Die wichtigste der Kapellen im Veitsdom in Prag ist die Wenzelskapelle. Einem der drei Namenspatrone des Veitsdoms ist ihm zu Ehren eine prachtvolle Kapelle eingerichtet – dem Hl. Wenzel.

Am Ende des Chorumgangs im südlichen Teil stammt die bedeutendste Arbeit von Peter Parler, die Wenzelskapelle. Quadratisch hat er diesen Raum angeordnet, 14 Meter lang.
Man kann die Kapelle von zwei Eingängen aus bewundern, betreten verboten. Vielleicht muss man zu normalen Besucherzeiten, in denen mehr Andrang herrscht, dann ein bisschen Geduld mitbringen. Wir mussten bei unserem Besuch nirgendwo anstehen, konnten sogar hier vor der Kapelle die Corona bedingten Abstände wahren. Bei unserem Besuch war nämlich so gut wie nichts los mit Besuchermassen – wir haben uns darüber sehr gefreut.

Bevor wir uns die Wenzelskapelle näher anschauen –

Wer war der Hl. Wenzel von Böhmen?

Schon früh hat er gelebt, so um 908 wird berichtet, aber genaues weiß man nicht. Sicher ist, dass er als Sohn des Přemyslidenfürsten Vratislav I. auf die Welt gekommen ist. Für die damalige Zeit ungewöhnlich, lernte er lesen. Und das war den Stammesoberen so überhaupt nicht recht. Zu damaliger Zeit hatte man ein Krieger zu sein, und sollte nicht seine Nase in Bücher stecken. 921 verstarb sein Vater und Wenzel wurde etwa im Alter von 13/14 Jahren zum neuen Fürsten gekrönt. Immerhin – auch zu damaliger Zeit durfte man in diesem Alter nicht selbstständig regieren. Seine Mutter sollte an seiner Stelle entscheiden. Dann traf der Stamm jedoch eine Entscheidung, die vermutlich auch in heutiger Zeit für erhebliche Probleme sorgen würde. Die Oma sollte den Jugendlichen Wenzel erziehen, die Mutter sollte die Regierungsentscheidungen übernehmen. Das eskalierte aber derart, dass Wenzels Mutter seine Oma 921 ermorden ließ.

Als er dann in einem Alter war, traf er dann die Entscheidung, seine Mutter für kurze Zeit aus dem Fürstentum zu vertreiben. Reliquien seiner getöteten Großmutter ließ er 925 nach Prag überführen. Schwierige Entscheidungen, mit denen er aber seine Macht festigen musste, denn nicht alle standen hinter ihm. Ich kann mir vorstellen, dass regieren zu dieser Zeit nicht ungefährlich war.

Auch auf religiöser Seite hatte er zu kämpfen. Er, der getauft war, regierte über ein Land, in dem sich das Christentum zum größten Teil noch nicht durchgesetzt hatte. Er unterließ es aber, obwohl er gute Beziehungen zum Bischof von Regensburg pflegte, sein Land zu missionieren. Das einzige was er in diese Richtung tat, war, mit Einverständnis des Bischofs, mitten auf dem Burgfelsen eine Rotunde (eine Kirche in kreisförmigem Grundriss) zu errichten. An dieser Stelle steht heute der Veitsdom.

Regierungsmäßig hatte es Wenzel von Böhmen nicht leicht. Er musste sich Heinrich I., König des ostfränkischen Reiches, unterwerfen und eine gewisse Abhängigkeit blieb zu seinen Lebzeiten bestehen. Was nach seinem Tod dazu geführt hat, dass er als schwach dargestellt wurde. Aber wie immer, die einen sagen so, und die anderen sagen, dass es eine starke Leistung war, Böhmen trotzdem selbstständig zu halten. Wenn man jemand nicht wohl gesonnen ist, dann setzt man ja manchmal auch bewusst ‚Gerüchte‘ in die Welt. Und über die Gründe kann die Nachwelt wohl lange spekulieren. Aber Fakt ist, dass Wenzels Bruder Boleslav ihm wohl nicht wohlgesonnen war.

Er lud Wenzel zu einem Fest der Hl. Kosmas und Damian, denen er zu Ehren auf seiner Burg eine Kirche weihen ließ. Vermutlich hat es schon davor einen Zwist unter den Brüdern gegeben, denn Wenzel wurde gewarnt, das sichere Prag zu verlassen. Wenzel missachtete den Rat, nahm aber sein Gefolge mit, von dem er sich den nötigen Schutz versprach. Was am Tag des Festes auch gelang. Als Wenzel am nächsten Morgen zum Beten in die Kirche gehen wollte, wurde er von seinem Bruder angegriffen. Die Flucht in die Kirche gelang nicht, da sich ein Priester auf die Seite von Boleslav geschlagen hatte und ihm den Zutritt verwehrte. So wurde Wenzel von seinem Bruder und seinen Helfern vor der Kirche angegriffen. Er überlebte diesen Kampf nicht. Auch das Todesjahr ist nicht eindeutig belegt. Man rätselt zwischen 929 oder 935. Genauso ist das tatsächliche Motiv des Bruders von Wenzel für diese Tat unklar.

