Am Rand der Altstadt von Prag befindet sich der zweitgrößte Baukomplex der Stadt – das ehemalige Jesuitenkolleg Clementinum (Klementinum).

Oft läuft man achtlos an den hohen Häuserbauten in der Altstadt vorbei, noch mehr, wenn man auf die Karlsbrücke, DER Besuchermagnet in der „Goldenen Stadt“ Prag schlechthin, zustrebt. Auch wir haben den großen Gebäudekomplex bei unserem ersten Besuch in Prag im Juni 2020 ausgelassen. In der Kürze der Zeit mussten wir damals einfach Prioritäten setzen. Kann man ja alles nachholen, so wie wir jetzt bei unserem Langzeitaufenthalt in Prag.

Wer suchet, der findet – denn im ersten Moment muss man schon schauen, was alles zu diesem großen Gebäudekomplex Clementinum, der übrigens auch zu einem der größten seiner Art in Europa zählt, gehört. Damit ihr gleich wisst, wo es lang geht, kommt mit zu

meiner Besichtigung des Clementinum (Klementinum) in Prag

Wie auf der Prager Burg, der den größten Baukomplex in Prag darstellt, so führen auch ins Clementinum-Areal mehrere Eingänge. Wir haben uns für den Eingang gegenüber von der Karlsbrücke entschieden. Der ist ja auch eindeutig am Leichtesten zu finden 😉 Orientieren könnt ihr euch an der großen Kirche direkt gegenüber dem Altstädter Brückenturm, an der Kirche St. Salvator. Sie ist eine von drei Kirchen im Clementinum. Unübersehbar die Statuen in luftiger Höhe an der Eingangsseite. Links neben der Salvatorkirche kommt ihr durch kleines Tor in einen der Innenhöfe des Clementinum.

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Für manche Menschen dient der Durchgang durch die Innenhöfe des Clementinum als Abkürzung auf dem Weg in die Altstadt. Man kann hiermit dem quirligen und oft überfüllten Treiben in der Karlova, dem kleinen Gässchen von der Karlsbrücke zum Altstädter Ring, aus dem Weg gehen. ABER – man sollte sich schon auskennen 🙂 Wir haben uns einmal durch eine Passage am Wenzelsplatz ‚treiben‘ lassen und sind nicht durch den gleichen Eingang wieder hinaus. Tja, da haben wir erstmal ganz dumm durch die Gegend geschaut, damit wir die Orientierung wieder bekamen. Wir haben seitdem in Prag auf solche Experimente weitgehendst verzichtet 😀 😀

Der Innenhof im Clementinum in Prag

ist aber wirklich sehenswert. Wenn man sich genauer umschaut entdeckt man nicht nur die herrliche Sonnenuhr an der Häuserfront.

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Falls ihr rätselt, wer der schmucke junge Mann im Innehof ist, da kann ich euch weiterhelfen.

Das Denkmal des „Prager Student“ im Innehof des Clementinum in Prag

steht als Würdigung für Studenten, die bei den Kämpfen im Dreißigjährigen Krieg aktiv waren. Ihr wisst ja sicher, dass der Dreißigjährige Krieg seinen Anfang mit dem Zweiten Prager Fenstersturz aus dem Alten Königspalast auf der Prager Burg seinen Anfang nahm. Auch Deutschland litt unter dem 30 Jahre andauernden Krieg. Vom 25. auf den 26. Juli 1648 war dann auch Prag dran, die Schweden überwältigten die Wachen auf der Kleinseite und eroberten in der Nacht die Prager Burg samt der Prager Kleinseite. Dieser Radau und das Geschehen blieb in der Altstadt nicht unbemerkt und man setzte alle Hebel in Bewegung um die Altstadt gegen die Schweden zu sichern. Da war jede Hand und jeder Mann gefragt, um die Altstadt  zu verteidigen.

