Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ist die Nikolaikirche, mitten in Leipzig, bekannt.

Geht man vom Bahnhof über die Nikolaistrasse in die Stadt, kann man sie nicht verfehlen. Mit ihren 63 Metern Länge und 43 Meter breit ist sie die größte Kirche der Stadt Leizpzig. Und in die Höhe geht sie zudem, 75 Meter ist der Turm hoch. Für uns war sie bei unserem Stadtrundgang das erste Ziel, und obwohl ich die Kirche 2004 mit meiner Tochter schon einmal besucht hatte, war es für mich erneut Faszination, die von dieser Kirche ausgeht.
Eigentlich sieht man ihr das wunderschöne Innenleben von außen gar nicht an. Aus der Romanik stammt der wuchtige Haupteingang, aus dem die drei Türme nach oben wachsen. Der Rest der Kirche ist im gotischen Stil geprägt.

Um 1180 wurde die Nikolaikirche als älteste Kirche der Stadt erbaut, nachdem Leipzig 1165 das Stadtrecht erhalten hatte. Innerhalb der damaligen Stadtmauer begann man mit dem Bau von zwei Kirchen – der Nikolaikirche und der Thomaskirche (die ihr in einem anderen Beitrag näher kennenlernt). Da die Stadt an der Kreuzung der damals wichtigsten Handelsstraßen des Mittelalters lag, der Via Imperii und der Via Regia (an der auch Naumburg lag), wurde die Nikolaikirche nach dem hl. Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Kaufleute, benannt. Stimmt, genau DER hl. Nikolaus, der am 6. Dez. seinen Namenstag feiert. Einen Teil der Via Regia könnt ihr in Leizpzig noch gehen, die belebte Einkaufsstraße Grimmaische Straße, eine Parallelstraße zur Nikolaistraße. Von 1513-1525 wurde die Kirche erweitert und im spätgotischen Stil zur dreischiffigen Hallenkirche umgebaut. 1555 wurde der achteckige Mittelturm aufgesetzt, in dem die Türmer mit ihren Familien ihren Wohnsitz hatten, übrigens bis 1932 wohnten sie dort. Wie bei so vielen Städten, auch in meiner Heimatstadt, waren die Türmer die Wächter der Stadt. Von hoch oben konnten sie alles gut überblicken – Angreifer oder Feuer. Und damit bekamen auch die Kirchenglocken ihre Doppelfunktion. Sie läuteten zum Gottesdienst und bei Gefahr. Das barocke Häubchen bekam der Turm aber erst 1730/31.

Die Kirche erfüllt auch noch heute ihren Anspruch den sie sich als Stadt- und Pfarrkirche geschaffen hat – sie ist eine offene Kirche für alle. Kurz nach Betreten der Kirche habe ich den Eingangsbereich mit seinen zwei Seitenkapellen auf mich wirken lassen.

Ich kann mir aufgrund unserer vielen Kirchenbesichtigungen lebhaft vorstellen, was das Werk des damaligen Bürgermeisters Carl Wilhelm Müller 1785 ausgelöst haben muss. Er ließ die mittelalterliche Ausstattung im Stil des Klassizismus ersetzen. Völlig neu zu dieser Zeit und vermutlich sehr revolutionär. Bis 1796 wurde die Kirche umgestaltet – in einer Farbgebung die man in Kirchen nicht so häufig antrifft. Weiß, hellgrün, gold und rosé. Diese Farben sollen einen Paradiesgarten symbolisieren.
Mit dem Leipziger Baumeister Dauthe fand er einen genialen Partner, der seine Pläne umsetzte.
Er verkleidete die spätgotischen Pfeiler als kannelierte Säulen nach ägyptischem Vorbild, die kurz unter der Decke in Palmwedel übergehen. Sie sollen Bäume darstellen und auf die sogenannte „Urhütte“ verweisen, Adams erste Behausung nach seiner Vertreibung aus dem Paradies.
Das Netzgewölbe wurde zu einer Kassettendecke und im Chorraum wölbt sich die hölzerne Decke mit reichem Stuck. So anders als in anderen Kirchen, einzigartig schön ….

Ich weiß, eigentlich wäre ja der erste Blick geradeaus nach vorne 🙂 Ich habe mir aber auf meinen Reisen schon automatisch den Blick nach oben angewöhnt, denn ganz viel Schönes sieht man oft nur als ‚Hans guck in die Luft‘.  Deshalb lass ich jetzt erst den Gesamteindruck wirken, bevor ich wieder ein bisschen ins Detail gehe.
Auf ein Gesamtbild der ganzen Kirche habe ich bewusst verzichtet. Wer meine Beiträge aufmerksam verfolgt der weiß, dass ich kein ’schmückendes Beiwerk‘, hier in Form von anderen Kirchenbesuchern, auf meinen Fotos haben möchte. Oft warte ich dafür auch gerne mal 15 Minuten bis der Blick frei ist, was aber hier in der Nikolaikirche absolut nicht umsetzbar war, oder teilweise nur sehr schwer.