Ich frage mich an diesen Stellen immer, und nicht nur bei Wenzel von Böhmen, dass es für eine Heiligsprechung doch noch mehr Punkte geben muss, als ‚vom Bruder ermordet‘. Denn im 10. Jahrhundert soll seine Verehrung als Heiliger eingesetzt haben. In der Christianlegende, die eine mittelalterliche Quelle zur Geschichte Böhmens darstellt (und von Forschern belegt ist) wurde über das Leben und den Tod der Heiligen Ludmilla und Wenzel berichtet. (Oma und Enkel). So gibt es noch weitere Niederschriften. Alle Legenden schreiben dem ermordeten Fürsten Taten zu, die aber nicht belegt sind. Wenzel soll wie ein Geistlicher gelebt haben, er soll selber Getreide geschnitten und Hostien gebacken haben. Es wird berichtet, er habe Gefangene befreit und Sklaven freigekauft. Und es sollen ihm Wunder zugeschrieben werden. Belegt ist aber nicht wirklich viel.

Aber es reichte, dass sich so ein Bild eines Beschützers darstellt, der über das Böhmenreich regiert hat. Und das entwickelte sich recht kurz nach seinem Tod. Sein Bruder Boleslav I. ließ die Reliquien von Wenzel in die Rotunde der Veitskirche überführen. Naja, nicht ganz uneigennützig. Wenzel von Böhmen bekam 970 seinen eigenen Gedenktag, und war somit dem damaligen Brauch zufolge ein Heiliger.

Im 13. Jahrhundert wurde Wenzel der Schutzpatron des ganzen Landes. Erstgeborene Thronfolger bekamen seinen Namen, auch Karl IV. bekam bei der Taufe diesen Namen, der er allerdings nicht nutzte. In seine Regierungszeit fällt der Höhepunkt der Wenzel-Verehrung. Die Wenzelskapelle und die Krönungsjuwelen stammen aus dieser Zeit.

Ihm zu Ehren hat der Wenzelsplatz seinen Namen, auch das Denkmal dort ist ihm gewidmet.

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Jetzt aber zur

Ausstattung der Wenzelskapelle im Veitsdom

Über 1300 wertvolle Edelsteine schmücken den quadratischen Raum. An der gleichen Stelle, an der die Reliquien in die Rotunde bestattet waren, hat auch die Wenzelskapelle beim Bau von Peter Parler ihren Platz bekommen. Die Wand zeigt Fresken von 1372 über die Leidensgeschichte Christi. Im oberen Teil der Kapelle werden Szenen aus dem Leben des Hl. Wenzels dargestellt. Dieser Zyklus entstand im 16./17. Jahrhundert.

Über der Wenzelskapelle liegt

die Kronkammer des Veitsdoms

in der die prächtigen Kronjuwelen aufbewahrt werden.

Unter anderem ist hier auch die Wenzelskrone, die Königskrone des Königreichs Böhmen aufbewahrt. Kein Wunder, dass sie an einem sicheren Ort aufbewahrt wird. Nur sieben hochrangige Persönlichkeiten können jeweils mit ihrem Schlüssel, aber nur gemeinsam, die Kronkammer öffnen. Die Krone besteht aus 21 karätigem Gold und wiegt ca. 2,5 Kilogramm. Aus dem 14. Jahrhundert stammt sie, und Karl IV. hat sie zu seiner Krönung 1347 anfertigen lassen. Schon bei der Fertigung widmete sie Karl IV. dem ersten Patron des Landes Böhmen, dem hl. Wenzel. Er verfügte, dass sie nur zu Krönungen oder ähnlichen Ereignissen aus dem Domschatz entnommen werden durfte und dauerhaft ihren Platz im Veitsdom haben soll.
Doch schon sein Sohn dachte sich wohl, ‚was geht mich die Verfügung meines Vaters an‘? Wenzel IV. ließ die Krönungsjuwelen zur Burg Karlstein überführen. So nach dem Motto ‚Ringlein Ringlein du musst wandern ….‘ wechselte sich der Aufbewahrungsort. Im 18. Jahrhundert waren sie in Wien.

1791 fanden sie aber den Weg wieder zurück in den Veitsdom und bekamen ihren Platz in dem Raum über der Wenzelskapelle.
König Karl IV. ließ auch den Schädel des Hl. Wenzels mit Gold überziehen. An hohen kirchlichen Feiertagen wurde dieser dann öffentlich ausgestellt und mit der Wenzelskrone geschmückt.

Der letzte böhmische König, der 1836 mit der Wenzelskrone seine Krönung im Veitsdom feierte, war Kaiser Ferdinand I. von Österreich. Wie prunkvoll solch eine Krönung gefeiert wurde, könnt ihr in dem Beitrag Königsweg durch Prag lesen.

Der Domschatz, der auf der gegenüberliegenden Seite der Wenzelskapelle liegt, konnte aufgrund Corona nicht besichtigt werden.

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