Beide Seiten schenkten sich nichts. Durch den vehementen Widerstand der Prager Armee und eben der Studentenkompanie konnte die Altstadt bis in den Oktober hinein gehalten werden. Fast schien es, als dass die Schweden doch noch die Altstadt in ihren Besitz bringen würden, bis sie dann aber die Belagerung aufhoben und sich zurückzogen. Die Nachricht von der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens machte bereits die Runde. Und gegen die kaiserlichen Truppen, die auch schon auf dem Weg waren, wollte man dann vermutlich doch lieber nicht kämpfen. Die Kleinseite blieb noch bis Ende September 1649 von den Schweden besetzt. Als sie dann endlich abzogen, nahmen sie noch bedeutende Kunstschätze mit (der Prager Kunstraub), die bis heute nicht den Weg nach Prag zurückfanden. Sie sind immer noch in Stockholm.

1847 wurde das Denkmal geschaffen, das gleichzeitig auch an den 500. Gründungsjahrestags der Prager Universität erinnern soll. Eine würdige Enthüllung gab es aber nicht, der Student zog einfach sang- und klanglos im Innenhof ein. Denn genau in dieser Zeit brodelte es mal wieder gewaltig mit dem Prager Pfingstaufstand. Wenn ihr über den mehr lesen wollt, dann klickt HIER.

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Bevor es jetzt durch das geschmückte Tor in den nächsten Innehof geht,

ein bisschen Geschichte zum Clementinum (Klementinum) in Prag

die in ihren Anfängen bis zu König Wenzel I. zurück geht. Er sorgte dafür, dass die St. Clemens-Kathedrale im 13. Jahrhundert für den Dominikaner Orden gebaut wurde. Bei den Hussitenbewegungen wurde das Kloster samt der Kirche jedoch 1420 zerstört. Es kam die Zeit, als Kaiser Ferdinand I. an die Macht kam und der hatte ein richtiges Problem. Man könnte es ganz einfach ausdrücken: Katholiken vs. Protestanten. Denn der Kaiser war streng katholisch und wollte natürlich die katholische Kirche festigen, indem er Zentren zur Gegenreformation einrichtete. Lutherische Schriften oder Predigten wollte er verhindern, auch ein Abendmahl für beide Konfessionen sollte es nach seinem Willen nach nicht geben.

Um seinen Religionsstand zu festigen holte er 1556 den Jesuitenorden nach Prag. 1540 wurde dieser Orden vom Papst anerkannt, der sich zur Armut, Ehelosigkeit und zum Gehorsam verpflichtete. Und die brauchten nun eine Bleibe. Was kam dem König besser gelegen, als das baufällige, ehemalige Dominikanerkloster mit der Kirche St. Clemens. Es war klar, dass es bei dem Orden nicht üppig zuging, in so einer verfallenen Behausung.

Der Kaiser verfolgte mit der Ansiedlung des Ordens aber noch einen weiteren Auftrag: sie sollten eine Hochschule aufbauen. Denn Ferdinand wollte eine Konkurrenz zur Karls-Universität schaffen, die Anfang April 1348 von Karl IV. gegründet wurde und ein Zentrum der protestantischen Bewegung war. Die Jesuiten waren fleißig im Aufbau, bereits 1562 bekam das Clementinum, das seinen Namen übrigens von der St. Clemens-Kirche bekam, Universitätsrechte.

Dem Orden ging es erst besser, als die Gegenreformation einsetzte. Sie erhielten Geldzuwendungen und wollten das Areal mit weiteren Bauten vergrößern. Keine Ahnung ob sie mit diesem Vorhaben auf wirklich viel Gegenliebe gestoßen sind, denn um diesen Plan umzusetzen, mussten Häuser, Kirchen und Gärten dem Erdboden gleichgemacht werden. So entstand ab Mitte des 16. Jahrhunderts der zweitgrößte Gebäudekomplex in Prag nach der Prager Burg. Nach der Schlacht am Weißen Berg, der ersten großen kriegerischen Auseinandersetzung im Dreißigjährigen Krieg übernahm die seit 1616 katholische Universität dann 1620 auch die Prager Universität.

Der große Komplex im Barockstil diente dann den Vorlesungen und als Wohnheim für die Studenten. Naja, auf 2 ha Fläche lässt sich da schon einiges bewegen. Nachdem der Jesuitenorden 1773 aufgelöst wurde, kam das Clementinum in staatliche Hände.

