Bereits im 12. Jahrhundert entstand mit dem Altstädter Ring (Staroměstské náměstí) das ‚Herz‘ der Prager Altstadt und einer der schönsten Plätze Europas. Ein 9.000 m² großer Platz, auf dem das Leben pulsiert.

Gebündelt auf einem Platz, und quasi ‚im Umdrehen‘ kann man gleich eine Reihe von Sehenswürdigkeiten in Prag ‚mitnehmen‘. Denn auf diesem zentralen Platz in der Altstadt reihen sich im Quadrat alle zur Besichtigung auf. Wir sind fast täglich über diesen, mit Leben gefüllten Platz. Egal von welcher Besichtigungsrunde wir kamen, der Weg zu unserer Wohnung, die gut fünf Minuten entfernt lag, ging über den Platz – zentral eben. Morgens erwachte der Platz langsam zum Leben, die vielen Straßenrestaurants und -cafés rüsten sich für die Gäste, die zu unserer Reisezeit noch sehr verhalten waren. Nachmittags oder Abends war dagegen Leben auf dem Platz. An einigen Tagen war mitten drin ein Zelt aufgebaut, und Musiker scharten die Zuhörer um sich. An einem Samstag erlebten wir eine friedliche Demonstration am Rathaus.

Auch wir haben uns manchmal auf eine Bank im Park neben dem Altstädter Rathaus gesetzt und der Musik zugehört. Oder saßen in einem Straßenlokal bei einer Tasse Kaffee. Die Lebensfreude und das Flair, das, besonders auf diesem Platz, in Prag zu spüren ist, ist schon einmalig schön.

Bevor ich euch gleich mit mehr Hintergrundwissen zum Altstädter Ring und seinen Sehenswürdigkeiten versorge, noch ein paar Tipps am Rande.
Wenn euch der kleine Hunger zwischendurch drückt, dann findet ihr rund um den Platz ein paar Möglichkeiten, diesen zu stillen. Seid aber etwas achtsam mit dem Stand direkt vor dem kleinen Park (es gibt auf dieser Seite nur einen). Laut einem Fernsehbericht, den ich kurz nach unserer Pragreise gesehen habe (Touristen werden abgezockt) wurde dieser dort erwähnt. Ungefragt wurden große Portionen von dem angebotenen Prager Schinken aufgepackt, die dann dementsprechend jenseits von Gut und Böse im Preis waren. Wachsam sein!

Dagegen findet ihr auf der Seite der Astronomischen Uhr einen Straßenverkauf mit „Prager Wurst“. Mein Mann hat sie probiert – Urteil: megalecker!! Der Preis: keine vier Euro. Für kleine Leckermäulchen findet sich überall in Prag einen Laden für den „Prager Baumstriezel“, den ich mir gegönnt habe. Die gibt es auch rund um den Altstädter Ring, gefüllt oder ungefüllt – und unheimlich stättigend. (Foto wird nachgeliefert, wenn wir wieder in Prag sind 😀 )
In den Straßenlokalen rund um den Altstädter Ring bezahlt ihr vielleicht etwas mehr als außerhalb, aber immer noch sehr günstig wenn ich an deutsche ‚Hotspot‘ Plätze denke, wo für eine Tasse  Kaffee locker mal kurz 4 € auf den Tisch gelegt werden dürfen. Hier kann man sich das Vergnügen, mittendrin im Geschehen zu sein, wirklich gönnen.

Am Altstädter Ring startet die Stadtrundfahrt „Hopp on, hopp off“, heißt, man kann an den jeweiligen Sehenswürdigkeiten aussteigen, besichtigen und mit dem nächsten Bus weiterfahren. Meine ganz persönliche Meinung zu dieser Stadtrundfahrt ist die: ist die in dieser Art überhaupt sinnvoll in Prag? Warum? – Die Prager Burg könnt ihr nicht in einer Stunde besichtigen, wenn ihr dem St. Veits Dom und allem dort oben auf der Burg gerecht werden wollt. Hier könnt ihr für ca. 1,00 € mit der Straßenbahnlinie 22 hochfahren und dann auf dem Rückweg zur Stadt noch alles Sehenswerte ‚mitnehmen‘ (oder die Kleinseite in einer extra Tour machen). Für alle Sehenswürdigkeiten in der Altstadt nützt euch der Bus rein gar nichts, weil der gar nicht in die Altstadt rein darf. Zudem liegt hier alles ganz dicht beieinander, ihr fallt praktisch von einem ins andere. Auch das Jüdische Viertel geht völlig ohne diesen Bus, man ist in geruhsamen 15 Minuten vom Altstädter Ring zu Fuß an allen Synagogen.

