Als “Tor zum Spreewald” wird die kleine Stadt Lübbenau im Landkreis Oberspreewald-Lausitz auch bezeichnet. Sie gilt als heimliche Hauptstadt des Spreewalds, und hat weit mehr zu bieten als Kahnfahrten und Spreewaldgurken.

Das kleine Städtchen war heute aus zwei Gründen unser Ziel. Zum einen wollten wir natürlich die Stadt besichtigen, die mir, neben Kahnfahrten, mit Schloss und Kirche bei meinen Recherchen positiv aufgefallen ist. Zum anderen mussten wir uns dringend von einem anderen Handynetz Sim-Karten besorgen. Selbstständig und kein Handynetz rund um die Wohnung, bedeutet der Super-Gau schlechthin. Aber das war nicht das einzige negative Erlebnis während unseres Aufenthalts im Spreewald. Mehr dazu lest ihr in meinem Erlebnisbericht – wie aus 10 geplanten Tagen im Spreewald blitzschnell 2 werden.

Von unserer Ferienwohnung waren wir in gut 15 Minuten in dem kleinen Örtchen und etwas vor dem Stadtzentrum im Handyladen. “Das ist aber ein verschlafenes Örtchen” so war mein erster Gedanke, der sich anschließend auf dem großen Parkplatz, der noch halbleer war verstärkte. Egal, wir machen uns auf zur

Besichtigung von Lübbenau im Spreewald

Nach wenigen Schritten sind wir auf dem großflächigen Marktplatz mit der

Kirche Sankt Nikolai

Leicht erhöht steht die Kirche im Stil des Dresdner Barocks auf dem Platz. Und da geht schon die Definition von ‘erhöht’ an 🙂 Für mich, die ich inmitten von ‘Erhebungen’, sprich Bergen lebe die bis über 700 Meter aufweisen, sehe ich hier nichts von Erhöhung. Für diejenigen, die aber im flachen Land, so wie es der Spreewald ist, leben, sind schon 2 Meter eine Erhöhung.
Fakt ist, dass an dieser Stelle eine Kirche seit 1463 belegt ist. Am 4. April 1500 wurde sie dem heiligen Nikolaus von Myra geweiht. Ja, genau dem Nikolaus, der am 6. Dezember vielverehrt seinen Namenstag feiert und der bekannteste Heilige der Ost- und lateinischen Kirche ist.
1736 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit gesperrt. Wenn man sich bewusst wird, dass nicht nur um Lübbenau herum ein Netz aus Fließen der Spree ist, sondern auch in der Stadt, dann verwundert es nicht, dass die Ursache dieser Baufälligkeit in dem sumpfigen Untergrund liegt und sie auf Holzpfählen stand. Immerhin war die Kirche noch bis ins 19. Jahrhundert zum Teil von schiffbaren Fließen und Gräben durchzogen und die Kirchgänger kamen mit Kähnen aus den umliegenden Gemeinden zum Gottesdienst.

Von 1738-1741 wurde im Dresdner Barockstil das neue Kirchengebäude erbaut. (Die Stadt gehörte damals zum Königreich Sachsen.) Der Kirchturm aus dem Jahr 1657 wurde in den Bau integriert. Er wurde 1178 um ca. 60 Meter erhöht, damit die Kirchenglocken nach allen Seiten gut hörbar übers Land schallen können. Die Kirche erfuhr im Lauf der Jahre einige Renovierungen.

Wir waren die einzigen Besucher während dieser Zeit, und deshalb – ihr kennt ihn ja bereits – störte niemand nach Betreten der Kirche, meinen Gesamtblick Richtung Altar.

DSC_0763
DSC_0913
DSC_0782

Direkt nach Betreten der Kirche durch eine Tür mit herrlichen Glasfenster, ist zur Rechten das erste von einigen weiteren Grabmale zu sehen. Es ist zu Ehren des 1765 verstorbenen Hofrichters der Lübbenauer Standesherrschaft, Hieronimus de Weding. Seine Pflegetochter ließ es setzen, auf dem Sarg sitzt Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit.