Inzwischen sind wir durch ein weiteres Tor, nach dem ein kleiner Durchgang zum nächsten Innenhof führt. Sollte euch hier eine Papierschwalbe treffen, dann werft einen Blick nach oben. Den könnt ihr aber auch ohne Treffer werfen. Wer mich aus meinen Berichten kennt, der weiß, dass ich fast immer auch als Hans-guck-in-die-Luft unterwegs bin. Denn ganz viele interessante Details lassen sich in luftigen Höhen entdecken. Erst durch uns wurde auch eine Frau auf

das Mädchen mit der Papierschwalbe im Clementinum in Prag

aufmerksam. Wir kennen das mittlerweile schon, dass wir durch unsere Blicke aufmerksam machen 🙂

Eine junge polnische Künstlerin fertigte für eine Werksausstellung von Studenten das kleine Mädchen mit der Schwalbe an. Während dieser Ausstellung saß sie auf dem Sims der Nationalbibliothek im Clementinum. Da das Mädel so gut bei den Besuchern ankam, fand sie ihren dauerhaften Platz im Klementinum.

Damit ihr mit der

Gedenktafel für Bohulsav Balbín im Clementinum in Prag

etwas anfangen könnt, ein paar Worte zu ihm. Er wurde in ein böhmisches Rittergeschlecht hineingeboren und war Student der Philosophie am Prager Clementinum, dem er später ein Theologiestudium anhängte. Er zählte zu den einflussreichsten Gelehrten seiner Zeit und verstarb im November 1688 in Prag.

Weit über die Dächer des Gebäudekomplexes ragt er empor –

der Astronomische Turm im Clementinum in Prag

52 Meter geht es da nach oben, wo sich auf der Kuppel des Turms eine Statue befindet. Man muss schon sehr stark sein, um die übergroße Erdkugel auf den Schultern tragen zu können. Seinen Namen bekam der Turm, weil ab 1775 Wetterbeobachtungen und Messungen dort aufgezeichnet wurden. Seit 1928 finden die astronomischen Beobachtungen in der Sternwarte in Ondřejov statt.

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uebersichtsplan clementinum prag 6880Hier in diesem Innenhof (1) bekommt man auch den vollen Überblick über den Gesamten Gebäudekomplex und wir standen unschlüssig vor dem Astronomischen Turm (2). Sollen wir? Sollen wir nicht? Denn wir sahen einige Menschen die anstanden, um Einlass mit der nächsten Führung zu bekommen. Die findet nämlich ab 10 Uhr alle dreißig Minuten statt und führt durch den barocken Bibliotheksaal, den Meridiansaal, natürlich den Astronomischen Turm und mit viel Glück auch durch die Spiegelkapelle. Denn diese Kapelle wird gerne für Konzerte, Veranstaltungen oder Hochzeiten genutzt.

Wir hatten heute schon ein wirklich heftig gefülltes Besichtigungsprogramm hinter uns. Eigentlich hat es und eher zufällig auf die andere Seite der Karlsbrücke geweht. Der Petřínberg mit dem Nachbau des kleinen Eifelturms war heute das ausgiebige Ziel gewesen. Nachdem wir so … rein zufällig … bei unserem Bummel durch die Kampa dann vor der Karlsbrücke standen, meinte mein Mann „dir fehlen doch noch drei Statuen für deinen Bericht, wir könnten sie doch jetzt noch suchen. Wenn wir schon mal da sind?“ Tja, und so kam eben das Clementinum noch dazu 😀

Mit Blick auf die Einlasstafel fiel uns aber sofort das durchgestrichene Symbol einer Kamera auf. Fotografieren in den Innenräumen nicht erlaubt. Ganz ehrlich, die Entscheidung war schnell getroffen. Auch, weil nach diesem langen Tag schon die Luft raus war bei uns beiden. Deshalb dürft ihr die Innenräume selber entdecken.