Was wir uns aber gegönnt haben, war eine Stadtbesichtigung mit einem kleinen Oldtimer – eine Stunde unterwegs, pro Person 30 €. Wir waren nur zu zweit, unser Fahrer hat uns viel Interessantes zu den einzelnen Objekten berichtet, hielt für Fotos – und – es hat höllisch Spass gemacht 😀 Darüber könnt ihr in einem ausführlichen Bericht dann lesen. Und wir haben so aussortiert, wo wir nicht unbedingt hin (mussten) wollten, oder wo unbedingt. Die Abfahrten hierfür sind am Pulverturm.

So, jetzt wieder zurück zum Altstädter Ring und ein bisschen zur

Entstehung des Altstädter Rings

Im 10. und 11. Jahrhundert entstanden durch deutsche und jüdische Kaufleute die ersten kaufmännischen Niederlassungen auf dem Gebiet der Prager Altstadt. Grund dafür war, dass Prag günstig an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen lag und auf einer Furt (in der Nähe der heutigen Karlsbrücke) die Moldau überschritten werden konnte. Rechts und links der Moldau waren mit der Prager Burg (links) und der Vyšehrad (rechts) zwei Burgen, in derem Schutz sich die Niederlassungen entwickeln konnten. In einem Reisebericht aus dem Jahr 965 wird schon erwähnt, dass man in Prag günstig einkaufen könne. Von Geflügel, Korn, Pelze, Pferde und auch Sklaven war die Rede. Bereits um 1100 ist die Erwähnung über die Existenz eines Marktplatzes um den heutigen Altstädter Ring.

Aufgeblüht ist die Siedlung dann im 12. und 13. Jahrhundert. Die Furt wurde durch eine Steinbrücke ersetzt und 1230 ließ König Wenzel I. eine Stadtmauer bauen und die Altstadt zur freien Königsstadt erheben. Damit ist die Prager Altstadt die älteste der vier selbstständigen Prager Städte. Es wurde in der Folge eine kleine mittelalterliche Großstadt und der rege Handel, der dort betrieben wurde verhalf zum wachsenden Reichtum ihrer Bewohner. Mit mehr Geld, konnte man mehr bauen – und diese neue Bauten konzentrierten sich um den großen Marktplatz bis hinunter zum Moldauufer.

1338 erwirkten die Bürger von König Johann von Luxemburg (über den könnt ihr beim Altstädter Rathaus mehr lesen) die Genehmigung ein Rathaus zu bauen. Dies führte natürlich in der Folge weiter zur Entwicklung der Altstadt, die noch mehr wuchs, als Kaiser Karl IV. Prag zur Hauptstadt des Hl. Römischen Reiches ernannte. Die Häuser um den großen Marktplatz wurden zum Teil im romanischen und gotischen Stil erbaut. Da sie aber ständig vom Hochwasser der Moldau bedroht waren, wurde das Gebiet aufgeschüttet, die Keller blieben in diesen Baustilen auf die später die Renaissance- und Barockhäuser darauf gebaut wurden.

Wenn ein Platz reden könnte (nicht nur Häuser), dann hätte der Altstädter Ring einiges zu berichten, was sich auf ihm abgespielt hat. Da waren die böhmischen Reformprediger im 14. Jahrhundert auf dem Platz, im 15. Jh. wurde er zum Zentrum der hussitischen Bewegung in Prag. Hinrichtungen fanden auf dem Platz genauso statt wie Demonstrationen. Der Platz war im Mai 1945 das Zentrum des Prager Aufstandes gegen die deutsche Besatzung.

Jetzt kommen die Highlights auf dem Platz dran, allen voran die

Teynkirche oder die Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn (Kostel Panny Marie před Týnem)

Die markanten zwei 80 Meter hohen Türme und die Westfassade der Kirche, die von Mitte des 14. bis Anfang 16. Jahrhundert erbaut wurde, sind eines der Wahrzeichen der Stadt Prag. An der Teynkirche vorbei (beginnend am Pulverturm) verlief der Krönungsweg der böhmischen Könige bis hinauf zum St. Veits Dom. König Johann v. Luxemburg hat diese Tradition zu seiner Krönung eingeführt.
Die gotische Kirche mit dem Teynhof entstand als Hospitalkirche für die fremden Kaufleute. Der Teynhof, der bereits im 11. oder 12. Jh. entstanden ist, war ein befestigter Handelshof, in dem die reisenden Händler ihre Waren verzollen mussten und Schutz und Unterkunft fanden. Das gesamte Areal ist als Kulturdenkmal geschützt.
Vorgelagert der Kirche ist die Teynschule, in der bis zum 19. Jahrhundert eine Lateinschule untergebracht war. Aus Gotisch wird im 14. Jahrhundert ein Gebäude im Stil der venezianischen Renaissance.

