. Sie trägt ihre Tochter auf dem einen Arm, das Jesuskind auf dem anderen Arm.
Links und rechts von ihr sind zwei heilige Bischöfe – auf der einen Seite St. Othmar mit dem Kirchenmodell, auf der anderen Seite St. Martin mit einem Bettler zu Füßen.
Auf den Flügeln, in je zwei Etagen übereinander, sind elf Apostel zu sehen. Eine Figur fehlt jedoch. Ich finde, diese Figuren sehen irgendwie alle gleich oder ähnlich aus. Lediglich in der Haar- oder Barttracht finde ich Unterschiede.

Jeder Chor hat zwei Türme, die sich rechts und links des Chores befinden. Im Erdgeschoss auf der Westseite des Doms befinden sich jeweils in den Türmen eben die Evangelistenkapelle und auf der anderen Seite die Elisabeth-Kapelle.
In dieser Kapelle befindet sich die vermutlich älteste bildliche Darstellung der Hl. Elisabeth von Thüringen in Stein. Nach bisherigem Wissenstand ist die Skulptur ca. 1235 entstanden, kurz nachdem Elisabeth heilig gesprochen wurde. Im Kopf der Figur waren Reliquien von ihr deponiert.

Man kann über Elisabeth von Thüringen, die von 1207-1231 gelebt hat, unendlich viel nachlesen. Zusammengefasst zählt sie zu den bedeutendsten Frauengestalten des Mittelalters und zu den herausragenden Charakteren der europäischen Geschichte. Keine andere Person hat einen so nachhaltigen Eindruck in der Nachwelt auf ihr Wirken hinterlassen. Ihr Leben war geprägt mit ihrer aufopfernden barmherzigen Hinwendung zu Armen und Kranken. Ihre letzten drei Jahre verbrachte sie als ärmliche Spitalschwester in Marburg. Dabei lebte sie zwischen 1211 und 1227 als königliches Kind vor allem auf der Wartburg. Ob sie jemals die Kathedrale in Naumburg selbst gesehen hat, ist nicht überliefert. Trotzdem wird hier das Andenken an die heilig gesprochene Landgräfin schon sehr früh geehrt. Auch die in der Mitte des 13. Jh. entstandenen Glasfenster im Westchor zeigen über den Köpfen von Ekkehard und Uta die Hl. Elisabeth.

Zum 800. Geburtstag der Hl. Elisabeth 2007 erhielt die Kapelle neue Glasfenster vom Leipziger Künstler Neo Rauch. Diese zeigen Szenen aus dem Leben der hl. Elisabeth, wie den Abschied von ihrem Mann bevor er zum Kreuzzug aufbrach, oder die Kleiderspende an die Armen. Die Kapelle im Dom soll Raum zum Innehalten, der Stille und des Gebets geben.

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Habt ihr mich schon auf meinen übrigen Rundgängen begleitet? Im Ostchor? Dem weltberühmten Westchor mit seinen Stifterfiguren? Im Kreuzgang und der Winterkirche, oder im Domschatz?
Dann nix wie los …. es lohnt sich wirklich!