Die Landeshauptstadt von Thüringen kann auf engstem Raum in der mittelalterlich geprägten Altstadt, neben dem Dom und der Krämerbrücke, viele weitere Sehenswürdigkeiten aufweisen.

Zwei große Tagesausflüge waren schon vor unserer Fahrt ins südliche Sachsen-Anhalt fest auf unserem Besichtigungsplan – Leipzig und Erfurt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag brachte uns Fridolin in aller Frühe ohne Probleme nach Erfurt. Naja, fast ohne Probleme, denn eine kleine Stadtrundfahrt in Weimar – dank Lotte – war inklusive. Irgendwie ist sie manchmal doch reichlich verpeilt. 🙄 Und da wir Weimar ja kurzerhand wegen der reichlichen Fülle von Sachsen-Anhalts Sehenswürdigkeiten von unserem Plan gestrichen hatten, kann ich jetzt ironisch vermelden: wir waren auch in Weimar 😉  Ein Plätzchen für Fridolin war im Parkhaus am Dom auch gleich zu finden und mit dem Gedanken ‚heute kommen bestimmt nicht viele auf die Idee einer Stadtbesichtigung‘ ging es nach draußen auf den Domplatz.
„Heiligs Blechle, was ist denn da los?“  Ich wurde sofort eines Besseren belehrt, als ich die vielen Reisebusse vor dem Domplatz sah. 🙈 Und da sich keiner der Reisegruppen auf den Weg zum Domplatz machte, begaben wir uns als erstes dahin. Sportprogramm mit den vielen Stufen zum Domberg hinauf inklusive. Oben angekommen zeigte sich aber, dass die Gruppen vermutlich besser informiert waren als wir. Der Erfurter Dom ist erst ab Mittag geöffnet und die angrenzende Kirche St. Severi war wegen dem Weihnachtsgottesdienst für Besucher geschlossen.

Egal, wir genossen den Blick über den riesigen Domplatz und die angrenzende Altstadt, die wir dann eben zuerst erkunden werden.

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Domplatz

Fast könnte man sie am Ende der 70 Treppenstufen hinab und dem Gang auf den Domplatz übersehen – die in das Pflaster eingelassenen Stolpersteine mit Namen der Menschen, die an Aids verstorben sind. Insgesamt finden sich in 26 Städten Deutschlands solche Erinnerungen.
Der nächste Blick fällt auf den in der Mitte des Platzes platzierten 18 Meter hohen Sandstein-Obelisk, der 1777 errichtet wurde und zu den ältesten Denkmalen in Erfurt zählt. Erstmals wurde der große Platz 1293 erwähnt und schon damals als Marktplatz genutzt. Seine heutige Größe von ca. 3,5 ha erhielt er aber erst im preußischen Befreiungskampf 1813.

Immer der Menschenmenge nach – so könnte man den Eindruck haben ob der vielen Reisegruppen, die sich um ihren jeweiligen Stadtführer versammelt haben und nach und nach vom Domplatz in die Altstadt ausschwirrten. Immer wieder sind wir solchen Gruppen begegnet, und immer wieder dachte ich mir – nein, mit der Menge laufen und nicht in Ruhe fotografieren können, DAS ist nichts für uns. Auch wenn man vielleicht das eine oder andere über die Stadt erfährt, das man so nicht im Reiseführer lesen kann.

Wenn ihr Lust habt, dann kommt mit auf meine Stadtführung – so wie wir sie erlebt haben.
Und die beginnt in der

Mettengasse

Durch dieses schmale Gässchen kommt man zum „Waidspeicherhaus“. Früher wurde aus der Waidpflanze ein blauer Textilfarbstoff gewonnen, der im 13. Jh. im Thüringer Becken angebaut wurde und in Erfurt verarbeitet und gehandelt wurde. Durch diesen Waidhandel floß viel Gold nach Thüringen und machte diese Region dadurch zu einer der reichsten in Mitteleuropa. Nachdem aber Indigofarbstoffe importiert wurden brach der Waidhandel innerhalb von einigen Jahrzehnten zusammen. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Theater.

Gegenüber ist das „Haus zum Sonneborn“ mit seinem schönen Eingangsportal. Über die Historie dieses Hauses aus der Renaissance ist wenig bekannt. Vermutet wird, dass es ebenso als Waidspeicher genutzt wurde, aber auch eine Nutzung als Biereigenhof ist denkbar. Nach einer Restauration des Hauses wird es heute als Standesamt und Hochzeitshaus genutzt.

Ein paar Schritte weiter ist die

Magdalenenkapelle

die 1227 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Der heutige Bau stammt um 1341 und diente als Friedhofskapelle für Arme und Fremde des angrenzenden innerstädtischen Friedhofs. Ein Blick ins Innere lohnt sich. Seit 2014 dient die Kapelle als Kolumbarium mit 420 Urnenplätzen. Eine Art der Bestattung, die ich bisher so als Kolumbarium noch nie gesehen habe, uns aber mehrfach in Erfurt so aufgefallen ist.

Durch die enge Rumpelgasse kamen wir direkt auf dem

Fischmarkt

raus, auf dem es im Uhrzeigersinn einiges zu bestaunen gibt. Seit dem 13. Jahrhundert war dies ein Handelsplatz der unzähligen Güter, die auf den Handelsstraßen „via regia“ und „Nürnberger Geleitstraße“, die durch Erfurt führten, transportiert wurden.