Der Blick zur Kathedrale St. Clemens, auf der Suche nach einer geöffneten Kirchentüre, blieb erfolglos. Wir verließen deshalb den Gebäudekomplex dort, wo sich eigentlich

der Haupteingang zum Clementinum (Klementinum)

befindet. So ist das halt bei uns, wir rollen gerne mal das Feld auch von hinten auf. Als ich dann einen Blick auf die prachtvolle Hauptfassade aus dem 17. Jahrhundert warf (dahinter befindet sich die Nationalbibliothek), von der römische Kaiser grüßen, und mich auf dem Platz umschaute, war mir klar, wo wir jetzt standen. 😀
Da waren wir doch im Juni 2020 auch schonmal kurz – gegenüber dem Klementinum befindet sich das Neue Rathaus der Stadt Prag. Nur so für euch als Orientierung 🙂

Bevor wir uns den ganzen Komplex, der übrigens seit November 1995 als Nationales Kulturdenkmal Tschechiens gelistet ist, auf dem Rückweg zur Straßenbahn anschauen, gibt es noch ein paar Informationen zu den

Kirchen des Clementinum in Prag

allen voran

die Kathedrale St. Clemens

Nach ihr wurde der gesamte Gebäudekomplex benannt. Die Dominikaner legten den Grundstein für diese Kirche, die in den Jahren ab 1711 als Barockkirche aufgebaut wurde. Von außen ist sie eher schlicht. Wüsste man nicht, dass sich hier eine Kirche befindet, man könnte daran vorbeilaufen. Wir sind zwar im Juni 2020 nicht achtlos an ihr vorbei gelaufen, aber jedesmal waren die prachtvollen Gittertüren fest verschlossen. Besichtigung unmöglich. Dabei kann sich das Innere der Kathedrale wirklich sehen lassen – sie ist eine best ausgestatteten Barockkirchen in Prag.

Das Glück war mit uns. Das Clementinum und die Kirchen werden oft für Konzerte genutzt, und genau ein solches wurde in der Kathedrale St. Clemens angeboten. Wir haben nicht lange überlegt. Wie es dann weiterging (denn normalerweise ist diese Kirche immer geschlossen) und was und da erwartet hat?

Meine, nein unsere Begeistung war grenzenlos.

Ihr könnt darüber mehr in meinem Bericht zur Kathedrale lesen und natürlich ganz viele Fotos aus dem prachtvollen Inneren der Kirche sehen.

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Die Kirche St. Salvator

könnt ihr am Kreuzherrenplatz vor der Karlsbrücke mit ihrer Fassade nicht übersehen. Einst war sie die wichtigste Jesuitenkirche in ganz Böhmen und wurde 1578 auf die Grundmauern der Clemenskirche aufgebaut.
Auch in dieser Kirche finden Konzerte statt und wenn ihr Glück habt, dann könnt ihr durch das verschlossene Türgitter einen Blick ins Innere der Salvatorkirche werfen.

Die dritte Kirche ist die

Welsche Kapelle im Clementinum

die um 1590 zwischen der Salvatorkirche und der St. Clemens-Kirche als kleine Kapelle entstanden ist. Man könnte sie von der Karlova, der engen Karlsgasse zwar nicht übersehen, aber sie durchaus als eine Kapelle der beiden anderen Kirche zuordnen. Im 16. Jahrhundert sind immer mehr Bürger aus Italien nach Prag zugewandert, auch, weil die herrschenden Habsburger in dieser Zeit Wert auf die Arbeit im Renaissance-Stil gelegt hatten. Und das beherrschten die italienischen Baumeister und Handwerker vortrefflich. Es entstand wie so eine kleine italienische Kolonie. Es ist bekannt, dass die Mehrheit der italienischen Bevölkerung katholisch ist. Damals im eher protestantischen Prag brauchten sie also einen Ort an dem sie ihren Glauben leben und Gottesdienste feiern konnten.

1600 wurde die kleine Kapelle geweiht, die für die Öffentlichkeit aber geschlossen ist. Als der Jesuitenorden 1773 aufgelöst wurde, blieb die Kapelle weiterhin für die italienische Bevölkerung bestehen. Sie ging nicht, wie der übrige Komplex, in staatliches Eigentum über, sondern blieb im Besitz der italienischen Kongregation und ist bis heute in der Hand des italienischen Staates.

Ja, er kann sich schon von allen Seiten sehen lassen – der große Gebäudekomplex des Clementinum in Prag.

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So kommt ihr zum Clementinum (Klementinum) in Prag