Der Teynhof ist heute ein schnuggeliger kleiner Platz mit Außenbewirtschafftung im Schatten der Kirche, zu der wir mal wieder (ihr kennt es sicher schon 😂) den Eingang gesucht haben. Wenn man es weiß, ist er ganz einfach zu finden. An der Teynschule ist ein Tor, und durch dieses kommt man zur Tür der Kirche. Leider war in der Kirche fotografieren verboten, und schaut auch auf die Öffnungszeiten. Nach uns wurden die Türen zugeschlossen.
Die Kirche im Inneren – eine Wucht!! Ich kann es nicht anders sagen – ich war hammermäßig begeistert!! (Achtung: das war ich in der Woche in Prag noch öfters 😀 )

Links der Teynkirche sind das

Haus Zur steinernen Glocke (Dům U kamenného zvonu) und das Palais Golz-Kinsky (Palác Goltz-Kinských)

Das prägnante Haus „Zur steinerernen Glocke“ passt so gar nicht zu dem Aussehen der anderen Bauten. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde es erbaut und später unter König Johann von Luxemburg zum Stadtpalast umgebaut und gehört mit seiner Front zu den schönsten gotischen Palästen dieser Art in Europa. Den Namen erhielt das Haus, in dem wohl auch Karl IV. während der Renovierung der Prager Burg gewohnt haben soll, wegen einer steinernen Glocke. Zwischen den frühgotischen Fenstern standen früher Statuen unter den Baldachinen. 1961 wurde das Haus bei Umgestaltungen wieder in den gotischen Zustand zurückversetzt, nachdem es im 17. Jh. komplett barockisiert wurde.

Auch im 14. Jahrhundert wurde das Palais Golz-Kinsky als prunkvolle städtische Residenz erbaut. Vermutlich wurde es als zeitweiser Sitz des Königs Johann von Luxemburg genutzt, und den Eltern von Kaiser Karl IV., der hier möglicherweise sogar geboren wurde. Aber nix genaues weiß man nicht. Ursprünglich war es ebenfalls im gotischen Stil erbaut worden und wie das Nebengebäude im 17. Jh. barockisiert worden. Im 19. Jahrhundert war ein deutsches Gymnasium untergebracht, das u.a. auch Franz Kafka besuchte.
Im Zuge einer Rekonstruktion wurde von 1975-1988 die ursprüngliche gotische Form des Gebäudes wiederhergestellt. Es zählt heute zu den wertvollsten gotischen Baudenkmälern Prags und beherbergt, wie das Nebengebäude, die Nationalgalerie.

Einmal weiterdrehen bitte –  und ihr seht das prachtvolle gelbe Gebäude, das

Palais der früheren Stadtversicherungsanstalt

ein herrliches Palais im Jugendstil und Neubarockstil, das zwischen 1899 und 1901 gebaut wurde. Ein wirklicher Hingucker, mit den ganzen Muscheln, Putten und Masken. Im Bogen des großen Giebels ist vermutlich die Fürstin Libussa zu sehen. Die Statuen daneben zeigen den „Alarmruf“ und „Brandlöschen“. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Ministerium der Tschechischen Republik.

Unübersehbar auf dem Altstädter Ring ist die

St. Nikolaus Kirche (Kostel svatého Mikuláše)

Achtung wenn ihr sie ins Navi zur Suche eingebt, es gibt auf der Kleinseite nochmal eine Kirche gleichen Namens. Ob man diese nun Dom oder Kirche nennt – egal, gebt hier einfach die Altstadt dazu ein. Vielleicht kennt ihr unser Los schon aus einigen anderen Berichten, das mit den geschlossenen Kirchen 😀 . Egal, wann wir an dieser herrlichen Barockkirche vorbeigelaufen sind, immer war sie geschlossen. Vielleicht schaffen wir es in einem weiteren Anlauf im Herbst, ob sie dann geöffnet ist.