Das

Rathaus

der Stadt Erfurt wurde mit einem Vorgängerbau 1275 bereits als Rathaus erwähnt. Nachdem es 1830 abgerissen wurde, konnte es mangels finanzieller Mittel erst 1882 nach 13-jähriger Bauzeit im neugotischen Stil eingeweiht werden. Die großen sechs Spitzbogenfenster über dem Eingang beherbergen dahinter den Festsaal, in dem sich ein Wandgemäldezyklus bewundern lässt. Das ist nun wieder der Nachteil, wenn man am 2. Weihnachtsfeiertag eine Stadtbesichtigung macht – geschlossen.

Das

Haus zum roten Ochsen

ein Renaissance-Gebäude, gilt als eines der Schönsten dieser Art in Deutschland. 1392 wurde es erstmals erwähnt. Umgestaltet im Renaissance-Stil wurde es 1562 durch einen Waidhändler. Wunderschön ist die Fassade gestaltet, ganz groß in der Mitte mit einem roten Ochsen mit goldenen Hörnern, sowie die in einem Fries dargestellten antiken Planetengötter. Seit 1976 wird das Gebäude als Kunsthalle genutzt.

Unübersehbar steht vor der Kunsthalle die Statue eines römischen Kriegers. Von Kopf bis Fuß bewaffnet ist er seit 1448 als Statue des hl. Martins der Schutzpatron der Stadt Erfurt und des Bistums Mainz. In seiner rechten Hand hält er die Stadtfahne Erfurts.

Ein eindrucksvoller Gebäudekomplex am Fischmarkt verdient die Aufmerksamkeit. Eines davon ist das Gebäude im Renaissance-Stil, das

Haus zum Breiten Herd

1584 wurde es es im Auftrag des Stadtvogts und Ratsmeisters Heinrich von Denstedt erbaut. Auffallend das Fries über dem Erdgeschoss, welches die fünf Sinne des Menschen darstellt – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Diese sollen das Menschenbild der Renaissance widerspigeln: der Mensch als Mittelpunkt.
1734 wurde es mit dem Nachbarhaus „Zum Stötzel“ vereinigt. Seit die Handwerkskammer die Gebäude 1925 bezog, werden sie auch als „Gildehaus“ bezeichnet. Berühmte Gäste hat das Haus 1808 während des Erfurter Fürstenkongresses gesehen; Napoleon statte Friedrich August I. von Sachsen hier einen feierlichen Besuch ab.

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Man kann zwar an der Dekoration der einzelnen Gebäude erkennen, in welcher Jahreszeit man sich befindet – Weihnachten – die volle Dekoration bekommt man jedoch in der

Marktstrasse

320 Meter ist die Verbindung zwischen dem Domplatz und dem Fischmarkt lang, die ihren Namen Marktstrasse erst seit 1826 trägt. Davor war sie einfach die Straße Erfurts oder hieß ab 1341 An der Straße. Sie muss wohl eine der ersten ausgebauten Straßen in Erfurt gewesen sein.

An der Gabelung der Allerheiligen- und Marktstrasse steht unübersehbar die

Allerheiligenkirche

mit ihrem 53 Meter hohen Kirchturm, dem höchsten Kirchturm in der Altstadt von Erfurt. Die kleine Kirche stammt aus dem 12./14. Jahrhundert. Seit 2007 besitzt sie als erste katholische Kirche in Mitteldeutschland ein Kolumbarium, also Urnengräber. Das älteste Kolumbarium in Thüringen wurde 1892 in Gotha erschaffen. Im südlichen Kirchenschiff der Allerheiligenkirche können Trauerfeiern abgehalten werden. Zunehmend hat sich in Thüringen diese Art der Bestattung zur vorrangigen Bestattungsform entwickelt.

In der Allerheiligenstraße fällt noch ein Gebäude aus der Mitte des 16. Jahrhunderts auf. Das

Haus zur Windmühle

ebenfalls ein Waidhändlerhaus, im Renaissancestil erbaut.

In Erfurt kann man tatsächlich ‚im Umdrehen‘ von einem sehenswerten Fleckchen ins Nächste fallen. Es geht jetzt durch die kleine schmale

Waagegasse

weiter. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht stehen in langer Front große dreigeschossige Speichergebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Diese Fachwerkhäuser dienten als Lagergebäude für Waren auf dem Transport durch Erfurter Gebiet. Nachdem 805 von Karl dem Großen der Stadt das Stapelrecht verliehen wurde, berechtigt dies die Stadt, für Waren, die die Kaufleute für eine bestimmte Zeit in den Lagergebäuden abluden oder stapelten, ein Stapelgeld zu erheben. Diese kleine Gasse zählt zu den ältesten Straßen Erfurts. Sie ist gerade so breit, dass genau ein Wagen hindurch passte und somit konnte gewährleistet werden, dass niemand vergessen wurde der noch zu bezahlen oder zu stapeln hatte und sich auch keiner vorbeimogeln konnte. Heute sind in den meisten Speicherhäusern Werkstätten untergebracht.
Extremst schade fand ich, dass die gegenüberliegende Mauerwand durchgängig von unnötigem Graffitiwerk besprüht ist. Diese kleine Gasse hat ihren eigenen Charme. Man kann sie aber leicht übersehen, also unbedingt Ausschau halten – wer sie denn sehen möchte.

Lust auf eine Tasse Kaffee?
Das war an diesem Tag wirklich noch Wunschdenken, denn weit und breit war an diesem 2. Weihnachtsfeiertag bisher nichts geöffnet, wo man dieses Lebenselexier bekommen könnte.

Ihr habt es da jetzt ein bisschen besser, denn bevor es zum zweiten Teil des Stadtrundgangs durch Erfurt weitergeht habt ihr jetzt die Zeit euch gemütlich eine Tasse Kaffee (oder Tee) zu holen.
Bereit dann zum Teil 2 – Stadtrundgang?

Erfurt