Der Altar auf der Ostseite der Kirche geht über die gesamte Höhe und ist ein kleines antikes Bauwerk für sich. 1741 wurde es gefertigt. Vor dem Altar steht ein aus dem Jahr 1864 geschaffener Taufengel aus Bronze. Er wurde von der Gräfin zu Lynar anlässlich der Genesung ihres Kindes gestiftet.
Auch die Kanzel, 1741 in Dresden geschaffen, ist es wert, genauer betrachtet zu werden.

Rechts vom Altar kann man das 1765 geschaffene Grabdenkmal für den 1768 verstorbenen Moritz Carl zu Lynar nicht übersehen. Er war der erste Patronatsherr der Kirche. Die drei weiblichen Figuren sollen die drei Tugenden des Haus zu Lynar darstellen – Gerechtigkeit, Glaube und Tapferkeit. Da die Ehe des Grafen kinderlos blieb, ist das Familienwappen zerbrochen dargetellt. Es lohnt sich, dieses Grabdenkmal näher zu betrachten.
An den 1781 verstorbenen Bruder des Grafen, Rochus Friedrich zu Lynar, der nach dem Tod des Grafen die Standesherrschaft in Lübbenau übernommen hat erinnert neben dem Grabdenkmal eine Gedenktafel.

Beachtenswert ist ein einfaches Holzkreuz an der Nordost-Wand der Kirche. Dieses erinnert an Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar, der am 29. Sept. 1944 als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten hingerichtet wurde. Dieses Kreuz wurde vom Dorffriedhof Seese, wo Wilhelm Graf zu Lynar gelebt hatte, nach Lübbenau gebracht, nachdem der Friedhof einem Braunkohletagebau weichen musste.

Von außen eine scheinbar ganz ‘normale’ Kirche – im Inneren aber mit sehenswerten Schätzen. Die Orgel stammt aus den Jahren 1741-43 und fasziniert haben mich die bemalten Emporen und Bänke.

Der kleine Marktplatz schien auch nach unserem Kirchenbesuch immer noch ein wenig verschlafen. Nur bei den Bänken am

Sagenbrunnen von Lübbenau

saßen ein paar Menschen im Schatten. In einer begehbaren Brunnenanlage hat 2007 der Künstler Volker-Michael Roth die Mythen- und Sagenwelt des Spreewaldes in märchenhaften Gestalten erlebbar gemacht. Der Spreewald mit seinen Wasserfließen ist die perfekte Grundlagen dieser Geschichten.
Mir hat die Geschichte von den kleinen Lutki, die auch am Sagenbrunnen leben, gefallen. Die kleinen, zwergenhaften Geister, die unter der Erde leben, weil sie das Läuten der Kirchenturmglocken nicht ertragen. Immer wieder kommen sie bei den Menschen vorbei und borgen sich Haushaltsgegenstände aus. Aber nicht in einer Frage ‘könnte ich?’. Sie reden nur in der Verneinung und das klingt dann so “Wir möchten uns heute nicht deine Kuchenform ausleihen, weil wir heute keinen Kuchen backen wollen.” Für das Ausleihen bedanken sie sich dann mit Selbstgebackenem.

Unser Weg ging weiter zum

Schlossbezirk mit dem Schloss der Grafen zu Lynar

Dieser Schlossbereich ist der älteste Teil der Stadt Lübbenau. Direkt am Eingang zum Schlossbereich kommt man nicht an ihm vorbei – an Rochus Guerrini Graf zu Lynar, der 1568 als erster seiner Familie von Italien nach Deutschland kam. Er war Festungsbaumeister, war u.a. an einigen Bauten in Dresden beteiligt und war unter August dem Starken Befehlshaber sämtlicher seiner Festungen. Und von ihm stammt die ganze in Lübbenau ansässige Adelsfamilie Lynar ab.
1621 kaufte die Witwe des Grafen Johann Casimir zu Lynar die Herrschaft Lübbenau, die anschließend über 300 Jahre im Besitz der Familie war.