Erstmals wird die St. Nikolaus Kirche in einer Urkunde von 1273 erwähnt und ist damit eine der ältesten Kirchen der Prager Altstadt. Ursprünglich im romanischen Stil erbaut, wurde sie im 14. Jahrhundert im gotischen Stil umgebaut. Böhmische Bußprediger, die zu den Anhängern des böhmischen Reformators Jan Hus gehören, haben hier gewirkt. Nachdem die Rekatholisierung in Böhmen eingesetzt hatte, wurde die Kirche den Benediktinern übereignet, die 1635 neben der Kirch ein Kloster erbauten. Ein verheerender Stadtbrand 1689 beschädigte die Kirche so sehr, dass sie abgerissen werden musste. 1732-35 wurde sie unter dem berühmten Baumeister Kilian Ignaz Dientzenhofer im Stil des böhmischen Barocks wieder aufgebaut.

Mitten auf dem Platz fällt

das Jan Hus-Denkmal

auf. Es erinnert an den böhmischen Reformator, dem ich einen eigenen Beitrag widme. 1915 wurde das Denkmal, am fünfhundersten Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus auf dem Scheiterhaufen in Konstanz, hier enthüllt. Das bronzene Denkmal zählt zu den bedeutendsten Jugenstilarbeiten der monumentalen tschechischen Bildhauerei. Ob das auch die vielen Vögel wissen, die sich ganz unrespektvoll auf dem Haupt des Reformators niederlassen? 🤔

Die Augen nach links – vorbei an dem kleinen Park, und ihr schaut auf

das Altstädter Rathaus mit seiner Astronomischen Uhr (Staroměstská radnice)

Es wurde 1338 mit Genehmigung von König Johann von Luxemburg erbaut und durch den Zukauf von Nachbarhäusern erweitert. Meinen ausführlichen Bericht zum Altstädter Rathaus und zur Uhr könnt ihr HIER lesen.

Vor der Teynkirche stand bis 1918 die 14 Meter hohe

Mariensäule (Mariánský sloup)

Kaiser Ferdinand III. ließ sie als Dank für die Rettung der Prager Altstadt vor den schwedischen Truppen kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges errichten. Wenige Tage nach der Ausrufung der selbstständigen Tschechoslowakei wurde sie am 3. November 1918 als Symbol der Niederlage von Demonstranten niedergerissen. Kurz vor unserem Besuch in Prag kehrte die Mariensäule als Rekonstruktion im Juni 2020 auf den Altstädter Ring zurück. Zufall oder nicht?, dass ich sie in Verbindung mit einem Rosenkranz aus Luftballons fotografieren konnte.

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So, jetzt haben wir uns einmal im Kreis gedreht, wenn ihr wieder Richtung Teynkirche schaut. Zuvor geht der Blick noch auf zwei Häuser, wovon eines ob der auffallenden Fassade nicht übersehen werden kann. Es sind das

Storch Haus und das Haus Zum weißen Einhorn (Trčkovský Haus)

Die Fassade des Storch Hauses aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt ein Gemälde des Heiligen Wenzel zu Pferd von Mikulas Ales. Das Haus ist auch als das Haus der Steinernen Mutter Gottes bekannt.
Das Gebäude rechts daneben, das Haus zum Weißen Einhorn wurde auf den Fundamenten zweier im romanischen Stil erbauten Häuser errichtet. In diesem Haus wurde die Ehefrau des Komponisten Franz Xaver Dušek geboren, eine bekannte Sängerin und mit Wolfgang Amadeus Mozart befreundet.

Eigentlich ist es auf dem Altstädter Ring ein kunterbunter Mix an Stilrichtungen. Romanik, Barock, Neugotik ….
Fasziniert haben mich in meinen Recherchen die Hausnamen von Gebäuden. So gibt es auf dem Platz das Haus Zum roten Fuchs, das Haus zu den Störchen, Zur blauen Gans, Zum steinernen Lamm, Zum goldenen Kamel …. öööhm, mir fällt auf – ein kleiner Zoo 😀 Und das ist nur eine Auswahl.
Jedes Haus einem Foto zuzuordnen wäre jetzt dann doch des Guten zuviel, gell. Deshalb bekommt ihr jetzt einfach noch

ein paar Impressionen quer Beet zu den Bauten am Altstädter Ring

Allesamt sehr eindrucksvoll, und es verwundert nicht, dass die Altstadt von Prag zum UNESCO Welterbe zählt.

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