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Mit der Umgestaltung der Kirche passten auch die Gemälde aus der Renaissance-Zeit nicht mehr. Darunter waren Werke von Lucas Cranach (von ihm sind Werke im Merseburger Dom zu bewundern) oder Georg Lemberger, die heute in verschiedenen Museen zu betrachten sind. Ersetzt wurden sie von Gemälden des Leipziger Malers Adam Friedrich Oeser, der als bedeutendster Vertreter des Frühklassizismus gilt und Johann Wolfgang von Goethe als Schüler hatte. Er zauberte ca. 30 wunderschöne Gemälde im Chorraum, darunter auch das Hochaltargemälde. Die Gemälde in den Vorhallen stammen ebenfalls von ihm. Das Taufbecken im Chorraum stammt aus dem Jahr 1793.
(Fotografieren war im Chorraum nicht erlaubt, deshalb gibt es keine Detailaufnahmen einzelner Bilder von ihm.)

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Ein Überbleibsel der mittelalterlichen Kirchenausstattung blieb aber erhalten, eine gotische Kanzel von 1521. Diese „Lutherkanzel“, eine Erinnerung an den Beginn der Reformation in Leipzig, ist aber nur im Rahmen einer Kirchenführung zu besichtigen. Jetzt sollte man mit dem Namen meinen, dass Luther von dieser Kanzel seine Predigten ans Volk gerichtet hat. Dem ist aber nicht so. Obwohl Luther mindestens sieben Mal nach Leipzig kam, hat er selbst nie von dieser Kanzel gepredigt.

Ich finde die heutige Kanzel wunderschön, passend zu den weißen Bänken der Kirche. Übrigens gehört die Nikolaikirche mit mehr als 1400 Sitzplätzen zu den größten Kirchen Sachsens.

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Ein weiteres Schmuckstücken der Kirche ist die 1862 erbaute Orgel. Nein, eigentlich ist ja die gesamte Kirche ein einziges Schmuckstück. Aber ich muss sie einfach extra erwähnen, gehört sie doch zu den größten Orgeln in Deutschland. Zwischen 1723 und 1750 sorgte Johann Sebastian Bach für die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste in der Nikolaikirche. Aber nicht nur dort, sondern auch in der Thomaskirche. Bachs Werke sind untrennbar mit Leipzig verbunden. Fast 30 Jahre war Bach in Leipzig, seiner letzten Wirkungsstätte, und schuf hier, neben ganz vielen anderen Werken, die berühmte Matthäuspassion, das Weihnachtsoratorium und die Johannespassion. Bach starb am 28. Juli 1750 in Leipzig und wurde auf dem Johannisfriedhof in Leipzig begraben. Ihm zu Ehren erinnert bei der Thomaskirche eine Bachstele.

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Lasst jetzt einfach noch die Nikolaikirche ein bisschen auf euch wirken.
Im Mittelgang der Kirche erinnert seit Ostern 1995 der Osterlichterbaum an die Ereignisse von 1989, von denen ich euch gleich noch mehr dazu berichte. „Gesprengte Fesseln“ – treffend beschrieben, und allein schon mit dem Hintergrund bekommt man unweigerlich in dieser Kirche eine Gänsehaut.

Jetzt, wie auch schon 2004 habe ich dieses Gänsehautfeeling, denn von hier ging alles aus.
Hier in der Nikolaikirche begannen 1982 jeden Montag, zuerst im kleinen Stil, die Friedensgebete. Im Herbst 1898 wurde die Kirche der Ausgangspunkt der gewaltfreien Montagsdemonstrationen die wesentlich zum Zusammenbruch des DDR-Staates führten. Ohne Krieg führten sie schließlich zum Mauerfall und zur Öffnung der innerdeutschen Grenze und somit zur Wiedervereinigung Deutschlands. „Gesprengte Fesseln“ treffender kann man diesen Lichterbaum im Inneren der Kirche wirklich nicht nennen. Ein kleiner Nebenraum im Chor erinnert mit einer Dokumentation an diese Zeit.

Auf dem Nikolaihof erinnert die „Friedenssäule“ an diese denkwürdigen Ereignisse. Sie ist eine Kopie der Säulen aus der Kirche. Deshalb ist diese wunderschöne Kirche mit diesem Hintergrund auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt.
Die Kirche ist kostenfrei zu besichtigen. Denkt aber bitte daran, dass auch hier eine kleine Fotogebühr bezahlt werden sollte.

Nikolaisäule Leipzig
Nikolaisäule Leipzig