Früher befand sich an Stelle des heutigen Schlossbaus – in dem heute ein Hotel untergebracht ist – eine mittelalterliche Wasserburg. Der Umbau zum Schloss im Renaissance-Stil erfolgte etwa um 1600. Das heutige Aussehen erhielt die Schlossanlage aber erst von 1817- 1820. Mehrere Gebäude umfassen den Schlossbereich. So die Alte Kanzlei, die 1745 als Gerichtsgebäude für den gräflichen Hofrichter erbaut wurde. Ebenfalls 1745 wurde das Marshallhaus erbaut, in dem zeitweise Bedienstete, Kutscher und Hofrichter oder Mitglieder der gräflichen Familie wohnten. Es gilt als das vermutlichst älteste Wohnhaus in Lübbenau.
Die Orangerie gesellte sich 1820 dazu und gab im Winter den empfindlichen Pflanzen Schutz.

Nachdem Wilhelm Graf zu Lynar 1928 die Standesherrschaft von Lübbenau übernahm, und der bis dato selbstständige Schlossbezirk in die Stadt eingemeindet wurde, verlegte die Familie zu Lynar 1930 ihren Wohnsitz nach Seese. Nachdem die Räume ab 1932 ein Museum beherbergt haben, wurden sie 1944 zum Feldlazarett. Nach dem gescheiterten Anschlag auf Hitler wurde Graf Wilhelm zu Lynar am 29. September 1944 hingerichtet und der Familienbesitz wurde durch die Nazis enteignet.

Wunderschön ist der

Schlosspark in Lübbenau

Zum Schloss entstand ab 1820 eine neun Hektar große Parkanlage im englischen Landschaftsstil.
Natur und Stille – und keine weiteren Besucher begleiteten uns auf dem Weg durch den Park.

Immer noch fragte ich mich immer wieder – ist in dem kleinen Örtchen tatsächlich (noch) nichts los? Schließlich lassen die Bundesländer noch nicht so lange uneingeschränkte Reisen in Corona-Zeiten zu. Wir gingen an den Wasserfließen vorbei – abgedeckte Kähne … Stille – Ruhe … bis …

ja, bis wir in der Dammstraße gelandet sind – DER Fußgängerzone in Lübbenau und an der

der große Spreehafen von Lübbenau

liegt. DA waren sie alle – die Touristen im Spreewald. Wir haben uns das rege Treiben bei einer Tasse Kaffee und einer Spreewälder Spezialität direkt an der Spree ein bisschen angeschaut.
DER Platz an dem die Kahnfahrten hinaus auf die Fließe beginngen. Nicht jeder mag sie ja in einem kleinen Kanu erkunden, so wie wir das für den nächsten Tag geplant haben.
Traditionell wie seit über 150 Jahren wird man mit von einem Fährmann auf dem Kahn über die Spreefließe gestakert. Die Flachboote haben keinen Kiel und werden von Hand mit einer langen Stange langsam und ohne Hektik vorwärts bewegt. So wie die Gondeln in Venedig.
Es war ein schönes Bild dort im Hafen, als ein Kahn um den anderen mit seinen Gästen abgelegt hat. Auf Fotos habe ich in dem Bereich aber verzichtet, da ich (ihr wisst es 🙂 ) kein schmückendes Beiwerk in Form von Menschen auf meinen Fotos haben möchte. Denn keiner, der dort in Lübbenau war, möchte sich doch auf Fotos in meinem Blog wiederfinden, oder? Nennt man auch Persönlichkeitsrecht.

Wir sind noch ein bisschen die Straße entlang, haben uns das große Angebot an Spreewälder Gurkenverkauf angeschaut – und sind dann dem Trubel auf Nebenwegen aus dem Weg.

Ihr könnt euch vorstellen wie ich mich als bekennendes ‘Wasserkind’ hier an den Fließen gefühlt habe. Ich hätte stundenlang dem Treiben, oder nur der Ruhe auf den Fließen, zuschauen können 🥰
Nachdem wir für den nächsten Tag ein Kanu für unsere Spreefahrt gebucht haben, ging es langsam wieder zurück zu unserer Ferienwohnung – nicht ahnend, dass ich mich sooooo schnell von dieser herrlichen Landschaft wieder verabschieden muss.

So kommt ihr nach Lübbenau im Spreewald